"Heute"-Interview

"800 Kinder starben, ich überlebte die Hölle"

KZ-Überlebender Alfred Grasel (90)

Grasel ist eines der letzten zwölf noch lebenden (und der Stadt Wien bekannten) Spiegelgrund- Kinder. Auf dem Foto: vier seiner eigenen Kinder.

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Von der Mutter mit 14 Tagen weggegeben, von der Pflegemutter als Sechsjähriger an die Nazis verraten, beginnt 1938 der Leidensweg von Alfred Grasel (90). Der Wiener mit jüdischen Wurzeln landet nach vielen Heimen "Am Spiegelgrund". "Heute" traf ihn in einem jüdischen Altersheim, wo er seine Lebensgeschichte erzählt.

Steinhof, Pavillon 15 und 17: Hinter den Mauern der Fürsorgeanstalt "Am Spiegelgrund" spielte sich zwischen 1940 und 1945 der organisierte Massenmord (Aktion "T4") an Kindern und Jugendlichen ab. 800 für die Nazis "lebensunwerte Leben" wurden ausgelöscht, Gehirne zu Forschungszwecken in Gläsern archiviert.

Auch Alfred Grasel hat nach seiner Einlieferung "Am Spiegelgrund" Todesinjektionen vom federführenden Arzt Heinrich Gross (NSDAP-Mitglied, Nummer 6335279) bekommen: "Es war eine furchtbare Zeit. Nach zwei Fluchtversuchen kam Dr. Gross mit Spritzen, sagte: 'Du wirst nie wieder weglaufen.' Nach den Injektionen kam mir Flüssigkeit aus allen Körperteilen, ich war halb bewusstlos, lag in meinem eigenem Dreck. Aber es hat mir damals nichts ausgemacht – ich bin geflüchtet in die Gleichgültigkeit. 800 Kinder haben sie umgebracht, ich habe die Hölle überlebt."

Über das plötzliche Verschwinden von Kindern am Spiegelgrund sagt Grasel heute: "Man hat uns gesagt, die Kinder sind heim zu den Eltern. Wir wussten nicht, dass sie ermordet wurden." 1942 wird Grasel weggebracht: "Man sagte mir, ich würde in den Urlaub fahren. Doch der Zug fuhr ins Jugend-KZ Moringen (D), ich bekam die Nummer 768." Grasel muss in der Küche arbeiten und hungern. Er stiehlt Erdäpfel, bekommt Stockschläge auf den nackten Hintern. "Ich musste bei jedem Schlag mitzählen, mich mit 'Zögling 768 hat dankend 15 Schläge erhalten' bedanken," erinnert sich Grasel. Dann stockt er kurz und sagt: "Das ist Zynismus."

Im KZ entkommt der Wiener nur knapp dem Tod: "540 Meter unter der Erde im Munitionsbergwerk musste ich im Februar 1945 eine Lok putzen, stand hinten. Der Stabführer fuhr plötzlich zurück und mich an die Wand, er wollte mich offenbar umbringen." Grasel überlebt schwer verletzt (Beckenbruch, 23 Nähte im rechten Bein). "Sie wollten mich nach Göttingen bringen, mir eine Euthanasiespritze geben, doch der Winter war so streng, dass sie mich nicht wegführen konnten. Ich wurde im Lager von einem Arzt zusammengeflickt."

Nach der Befreiung des KZ am 9. April 1945 geht Grasel zu Fuß nach Wien, schlägt sich mit Hilfsarbeiten durch, lernt seine Ehefrau kennen und wird Hoteldirektor. Über das, was ihm angetan wurde, schweigt er 50Jahre lang, auch seiner Frau gegenüber: "Es gab nichts zu erzählen, ich war als Kind nichts wert. Kein Wunder, dass ich in Heime kam." Heute lebt Grasel in einem Pensionistenheim, hat fünf Kinder, 15 Enkel, 15 Urenkel, die ihm Kraft und Liebe geben. Den Glauben an Gott hat er nicht verloren: "Wenn ich meine wunderbare Familie anschaue, dann weiß ich, er existiert."

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