Antworten von Kardinal Christoph Schönborn

Zeugnis bekommen – Zeugnis geben

Kardinal Christoph Schönborn

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Heute bekommen in Wien und Niederösterreich Tausende Kinder ihr Zeugnis. Darunter sind viele Erstklässler, die ihre ersten Schulnoten erhalten. Ist es sinnvoll, schulische Leistungen zu benoten?

Darüber wird heute heftig diskutiert. Können Noten wirklich die Fähigkeiten (und auch Grenzen) eines Kindes bewerten? Das Schulzeugnis ist sicher nicht der einzige Maßstab. Ich halte es für unsinnig, wenn im Medizinstudium nur die Notendurchschnitte darüber entscheiden sollen, wer für den Arztberuf geeignet ist. Wie werden die menschlichen Qualitäten beurteilt, die mindestens so wichtig sind wie das genaue medizinische Wissen?

Mit dem Ende der Schulzeit ist auch die Zeit der Zeugnisse vorbei. Es gibt aber eine andere Art von Zeugnis, die uns ein Leben lang abgefordert wird: das Zeugnis der eigenen Lebenseinstellung, das Zeugnis der Glaubenshaltung. Dieser Tage hat mir die von mir hochgeschätzte Martina Salomon im "Kurier" den Vorwurf gemacht, ich sei zu wenig deutlich in meinen Worten über die Verfolgung und Vertreibung der Christen im Orient.

Diese schlechten Noten in meinem Zeugnis nehme ich ernst. Bin ich, sind wir Christen, besonders die Bischöfe, zu wenig mutig im Zeugnis-Geben für den christlichen Glauben, die christlichen Werte?

Heute, am Tag der Zeugnisverteilung, darf auch ein Bischof sich die Noten ansehen, die er bekommt. Ja, tun wir genug, um den verfolgten Christen zu helfen? Trauen wir uns, für christliche Haltungen und Überzeugungen einzustehen? Welche Noten hat nicht nur der Bischof verdient, sondern wir alle?

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