Burgenland

08. August 2018 14:17; Akt: 08.08.2018 14:41 Print

"Heil Lenni": Viertklässler spielten in der Pause Nazis

Schüler einer Neuen Mittelschule im Burgenland wurden wegen Wiederbetätigung angezeigt, weil sie "Die Welle" nachspielten.

Trailer zum Film "Die Welle" aus dem Jahr 2008.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Alles begann in einer Deutschstunde in einer 4. Klasse der Neuen Mittelschule Zurndorf. Dort würde das Buch "Die Welle" besprochen und der gleichnamige Film vorgeführt. Er basiert auf einem wahren Experiment aus den USA, wo der Geschichtslehrer Ron Jones seinen Schülern 1967 zeigen wollte, wie leicht es ist, sich von den Ideen der Nationalsozialisten beeinflussen zu lassen. Das Experiment hatte schlimme Folgen - die zeigt auch der Film.

Skurrile Pausenspiele
Die Lehrerin in Zurndorf dachte sich danach eigentlich, dass ihre Schüler im Alter zwischen 13 und und 14 Jahren verstanden hatten. Doch in der Pause entwickelte sich daraufhin eine skurrile Eigendynamik.

Die Schüler begannen, "Die Welle" in den Pausen nachzuspielen. Sie gaben sich die Rollen von SS-Männern, andere waren die Juden. Letztere wurden als "Drecksjuden" beschimpft, herumgeschubst und im Lagerraum für Turngeräte "eingesperrt". Von den Vorfällen, die im März stattfanden, berichtet heute die Tageszeitung "Kurier".

"Heil Lenni" und "Gaskammer"
Mit der Zeit bildete sich der knapp 15-jährige Lenni (Name vom "Kurier" geändert, Anm.) als "Führer" heraus. Er entwarf seine eigene Version des Hitler-Grußes: Kinder mussten sich auf den Kopf klatschen und mit erhobener rechter Hand "Heil Lenni" sagen. Er verlangte das auch von seinen Mitschülern. Wer das nicht tat, kam in die sogenannte "Gaskammer" in den Raum für Turnmatten.

Ohne Lehrer-Aufsicht in den Pausen lief das geschmacklose Treiben über mehrere Tage in den Pausen ab. Ein Lehrerin wurde schließlich auf das immer lauter werdende Gebrüll aufmerksam und verständigte schließlich die Polizei. Zuvor hatten einige Schüler handgeschriebene Statements verfasst, die sich teilweise wie ein Geständnis lesen, heißt es.

Verfassungsschutz: Harmloser Streich
Der Verfassungsschutz schaltete sich ein und befand: Weil niemand verletzt und auch niemand wirklich eingesperrt wurde (die Räume waren nicht versperrbar), betrachte man die Abklärungsphase als abgeschlossen. Der Verfassungsschutz zweifelte daran, dass die Schüler "die Tragweite ihres Handelns erkannt haben". Ein dummer Streich also.

Anzeige wegen Wiederbetätigung
Die Staatsanwältin, die den Bericht bekam, sah das anders. Sie ließ gegen sechs strafmündige Schüler wegen NS-Wiederbetätigung und des Verbotsgesetzes ermitteln.

Der "Führer Lenni" sagte zu den Ermittlern: "Es war ein großer Blödsinn. Keiner hat das Ganze ernst genommen." Mit dem Nationalsozialismus habe er nichts zu tun. Bei Dokus, die er sich kürzlich angesehen habe, sei ihm "regelrecht schlecht geworden".

Von seiner Lehrerin hätte sich "Lenni" mehr Aufklärung nach dem Film erwartet. Die Deutschlehrerin sagte später, das sei im Rahmen eines Unterrichtsschwerpunktes noch geplant gewesen.

Von Sportwoche ausgeschlossen
"Lenni" darf als Konsequenz jetzt jedenfalls nicht auf Sportwoche mitfahren. Das entschied der Bildungsdirektor des burgenländischen Landesschulrates, Heinz Josef Zitz. Warum? Weil Eltern sich beschwert hätten und der Meinung waren, von dem Buben würde eine Bedrohung ausgehen, erklärte Zitz dem "Kurier". Der Anwalt des Buben, Andreas Schweitzer, empfindet das als Vorverurteilung.

