Facebook-Seite regt auf

20. Februar 2018 14:07; Akt: 20.02.2018 14:22 Print

So weltlich waren muslimische Länder früher

von Mareike Rehberg - Feste im Iran, Anatolinnen ohne Kopftuch: Eine Facebook-Seite zeigt, wie entspannt Alltag in muslimischen Ländern einmal war.

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Auf der Facebook-Seite "Before Sharia Spoiled Everything" posten die Mitglieder Alltagsfotos aus muslimischen Ländern. Dieses Bild zeigt die Familie des Gruppen-Initiators Emrah Erken in einem Wald in der Nähe der türkischen Stadt Adana im Jahr 1974. Das Ziel der Gruppe: Europäern zeigen, dass es in vielen muslimischen Ländern bis in die 1970er- und 1980er-Jahre weltoffener zuging als heute. Dieses Foto zeigt Erkens Mutter und eine Freundin, wie sie 1965 in Ankara den Twist üben. Emrah Erkens Tante gewinnt 1946 in Adana einen 1500-Meter-Lauf. Erken und seine Mutter im Jahr 1970 in Ankara. Dieses Foto zeigt Erkens Großmutter im Jahr 1935 in Bursa. Auch andere Gruppen-Mitglieder schicken Familienbilder ein. Hier sind die Großeltern einer Nutzerin in den 1930er-Jahren zu sehen. Die Großmutter stammte aus einem Dorf nahe der türkischen Stadt Eskiehir, der Großvater aus Zypern. Diese Hochzeitsgesellschaft von 1975 in Irans Hauptstadt Teheran sieht nicht so viel anders aus als ähnliche Festgesellschaften in europäischen Ländern zu dieser Zeit. Selbst Bierflaschen stehen auf dem Tisch. Die Mitarbeiterinnen der Hereke-Teppich-Fabrik im türkischen Izmit kamen im Jahr 1967 in kurzen Röcken zur Arbeit. Anfang der 1970er-Jahre trainieren diese Mitglieder einer Ballettschule in der irakischen Hauptstadt Bagdad. In Lashkargah in der afghanischen Provinz Helmand feierten die Kinder 1965 Halloween. Was dieser junge Mann in Ankara wohl zu seiner Partnerin sagt? (1969) Miniröcke waren in den 1960er-Jahren auch im Irak populär, wie diese Medizinstudentinnen an der Universität in Bagdad (1969) zeigen. Auch in den frühen 1970er-Jahren trugen Frauen in Bagdad Minirock. Auftoupierte Haare und Cocktailkleider: Damen an einer Party in Teheran in den 1960er-Jahren. Auf diesem Bild aus den 1960er-Jahren sind sowohl Iranerinnen mit als auch solche ohne Kopftuch zu sehen. Nein, dieses Bild stammt nicht aus einer US-Vorstadt, sondern aus dem Teheran der späten 1960er-Jahre. Brav mit Seitenscheitel: Ein Bub (r.) bekommt 1969 in Ankara sein Grundschuldiplom. Zwei junge türkische Bäuerinnen, die an einem Dorfinstitut in der Nähe von Trabzon studieren, mit ihrem Besuch (1946). Zwei junge Frauen flanieren in den späten 1930er-Jahren in Ankara über den Ulus-Platz. Ein Lehrer mit seinen Schülerinnen und Schülern in Anatolien (1940). So sah die Innenstadt von Kairo im Sommer 1964 aus. Junge türkische Bäuerinnen erlernen ihren Beruf beim praktischen Unterricht auf dem Feld (Sivas, Zentralanatolien, in den frühen 1940er-Jahren).

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Viele Europäer haben bei muslimisch geprägten Ländern sofort ein bestimmtes Bild im Kopf: Die Frauen müssen sich in der Öffentlichkeit verschleiern, Alkohol ist tabu und freizügige Lebenslust sucht man vergebens. Wo in den vergangenen Jahrzehnten ein konservativer Islam Einzug gehalten hat, ist dieses Klischee manchmal nicht weit von der Realität entfernt. Was aber viele nicht wissen: Noch bis in die 1970er- oder 1980-Jahre hinein sah das Straßenbild in Ländern wie Iran, Afghanistan, Ägypten oder auch der Türkei noch anders aus.

