Antworten von Kardinal Christoph Schönborn: Gottessuche

Vor einiger Zeit war bei mir ein älterer Herr, der vor Jahrzehnten aus der Kirche ausgetreten ist. Im Laufe des Gesprächs sagte er zu mir: "Ich glaube nicht an Gott, aber ich sehne mich nach ihm." Mich hat dieses Wort tief beeindruckt. Ich frage mich: Drückt dieser Satz ein verbreitetes Lebensgefühl aus?

Viele haben sich von traditionellen religiösen Wurzeln "frei gemacht". Es gehört zum guten Ton des modernen, aufgeklärten Zeitgenossen, alles zu bezweifeln, alles in Frage zu stellen. Und zu kritisieren gibt es ja genug. Haben nicht alle Religionen "Dreck am Stecken"? Sind vielleicht die Religionen selber das Übel? Was wurde nicht alles im Namen der Religion Schlimmes begangen! Nicht nur der katholischen Kirche wird ständig ein Sündenregister vorgehalten. Auch die anderen Religionen bekommen ihre Kritik ab.

Inzwischen gibt es in Österreich und anderen Ländern aktive Gruppen, die die Religion völlig aus dem öffentlichen Raum ins Private zurückdrängen möchten. Demnächst wird es darüber sogar ein Volksbegehren geben. Ich bin da zuversichtlich. Immer werden Menschen die Sehnsucht nach Gott verspüren. Kirchen und Religionen werden viel kritisiert, manchmal zu Recht, sehr oft in ungerechter Weise. Aber die Frage nach Gott wird deswegen noch lange nicht verstummen.

Dieser Tage durfte ich einen Abend mit dem Schriftsteller Martin Walser erleben. Von ihm stammt das Wort: "Wenn ich von einem Atheisten höre, dass es Gott nicht gebe, fällt mir ein: Aber er fehlt." Ist das nicht der schmerzlichste Mangel unserer Zeit?

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