Antworten von Kardinal Christoph Schönborn: Zwei Päpste im Vatikan?

In meiner Kinder- und Jugendzeit kursierte ein Witz: Wie begrüßen sich zwei Päpste? Antwort: Haha, es gibt nur einen! Seit dem überraschenden Rücktritt von Papst Benedikt am 28. Februar und der darauffolgenden Wahl von Papst Franziskus wissen wir: Es gibt nun doch zwei Päpste im Vatikan!

Und seit dem bald darauffolgenden Besuch des neuen Papstes Franziskus beim "Papa emeritus" in Castel Gandolfo wissen wir auch, wie sie sich begrüßen: mit besonderer Herzlichkeit und Freundlichkeit: „Wir sind Brüder!“, wie Papst Franziskus bekannte. Ein historisches Treffen, das es in der zweitausendjährigen Geschichte der Kirche noch nicht gegeben hat. Wie wird das nun im Alltag aussehen: zwei Päpste im Vatikan? Papst Benedikt hat bei seinem Rücktritt angekündigt, er wolle den Rest seiner Lebenszeit vor allem dem Gebet widmen. Und ich bin sicher, dass er es bereits tut.

Ich hatte bei der Wahl seines Nachfolgers, an der ich teilnehmen durfte, sehr stark den Eindruck, dass Papst Benedikt mit seinem Gebet bei uns ist. In der Stille des Klosters in den Vatikanischen Gärten wird er das Wichtigste tun: seinen Nachfolger, die Kirche und die ganze Welt mit seinem Gebet unterstützen. Ich glaube, Papst Benedikt gibt damit eine wichtige Botschaft für unsere Zeit. Wir meinen oft, dass wir alles im Griff haben können und müssen. Aber ohne Gebet, ohne die Bitte um Gottes Hilfe, ist unser Tun oft nur hohl und vergeblich.

Papst Franziskus ist jetzt der aktive Papst, der die weltweite Kirchengemeinschaft zu leiten hat. Mit seiner schlichten, herzlichen, direkten Art hat er in aller Welt die Herzen gewonnen. Aber bei seiner riesigen Aufgabe ist er umso mehr auf Gebetsunterstützung angewiesen. Wie gut, dass er jetzt dafür im Hintergrund helfend seinen Vorgänger hat. Zwei Päpste sind also nicht zu viel.

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