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20.07.2012
Akten manipuliert
Organspender-Skandal erschüttert Deutschland
Skandal an der Göttinger Uniklinik: Ein ehemaliger Oberarzt steht im Verdacht, in mehr als 20 Fällen Krankendaten manipuliert zu haben (© Julian Stratenschulte (dpa))
Der Fall sei unglaublich, sagte der Vorsitzende der deutschen Ständigen Kommission Organtransplantation, Hans Lilie, am Freitag. Man hätte sich nie vorstellen können, dass ein deutscher Arzt so handle. Nach Angaben der Süddeutsche Zeitung könnten sich die Vorwürfe zum größten Betrugsfall in der Geschichte der deutschen Transplantationsmedizin ausweiten.
Der 45-Jährige steht im Verdacht, in mindestens 25 Fällen Daten manipuliert zu haben. Der Krankheitszustand seiner Patienten soll dabei kritischer dargestellt worden sein, um die Chancen auf Spenderorgane zu verbessern. Die Staatsanwaltschaft in Braunschweig ermittelt wegen Bestechlichkeit.
Große Zahl an Manipulationen
Der Vorstand des Uniklinikums zeigte sich am Freitag erschüttert und rätselte über die Hintergründe. Geld könnte eine Rolle gespielt haben, sagte Vorstandsmitglied Martin Siess. Bisher sei aber nichts erwiesen. Möglicherweise habe der Mediziner Helfer gehabt. "Es ist unwahrscheinlich, dass nur eine Person an den Manipulationen beteiligt war", sagte er. Dazu seien Zahl und Umfang der Manipulationen zu groß gewesen.
Um die Affäre aufzuklären, hat die deutsche Bundesärztekammer eine Task Force eingerichtet. Für die Staatsanwaltschaft Braunschweig ist der Arzt kein Unbekannter. Die Ermittler seien bisher aber nur einen Fall von manipulieren Krankenakten informiert gewesen, sagte Sprecher Klaus Ziehe. Dabei geht es um den Verdacht, der 45-Jährige könnte Geld von einem russischen Patienten dafür angenommen haben, dass diesem in Göttingen bevorzugt eine Spenderleber implantiert wurde.
Oberarzt bestreitet Vorwürfe
Einem Krankenhaussprecher zufolge hat der ehemalige Oberarzt alle Vorwürfe bestritten. Die Klinik hatte sich von dem Mediziner getrennt, nachdem der erste Manipulationsfall bekanntgeworden war.
Spenderorgane werden nach einem streng festgelegten Kriterienkatalog von der Vermittlungsstelle Eurotransplant im holländischen Leiden an die Patienten in ihren acht Mitgliedsländern vergeben. Dabei geht es nach Dringlichkeit. Der Göttinger Arzt soll den Gesundheitszustand seiner Patienten bewusst schlechter dargestellt haben, damit sie von Eurotransplant schneller eine Spenderleber zugeteilt bekamen. Er habe zum Beispiel vorgegaukelt, dass ein Mann, der auf eine Spenderleber wartete, auch Nierenprobleme hatte und Dialyse-Patient war, erläuterte Lilie.
Spenderleber nach Jordanien gebracht
Ob in Göttingen Patienten gestorben sind, die auf der Empfängerliste weit vorn standen, wegen möglicher Manipulationen aber später oder überhaupt kein Spenderorgan erhalten haben, sei unklar, sagte Klinikvorstand Siess. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, war gegen den Oberarzt bereits in der Vergangenheit ermittelt worden, weil er eine für das Klinikum Regensburg vorgesehene Spenderleber mit nach Jordanien nahm, um sie dort einzusetzen.
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