Umfrage
Wie schätzen Sie die Diskriminierung von Muslimen in Österreich ein?
31 %
24 %
42 %
3 %
Insgesamt 2040 Teilnehmer

Die Facebook-Seite "Before Sharia Spoiled Everything" (auf Deutsch: "Bevor die Scharia alles verdorben hat") hat sich zum Ziel gesetzt, genau dieses vergangene säkulare Alltagsleben zu zeigen. Die Auswahl der geposteten Fotos ist vielfältig: Afghanische Frauen in den 1960er-Jahren posieren im Minirock. Eine ausgelassene iranische Hochzeitsgesellschaft konsumiert 1975 offen Alkohol. Eine iranische Familie aus den 1970er-Jahren in den Sommerferien unterscheidet sich in ihrem Kleidungsstil in nichts von einer Familie aus Europa. In Zentralanatolien arbeiten junge türkische Bäuerinnen in den frühen 1940er-Jahren auf einem Feld – und keine von ihnen trägt ein Kopftuch oder einen Schleier.

Kopftuchfreie Bauernmädchen und Fabrikarbeiterinnen

Die Gruppe gibt es seit Ende 2017 und hat schon mehr als 6.800 Mitglieder. Jeden Tag werden Dutzende Familienbilder, Straßenszenen und Fotos von Festen rege geteilt und kommentiert.

Den Initiatoren der Gruppe, ein Schweizer und zwei Deutsche mit türkischen Wurzeln, geht es vor allem darum, das Andenken an diese offenen Gesellschaften im 20. Jahrhundert wachzuhalten. Diese wurden ihrer Ansicht nach seit dem Ende der 1970er-Jahre entweder zurückgedrängt oder sind vollständig verschwunden. Die Gründer der Seite wollen besonders interessierten Europäern "diese Menschen und ihren ganz gewöhnlichen Alltag" nahebringen.

Emrah Erken, Zürcher Anwalt mit türkischen Wurzeln, hat die Gruppe ins Leben gerufen. Er habe die Erfahrung gemacht, dass unter Europäern eine große Unwissenheit über den früheren säkularen Alltag in muslimischen Ländern herrsche, sagt der 48-Jährige zu "20 Minuten". "Viele wissen ein wenig darüber Bescheid, aber glauben dem Narrativ der Islamisten und der regressiven Linken, wonach der Säkularismus in der muslimischen Welt einer reichen Elite vorbehalten gewesen sei. Das stimmt nicht einmal heute", so Erken, der seit 1979 in der Schweiz lebt. Deshalb poste er am liebsten kopftuchfreie Bauernmädchen vom Lande, Fabrikarbeiterinnen und andere "gewöhnliche" Bürger.

Expertin ist zwiegespalten

Viele Bilder, die auf "Before Sharia Spoiled Everything" zu sehen sind, stammen aus den Familienalben der Gründer oder anderer Gruppenmitglieder. Andere Fotos wurden schon vorher im Netz geteilt, etwa in Blogs. Nicht bei jedem Foto ließen sich die Angaben zu Ort, Zeit und Anlass überprüfen, räumt Erken ein, meist aber ließen die Informationen keinen Zweifel zu, etwa wenn es sich um Aufnahmen aus alten Zeitungen handle.

Die Islamwissenschaftlerin Helena Rust von der Universität Zürich sieht Erkens Projekt mit gemischten Gefühlen. Zum einen sei es sinnvoll, Europäern zu zeigen, dass in muslimischen Ländern eine andere Realität möglich war. Gleichzeitig findet die Expertin die Seite aber problematisch: "Die nostalgischen Bilder von westlich gekleideten Menschen implizieren, dass man säkulares Gedankengut nur unterstützt, wenn man kein Kopftuch trägt. Das ist Schwarzweißdenken, das nur an der Kleidung festgemacht wird."

Experte: "Spannender Beitrag zur Debatte"

Nicht die Bilder an sich seien das Problem, sondern der kommentierende Rahmen, in den diese eingebettet seien, sagt Rust. Online-Bild-Archive, in denen die Fotos unkommentiert zugänglich gemacht werden, hält sie für die bessere Alternative.

