Kardinal Christoph Schönborn

Jugend ohne Perspektive?

"Ehre deinen Vater und deine Mutter … damit du lange lebst und es dir gut geht in dem Land." So lautet das vierte der Zehn Gebote Gottes. Diese uralte Weisung gilt seit jeher als Grundlage für die Familie. Zu einer Zeit, da es noch keine Sozialversicherung gab, waren die alten Menschen ganz darauf angewiesen, dass ihre (erwachsenen) Kinder für sie sorgen.

So heißt es einmal im Alten Testament: "Mein Sohn, wenn dein Vater alt ist, nimm dich seiner an und betrübe ihn nicht, solange er lebt. Wenn sein Verstand abnimmt, sieh es ihm nach, und beschäme ihn nicht in deiner Vollkraft." Hier wird vorausgesetzt, dass der "Generationenvertrag" gilt und hält. Die Eltern sorgen für die Kinder, bis diese groß sind. Dann sorgen die Kinder für die Eltern, wenn diese alt sind. Wie sieht es heute aus, wenn wachsende Wirtschaftskrise, dramatische Jugendarbeitslosigkeit (in Spanien 50 %) und niedrige Geburtenrate den Generationenvertrag gefährden?

Wie soll es den heute Jungen einmal im Alter gehen? Wer wird mich einmal pflegen, wenn ich alt und krank bin? So fragen sich schon jetzt manche Jüngere. Wird der Staat dazu in der Lage sein? Schon heute höre ich aus Spanien: Wo es mehrere Geschwister, Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen gibt, kurz: wo der Einzelne in einer Familie eingebunden ist, da ist die Arbeitslosigkeit viel weniger eine Katastrophe als dort, wo der Einzelne ganz auf sich gestellt ist – und nur auf staatliche Hilfe bauen kann. Inzwischen setzt sich bei vielen wieder die alte Weisheit durch: Die Familie ist das erste und wichtigste Überlebensnetzwerk der Zukunft. Kein Wunder, dass sich die Jugend vor allem eine gelungene Familie wünscht.

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