Kirche "nicht hoffnungslos" Österreich

Schönborn will "vor eigener Türe kehren"

Schönborn will "vor eigener Türe kehren"

Christoph Schönborn nahm in der Pressestunde zur schwierigen Lage der Kirche in Österreich Stellung (© GEORG HOCHMUTH (APA))

Christoph Schönborn
Christoph Schönborn nahm in der Pressestunde zur schwierigen Lage der Kirche in Österreich Stellung
Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn sieht die katholische Kirche in Österreich "in einer schwierigen Situation, aber nicht in einer hoffnungslosen". Sie habe sich der "Missbrauchskrise" gestellt, sagte er am Sonntag in der ORF-"Pressestunde", wobei die Gründe des Vertuschens und der Umgang mit der "schwarzen Pädagogik" gesamtgesellschaftlich noch nicht aufgearbeitet seien. Die Bestätigung eines homosexuellen Pfarrgemeinderats in Niederösterreich verteidigte er, an kirchlichen Regeln will er jedoch nicht rütteln.

"Es geht nicht um Ausreden, aber es geht um Verstehen", sagte Schönborn zu Gewalt und Sadismus in Schule und Pädagogik. Er selbst habe als Schüler erlebt, wie sein Gymnasialdirektor und alle Eltern und Lehrer weggeschaut hatten, als ein Professor Kinder systematisch spitalsreif geprügelt habe. Darüber nicht zu reden und Gewalttäter einfach zu versetzen sei damals ein "kulturelles Phänomen" gewesen.

"Gott sei Dank hat sich das geändert", sagte der Kardinal. "Die Wahrheit macht frei. Das ist ein wichtiges Wort Jesu." Positiv sei auch, dass die Zeit der vielen Internate - "strukturell gefährliche, gefährdete Orte" - vorbei sei.

"Wie hat Jesus gehandelt?"
Zu seiner Bestätigung eines 26-jährigen, in einer eingetragenen Partnerschaft lebenden Homosexuellen als Pfarrgemeinderat in der Weinviertler Gemeinde Stützenhofen betonte Schönborn, dieser habe ihn "auch christlich sehr beeindruckt" und sei ein "wirklich liebenswürdiger Mann". Ursprünglich habe er selbst auch gemeint, dass dies mit den Regeln nicht kompatibel sei. Jedoch: "Ich frage mich immer in diesen Situationen, wie hat Jesus gehandelt. Er hat zuerst den Menschen gesehen."

An der in der Bibel festgelegten Bindung von Mann und Frau, die sich als "ein Fleisch" mehren sollen, ändere das nichts. Auch bei wiederverheirateten Geschiedenen gelte: "Wir halten am Menschen fest, aber wir halten auch an der Regel fest." Schönborn erinnerte in diesem Zusammenhang an seinen Freund, den verstorbenen Bundespräsidenten Thomas Klestil. Den Klagen der Pfarrerinitiative über einen drohenden Priestermangel stellte er den zunehmenden Schwund an Gläubigen gegenüber.

Korruption ist Katastrophe
Angesprochen auf Korruptionsfälle in Österreich verwies Schönborn auf "das Schreckliche am Berlusconi-Regime". Korruption sei für ein Land eine Katastrophe, weil sie die Substanz des menschlichen Miteinanders zerstöre. Auch die Kirche müsse sich wie alle in Sachen Moral am Riemen reißen. "Wir sollten vor der eigenen Tür kehren, wir haben viel zu kehren, um wieder Vertrauen zu gewinnen." In Sachen Asyl bezeichnete der Erzbischof die Schubhaft als "Schandfleck". In Österreich fehle weitgehend eine Immigrationspolitik. Sorgen macht sich Schönborn auch bezüglich der im kommenden Jahr anstehenden Wahlgänge. Es bestehe die Gefahr der billigen Slogans, des Hetzens und des Aufbauens von Feindschaften. "Hier müssen wir wirklich den Anfängen wehren."

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