Antworten von Kardinal Christoph Schönborn

Sieg über die Türken?

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m Freitag ist der Gedenktag der Befreiung Wiens aus größter Bedrängnis: Mit nur 60.000 Soldaten konnte das kaiserliche Entsatzheer einen großen Sieg über das 300.000 Mann starke Belagerungsheer der Osmanen unter Kara Mustafa erringen. Das war am 12. September 1683.

Das Fest "Maria Namen" wurde zum Dank für die damalige Rettung Wiens eingeführt. Noch manches erinnert in Wien an diese dramatischen Tage, etwa der Türkenschanzpark oder die beiden Kirchen am Leopoldsund am Kahlenberg. Ein religiöses Fest für einen militärischen Sieg? Ist das nicht die typische Vermischung von Religion und Politik, die wir heute oft zu Recht kritisieren?

Religion und Politik dürfen nicht verwechselt werden! Aber sie sind auch nicht völlig zu trennen. Immer schon haben Menschen um Frieden gebetet, um Rettung aus Gefahr und Not. 1683 war die Bedrängnis extrem, und viele haben im Gebet Zuflucht gesucht. Die Befreiung Wiens, fast in letzter Minute, wurde wie ein Wunder erlebt, und viele haben diesen Erfolg Marias Fürbitte zugesprochen.

Wie so oft war die Türkenbelagerung Wiens nicht zuerst ein Religionskrieg Islam gegen Christentum, obwohl dies auch hereingespielt hat. Es war vor allem die Politik der Großmächte - damals wie heute -, die die Kriege verursachte. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg haben in Österreich Hunderttausende für die Befreiung Österreichs gebetet und auf Marias Hilfe vertraut: Und das Wunder wurde wahr. 1955 wurde Österreich frei. Und heute? Wir beten nicht gegen jemanden, sondern für ein friedliches Zusammenleben der Menschen und Völker, in der Ukraine, im Nahen Osten - und bei uns. Herzliche Einladung zur "Maria-Namen-Feier": Morgen, Samstag, ab 16 Uhr, oder Sonntag ab 15 Uhr im Stephansdom.

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