Masdar City

02. Januar 2018 10:53; Akt: 02.01.2018 11:14 Print

Eine grüne Vision in der Wüste

Im ölreichen Emirat Abu Dhabi entsteht eine Stadt, die sich ganz der Nachhaltigkeit verschrieben hat. Nach holprigem Start geht es nun voran.

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Das weltweite Medienecho war groß, als im Februar 2008 der Spatenstich für Masdar City erfolgte. Für 22 Milliarden Dollar sollte in der Wüste Abu Dhabis eine Stadt für 50'000 Einwohner und 1500 Unternehmen aus dem Umweltsektor entstehen, die eine neutrale CO2-Bilanz aufweist. Das Projekt sollte 2018 vollendet sein und der Welt als Vorbild dienen.

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Doch die Finanzkrise, die im gleichen Jahr einen ersten Höhepunkt erreichte, machte dem Projekt einen Strich durch die Rechnung. Auch das Emirat Abu Dhabi wurde von der Krise stark in Mitleidenschaft gezogen. Da zudem auswärtige Investoren mehrheitlich ausblieben, geriet die Vision Masdar City vorübergehend ins Stocken.

2017 als bestes Jahr

Inzwischen blicken die Verantwortlichen wieder optimistischer in die Zukunft. Chris Wan, Architekt und Planungsleiter von Masdar City sagt, dass man 2017 die bisher größte Wachstumsrate habe verzeichnen können und in den nächsten fünf Jahren deutlich mehr gebaut werden solle als in den Jahren zuvor. Inzwischen seien 90 Prozent der ersten Bauphase, was einer Fläche von 1 Quadratkilometer entspricht, gebaut oder fertig geplant. Unter anderem werden zurzeit etwa 500 neue Wohnungen bezogen, zudem ist eine Shopping Mall im Entstehen begriffen. Bis allerdings die ganzen 6 Quadratkilometer des Projekts fertiggestellt sind, dürfte es mindestens 2030 werden.

Wie Masdar City seine hochgesteckten Umweltziele erreichen will, zeigen die bereits fertiggestellten Gebäude. Zum Beispiel das Nahost-Hauptquartier von Siemens. Es ist neben dem Masdar Institute of Science and Technology und der Zentrale der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien (Irena) das bisher markanteste Gebäude der Planstadt. 800 Siemens-Angestelle arbeiten seit 2014 hier. In der ganzen Region Naher und Mittlerer Osten beschäftigt der Konzern 6000 Menschen.

Das Siemens-Gebäude wurde unter der Vorgabe geplant, dass es auch ohne Klimaanlage ein Optimum an Komfort bieten würde. Natürlich bekam das Gebäude in einer Gegend, in der es im Sommer bis zu 50 Grad heiß werden kann, schließlich doch eine Klimaanlage. Dank der Vorgabe und intelligenter Gebäudetechnologie von Siemens konnte der Energieverbrauch aber gegenüber einem ortsüblichen Gebäude um 50 Prozent gesenkt werden.

Siemens-Manager Manuel Kuehn über Masdar City (Video: 20M/jcg)

Ein kühler Treffpunkt

Eine wichtige Funktion nimmt auch die großzügige Plaza unter dem Siemens-Gebäude ein. Sie ist zum beliebtesten Treffpunkt der noch kleinen Stadt geworden. Hier ist es nicht nur schattig, es weht auch immer ein kühlender Wind. Das liegt daran, dass sich der Platz nach Nordwesten dem Meereswind öffnet. Auf der gegenüberliegenden Seite ist die Austrittsöffnung dagegen deutlich kleiner. Das beschleunigt den Luftzug deutlich und sorgt für eine vergleichsweise kühle Brise.

Die Bauweise der gesamten Stadt soll diesen Effekt unterstützen. Außerdem werden die niedrigen Gebäude nach Möglichkeit nahe aneinander gebaut, so dass die Wege dazwischen möglichst immer im Schatten liegen. Das sorgt dafür, dass es in der Stadt bis zu 10 Grad kühler ist als draußen in der Wüste.

Die Energie für die Stadt sollen fast vollständig Sonnenkollektoren liefern, die auf den Dächern und vor den Toren der Stadt angeordnet werden. Auch mit dem Wasser wird sparsam umgegangen. Ohne Verzicht auf Komfort sollen mittels intelligenter Technologien 40 Prozent weniger Wasser verbraucht werden als in Abu Dhabi üblich. Ein ausgeklügeltes Recycling-Konzept soll die Abfallmenge beinahe auf null bringen.

Nicht autofrei

Ob diese hochgesteckten Pläne realisiert werden können, muss sich noch zeigen. Ein Ziel werden die Verantwortlichen zumindest mittelfristig nicht erreichen: Die Öko-Stadt wird nicht autofrei sein. Das hat mehrere Gründe. Die autonomen Elektroautos , die in Masdar für ein Vorankommen sorgen sollen, bedienen bisher lediglich zwei Stationen. Zudem ist eine Schnellbahn, die Masdar mit der 30 Kilometer entfernten Stadt Abu Dhabi verbinden soll, in weite Ferne gerückt. Und der wohl wichtigste Grund: Die Menschen wollen ihr Auto schlicht nicht vor den Toren der Stadt stehen lassen. Sie wollen bis ins Haus fahren und dort parken.

Als Konsequenz bleiben nicht nur die Leihfahrräder vor dem Siemens-Gebäude mehrheitlich ungenutzt. Viel schwerer wiegt: Nachträglich müssen nun breitere Straßen und Parkgaragen eingeplant werden. Das wurmt die Verantwortlichen und Planungsleiter Wan hält fest, dass Fußgänger weiter Vortritt hätten und die Straßen nur so breit wie nötig gebaut würden. Die Garagen in den Häusern würden zudem so konstruiert, dass sie mit wenig Aufwand umgenutzt werden könnten, sollten die Bewohner irgendwann doch aufs Auto verzichten.

Vorbildfunktion angestrebt

Wann das so weit sein wird, ist schwer vorauszusagen. Noch ist Masdar City ein Fremdkörper in einer Gegend, in der statt energiegünstig flach und verdichtet lieber weitläufig und protzig in die Höhe gebaut wird, in der nicht Züge, sondern bis zu zwölfspurige Autobahnen und große Allradautos das Bild prägen und in der trotz Wüstenlage pro Kopf deutlich mehr Wasser verbraucht wird als in den meisten westlichen Ländern.

Trotzdem hofft Wan, dass Masdar City und die dort entwickelten Technologien weltweit Nachahmer finden. Und so empfindet er Neom, die geplante 500-Milliarden-Dollar-Smart-City in Saudi Arabien, weniger als Kokurrenz denn als Beweis, dass der mit Masdar City eingeschlagene Weg der richtige ist.

(J.-C. Gerber / 20min)

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