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03.05.2012

Appell an Obama

Blinder Bürgerrechtler fürchtet um sein Leben

CHINA CHEN GUANGCHENG

Chen Guangcheng bittet US-Präsident Barack Obama um Hilfe (© www.ChinaAid.org (www.ChinaAid.org))

In einem Appell an US-Präsident Barack Obama hat der chinesische Bürgerrechtler Chen Guangcheng die USA gebeten, ihm jetzt doch bei der Ausreise aus China zu helfen.

In einem Telefoninterview mit dem amerikanischen TV-Sender CNN vom Krankenhaus begründete der blinde Aktivist seinen Meinungswechsel mit Sorgen um seine Sicherheit. "Wir sind in Gefahr." Der 40-Jährige berichtete von massiven Drohungen gegen seine Frau. Seine Familie sei auch als Druckmittel eingesetzt worden, damit er die US-Botschaft verlasse. Er sah sich von US-Diplomaten getäuscht und unzureichend geschützt.

Seine Vorwürfe und Kritik am Umgang mit dem Dissidenten überschatteten am Donnerstag den Auftakt einer neuen Runde des strategischen und wirtschaftlichen Dialogs zwischen China und den USA in der chinesischen Hauptstadt. Zum Auftakt der zweitägigen Gespräche rief Chinas Präsident Hu Jintao zu engerer Kooperation auf. Beide Länder sollten angemessen mit Differenzen umgehen und neue Wege gehen, um ihre Beziehungen im Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung zu entwickeln, sagte Hu Jintao.

Konfliktreiches Treffen
Zu den länger geplanten Gesprächen sind US-Außenministerin Hillary Clinton und Finanzminister Timothy Geithner nach China gereist. Auf chinesischer Seite nehmen der für Wirtschaft zuständige Vizepremier Wang Qishan und der oberste Außenpolitiker, Staatsrat Dai Bingguo, teil. Im Mittelpunkt stehen neben Handels- und Währungsfragen auch der Konflikt in Syrien, die Atomstreitigkeiten mit dem Iran und Nordkorea sowie die jüngsten Spannungen zwischen China und den Philippinen um strittige Seegebiete im Südchinesischen Meer.

In dem CNN-Interview appellierte der Bürgerrechtler an US-Präsident Barack Obama, "alles zu tun", um ihn und seine Familie aus China herauszubringen. Nach seiner Flucht aus 19 Monaten Hausarrest habe die Polizei seine Frau zwei Tage lang an einen Stuhl gefesselt. "Dann brachten sie Knüppel und drohten, sie zu Tode zu prügeln." Er sei gewarnt worden, dass seine Frau und seine zwei Kinder von Peking wieder in die Heimatprovinz Shandong gebracht würden, wenn er die Botschaft nicht verlasse. "Sie sagten, sie würden sie zurückschicken und Leute würden sie verprügeln."

Kein Vertrauen
Ursprünglich hatte Chen Guangcheng in China bleiben und kein Asyl in den USA beantragen wollen. Chinas Regierung hatte dem 40-Jährigen nach US-Angaben versprochen, mit seiner Familie an einen "sicheren Ort" umsiedeln und ein Studium aufnehmen zu können. Doch Menschenrechtsgruppen warnten, dass diesen Zusicherungen nicht vertraut werden könne. Chen Guangcheng begründete seinen plötzlichen Meinungswechsel im Krankenhaus mit der Angst um sich und seine Familie. "Es kann alles passieren", sagte Chen Guangcheng dem US-Sender.

Er wolle jetzt "so schnell wie möglich" China verlassen. In der US-Botschaft habe er nicht viele Informationen gehabt und auch nicht mit Freunden über seine Lage sprechen können. Chen Guangcheng äußerte sich "sehr enttäuscht" über die US-Regierung. "Die Botschaftsleute drängten mich, zu gehen, und versprachen, dass sie Leute hätten, die mit mir im Krankenhaus bleiben", sagte er. "Doch heute Nachmittag (Mittwoch), kurz nachdem wir dort ankamen, waren sie alle weg."

Fußverletzung auf Flucht
Von der Botschaft hatte sich der 40-Jährige wegen einer Fußverletzung, die er sich bei der Flucht zugezogen hatte, in das Pekinger Chaoyang Hospital begeben. Er wurde abgeschirmt und konnte am Donnerstagmorgen nicht mehr auf seinem Handy erreicht werden. In der Nacht hatte auch seine Frau Yuan Weijing in dem CNN-Interview die USA gebeten, ihnen bei der Ausreise zu helfen. "Nachdem wir die Realität gesehen haben, wollen wir diesen Ort mit unseren Kindern so schnell wie möglich verlassen. Es ist sehr gefährlich für uns."

"Wenn wir hierbleiben oder nach Shandong zurückgeschickt werden, stehen unsere Leben auf dem Spiel", sagte Yuan Weijing. Ihnen seien viele Versprechen gemacht worden, aber jetzt könnten sie nicht einmal das Telefon frei benutzen oder das Krankenhaus beliebig verlassen.

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