Der Islamwissenschaftler Christoph Ramm von der Universität Bern hält die Seite für einen spannenden Beitrag zur Debatte um den Säkularismus in muslimischen Ländern. Zwar sagt auch er: "Eine moderne Lebensweise und der Gang in die Moschee müssen kein Gegensatz sein." Zudem hätten sich verschiedene kulturelle Einflüsse zu der Zeit vermischt. Allerdings, so der Experte, sei es nicht der Anspruch der Macher, eine historisch differenzierte Arbeit abzuliefern, und das sei auch völlig in Ordnung.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • John Milton am 20.02.2018 14:18 Report Diesen Beitrag melden

    Spannende Seite

    Traurig zu sehen wie eine Gesellschaft sich selbst demontiert und degeneriert, und das in so kurzer Zeit. Für eine Hochkultur braucht die Evolution viel Zeit, aber für eine geistige Zurückentwicklung offenbar nicht. Da helfen auch die unglaubwürdigen Relativierungen der sog. "Expertin" nicht. Gibt andere Quellen an denen man den Verfall dieser Gesellschaften ablesen kann.

  • Sochal am 20.02.2018 14:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vergleich

    Es zeigt schön was passiert wenn man nicht um den Erhalt seiner rechte kämpft. Überspitzt sehe ich das genauso beim Raucherbegehren und die kastration unserer Selbstbestimmung. Deshalb bin ich gegen eine entmündigung von eigentum.

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  • Paul am 20.02.2018 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Teufelskreis

    Je konservativer sie werden, um so mehr lehnen "wir" sie und ihre Vorstellungen eigentlich ab. Um so mehr wie sie ablehnen, um so konservativer werden sie :-( Aber aus diesem teufelskreis müssen sie schon selber ausbrechen. Toleranz hat jedenfalls ja nix gebracht, ganz im Gegenteil.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Wolfgang das W am 21.02.2018 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Das war bevor der Westen...

    ...damit begonnen hatte, diesen Ländern unsere "Scheindemokratie" einzubomben.

    • Antonia am 21.02.2018 20:02 Report Diesen Beitrag melden

      Nein, WIR sind da nicht schuld dran.

      Rabiaten Islamismus gab es zB in Indien schon vor 70 Jahren.

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  • Hertha am 20.02.2018 21:23 Report Diesen Beitrag melden

    Geschichtslosigkeit?

    Kennen die Menschen dort ihre Geschichte? Wissen sie darüber, welche Freiheiten es gab oder werden solche Fotos in der islamischen Welt zensuriert? Wie rechtfertigt man vor sich selbst solch gesellschaftlichen Rückschritt?

    • Wolfgang das W am 21.02.2018 11:20 Report Diesen Beitrag melden

      Diesen Rückschritt hat der Westen...

      ...eingeleitet...also WIR! Als wir sie mit dem Vorwand "Demokratie" zu bringen, niederbombten um an ihre Rohstoffe zu kommen. So sieht die Gschicht wirklich aus!

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  • Mary Lou am 20.02.2018 19:53 Report Diesen Beitrag melden

    Kulanz und Selbstbestimmung

    Schön das hier darüber diskutiert werden darf und auch auf der FB Seite, Das Schweizer 20Min. hat wohl Angst vor den Reaktionen! Ich erinnere mich gerne in den 80ern noch an Reisen, nach Indonesien und Malaysia, als Frau alleine unterwegs. Es gab auch da ein paar Regeln bereits um in den Ländern nicht respektlos zu gelten, wie bedeckte Knie und Ellbogen. Verstand ich zwar schon damals nicht wirklich, merkte aber dass ich im Gegensatz zu Bauch frei und Shorts Trägern einiges weiter kam. Egal auf welcher Konservativen Seite die Kulanz ist leider sehr verloren gegangen wie die Frauenrechte auch.

  • Felizitas Bauer am 20.02.2018 19:42 Report Diesen Beitrag melden

    Mag

    Auch wir werden diesen Eintrag in die Geschichtsbücher schaffen..

  • WolfgangHeute am 20.02.2018 18:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vorschau?

    Kann es sein, dass diese vorher - nachher Geschichte in ein paar Jahrzehnten auch bei und so ist? Sie kommen ja schon her.

    • thunderbolt am 21.02.2018 13:49 Report Diesen Beitrag melden

      Vorschau!

      Oh ja, das schaut ganz danach aus.

    • Wolfgang das W am 21.02.2018 18:22 Report Diesen Beitrag melden

      Liebster Bruder Wolfgang....

      ...nicht nur heute sag ich dir...dass das z.B. die Thailänder auch befürchten. Und unsereins ist schon seit Jahrzehnten "bei Ihnen"...und missbrauchen ihre Kinder. Ohne dass die Beölkerung sich "UNS" angepasst hat. PS. Dich im Koran lesend...wahrscheinlich nur...über "deine Leiche". Mehr selbstvertrauen Bruder...und für eine Thailandreise sparen....ist angesagt. ;-)

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