Antworten von Kardinal Christoph Schönborn: Zur See und zu Hause

Ich bin zwar ein "Festlandbischof", aber war jetzt zehn Tage auf See. Mit 450 anderen Pilgern haben wir per Schiff die Wirkungsstätten des Apostels Paulus in Griechenland und der Türkei angesteuert. Und heute sind wir schon wieder fast zu Hause. So ein großes Passagierschiff ist eine Welt im Kleinen. Und wie in der großen Welt sieht man auch in der kleinen nicht alles.


Manches bleibt dem Blick verborgen. Zum Beispiel das Leben der Menschen, die sechs, acht oder gar 18 Monate ohne Unterbrechung Dienst auf dem Schiff verrichten. Ihre Kinder, ihre Ehepartner, ihre Freunde, Familie und Verwandten sind weit weg. Wenn sie in ein paar Monaten nach Hause kommen, kann das Kind schon gehen, das beim letzten Heimaturlaub noch ein Säugling war. Ich bewundere ihre Freundlichkeit, auch wenn sie zu ihrem Dienst gehört.

Ihre Arbeit ermöglicht es ihnen, genug zu verdienen und zu sparen, um die eigene Familie und oft auch einen Teil der Verwandtschaft zu erhalten – in Ländern, in denen selbst der anstrengende Dienst auf einem Kreuzfahrtschiff als Glücksfall gilt. Und es sind auf den Meeren noch viele Tausende unterwegs, die so arm dran sind, dass sie für so einen Job viel geben würden. Flüchtlinge ohne irgendeine Habe – nur mit der Hoffnung, mit ihrem brüchigen Boot irgendwo anzukommen, wo es Arbeit und damit eine Zukunft gibt. Während wir nach Hause unterwegs sind, tragen die Wellen diese Menschen ins Ungewisse. Auf uns wartet das Vertraute – sie haben jede Geborgenheit zurückgelassen. Wenn man auf Reisen ist, lernt man dieses Wort wieder richtig schätzen: Zuhause. Seien wir gut zu denen, die keines haben!

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