"Natural Cycles"

30. Januar 2018 13:39; Akt: 30.01.2018 14:06 Print

Eine Verhütungs-App und 37 ungewollt Schwangere

von Fee Riebeling - Werdende Eltern freuen sich meist riesig auf ihr Baby. Anders 37 schwangere Schwedinnen: Sie hatten das eigentlich verhindern wollen.

Bildstrecke im Grossformat »
Trotz Verhütungsmittel schwanger: Diese Erfahrung mussten nun 37 Schwedinnen machen. Das Besondere daran: Sie alle hatten der Verhütungs-App Natural Cycles vertraut und sich wegen eines Schwangerschaftabbruchs an das Stockholmer Södersjukhuset-Spital gewendet. So war die auffällige Häufung der ungewollten Schwangerschaften überhaupt erst ans Licht gekommen. Mittlerweile hat sich die schwedische Arzneimittelbehörde eingeschaltet. Sie will prüfen, ob Bedienfehler vorliegen oder die App fehlerhaft ist. Die Ergebnisse werden in einigen Wochen erwartet. Bei Natural Cycles bleibt man entspannt: Kein Verhütungsmittel sei 100-prozentig sicher. Ihre App habe gemäß Studie einen Pearl-Index (PI) von 7, was heiße, dass statistisch gesehen innerhalb eines Jahres 7 von 100 Anwenderinnen schwanger werden. (Im Bild: die Entwickler Elina Berglund und Raoul Scherwitzl) Allerdings bezweifeln manche Experten, dass der PI korrekt angegeben ist. Die Gynäkologin Petra Frank-Herrmann äußerte gegenüber "Spiegel Online", dass die Schwangerschaftsrate "fundamental falsch berechnet" worden sei. Gleiches tat sie auch in einem Fachjournal. Aufgrund dieser und weiterer Kritikpunkte würde Frank-Hermann die App niemandem empfehlen, genauso wenig wie andere Verhütungs-Applikationen, "da sie noch keine eine ausreichende klinische Studie durchlaufen hat". Und damit steht sie nicht allein da. Ähnlich sieht es auch Gabriele Merki, Oberärztin in der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am Unispital Zürich und Präsidentin der European Society for Contraception and Reproductive Health: "Jemandem, der sicher keine Kinder möchte, rate ich von Verhütungs-Apps ab."

Zum Thema
Fehler gesehen?

Kein Verhütungsmittel bietet hundertprozentigen Schutz. Doch dass nach der Verwendung ein und desselben Produkts gleich 37 Frauen aus einer Region ungewollt schwanger werden, ist auffällig.

Umfrage
Sind Sie schon einmal ungewollt schwanger geworden?
9 %
12 %
36 %
1 %
42 %
Insgesamt 1285 Teilnehmer

Genau das ist in Schweden passiert. Gemeldet hatte die ungewöhnliche Häufung ungeplanter Schwangerschaften ein Stockholmer Krankenhaus Anfang Januar.

Untersuchung eingeleitet

Wie der schwedische TV-Sender SVT berichtet, haben von den 668 Frauen, die zwischen September bis Dezember 2017 das Södersjukhuset für eine Abtreibung aufgesucht haben, 37 angegeben, die Verhütungs-App Natural Cycles verwendet zu haben (siehe Infobox).

Mittlerweile hat sich die schwedische Arzneimittelbehörde eingeschaltet. Sie will prüfen, ob Bedienfehler vorliegen oder die App fehlerhaft ist. Die Ergebnisse werden in einigen Wochen erwartet.

"Es ist keine Überraschung"

Bei Natural Cycles zeigt man sich "zuversichtlich, dass die Prüfer nichts Ungewöhnliches finden werden". So unerwartet die Schwangerschaften für die Schwedinnen auch sein mögen, "es ist keine Überraschung", so Sprecher Harry Cymbler. Schließlich habe die Verhütungs-App laut Studie einen Pearl-Index von 7, was bedeute, dass statistisch gesehen innerhalb eines Jahres 7 von 100 Frauen, die diese Methode anwenden, schwanger werden.

Zum Vergleich: "Der Pearl-Index ohne Verhütung beträgt 85, mit Kondomen zwischen 2 und 15 und mit hormoneller Kontrazeption zwischen 0,3 und 8", erklärt René Hornung, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Als sehr sicher gelten Werte unter 1.

Kritik an Verhütungs-App

Bei laut "Daily Telegraph" total rund 700.000 Anwenderinnen der App könnten die 37 in Schweden dokumentierten ungewollten Schwangerschaften also durchaus im Bereich des Normalen liegen.

Lesen Sie mehr: Zyklus-Apps sind viel zu ungenau für Verhütung

Voraussetzung dafür ist aber, dass der Pearl-Index von Natural Cycles korrekt ermittelt wurde, was laut der Heidelberger Gynäkologin Petra Frank-Herrmann nicht geschehen ist. Im "European Journal of Contraception & Reproductive Health Care" bezeichnen sie und ihre Kollegen die von den App-Anbietern durchgeführten Schätzungen der ungeplanten Schwangerschaftsraten als nicht verlässlich.

"Schwangerschaftsrate fundamental falsch berechnet"

Den App-Entwicklern fehlten wichtige demnach Informationen, die es brauche, um überhaupt Aussagen über die Sicherheit der Methode treffen zu können. So sei nicht erhoben worden, zu wie vielen ungewollten Schwangerschaften es bei korrekter Anwendung der App komme, so Frank-Herrmann gegenüber "Spiegel Online". Ungeachtet dessen, sei eine Berechnung vorgenommen worden – und zwar so, dass eine möglichst niedrige Schwangerschaftsrate ähnlich derjenigen der Pille herausgekommen sei: "Die Schwangerschaftsrate wurde fundamental falsch berechnet." Bei Natural Cycles bestreitet man das.

Frank-Hermann würde die App niemandem empfehlen, genauso wenig wie andere Verhütungs-Applikationen, "da sie noch keine eine ausreichende klinische Studie durchlaufen hat".

Ähnlich sieht es auch Gabriele Merki, Oberärztin in der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am UniKrankenhaus Zürich und Präsidentin der European Society for Contraception and Reproductive Health: "Jemandem, der sicher keine Kinder möchte, rate ich von Verhütungs-Apps ab."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • TantePolly am 30.01.2018 16:46 Report Diesen Beitrag melden

    Ein klarer Bedienungsfehler.

    Zur Verhütung muss das Handy "eingeführt" werden.

    einklappen einklappen
  • Antonia am 01.02.2018 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    bruhaha

    das ist ja keine Verhütungsmethode, sondern eine Methode, den besten Zeitpunkt zu berechnen um schwanger zu werden

Die neusten Leser-Kommentare

  • Antonia am 01.02.2018 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    bruhaha

    das ist ja keine Verhütungsmethode, sondern eine Methode, den besten Zeitpunkt zu berechnen um schwanger zu werden

  • TantePolly am 30.01.2018 16:46 Report Diesen Beitrag melden

    Ein klarer Bedienungsfehler.

    Zur Verhütung muss das Handy "eingeführt" werden.

    • Fritz Trözter am 31.01.2018 10:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @TantePolly

      Stark

    einklappen einklappen