Das Verfahren läuft noch.

Bleiben Sie informiert mit dem Newsletter von heute.at


Das könnte Sie auch interessieren:

(red)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lehrer am 08.08.2018 15:27 Report Diesen Beitrag melden

    Schullektüre-Klassiker

    Die Staatsanwaltschaft hat offenbar den Sinn des konzipierten Sozialexperiment nicht erkannt. Auf der einen Seite werden Schüler, Lehrlinge und Studenten einer Terror-Organisation gleichgestellt, während andererorts IS-Hassprediger freigehen. Einfach nur mehr peinlich unsere Justiz. Und die Lehrerin sollte den Schullektüre-Klassiker nicht vorführen, wenn sie die Welle, die sie in Bewegung setzt, nicht mehr unter Kontrolle bekommt. Es verdeutlicht einmal mehr, wie schnell man von einer Bewegung mitgerissen wird.

    einklappen einklappen
  • Karl-Heinz am 08.08.2018 14:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    einfach nur kindisch

    Peinlich, einfach nur peinlich! Jetzt malträtiert ihr auch schon Jugendliche mit euren Paranoia. Die Vergangenheit ist Teil unserer Gesellschaft und wird so schnell auch nicht aussterben. Umso besser, denn je länger wir tagtäglich daran erinnert werden, umso geringer ist die Gefahr, dass so etwas nochmals passiert. jedoch alles und jeden wegen Wiederbetätigung anzuzeigen ist mehr als infantil und zeigt, dass wir scheinbar keine ernsten Sorgen haben.

    einklappen einklappen
  • Mike am 08.08.2018 15:33 Report Diesen Beitrag melden

    "Gratulation" zu diesen Lehrern! (nicht)

    "Absolutes pädagogisches Totalversagen" seitens der Lehrkräfte nenne ich das. Ihr könnt stolz auf euch sein, reife Leistung. Die eine zeigt einen schwer zu verdauenden Film ohne ausreichende, zeitnahe(!) Vor- und Nachbesprechung, die andere hat nichts besseres zu tun als die Polizei zu holen, anstatt ein aufklärendes Gespräch mit den Schülern zu führen. Ich schlage vor, Sie suchen sich einen neuen Job, wo sie keinen Schaden mehr anrichten können.

    einklappen einklappen

Die neuesten Leser-Kommentare

  • Franky763 am 10.08.2018 12:02 Report Diesen Beitrag melden

    Wahnsinn

    Anstatt was anständigiges zu lernen wird immer wieder diese Vergangenheit aufgewärmt. Warum? Irgendwann muß Schluss sein

  • An der Nase nehmen am 08.08.2018 21:29 Report Diesen Beitrag melden

    Wir haben nur 1 (EINE) Chance

    Sehr traurig das wir aus der Geschichte nichts gelernt haben. Die ERDE ist rund und alles kommt wieder zurück.

  • Heimatland am 08.08.2018 20:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was sagen die Instanzen?

    So eine Lehrerin möchte ich für meine Kinder auch unbedingt, die zuerst die Kinder mit dem Film "die Welle" zu wenig vorbereitet konfrontiert und dann keine bessere Idee hat als die Polizei zu rufen, wenn sie mit der Situation nicht mehr fertig wird. Interessant wäre die Stellungnahme von Direktion, Bezirksschulrat, Landesschulrat (wozu gibt es alle diese Ebenen?)

  • angi am 08.08.2018 20:39 Report Diesen Beitrag melden

    das sind unsere Pädagogen heute

    Wahnsinn die Polizei zu rufen anstatt aufzuklären, was eigentlich die Lehrerin nach dem Film schon machen hätte sollen; geht's noch? Anzeige wegen Wiederbetätigung - die haben nur nachgespielt was ihnen gezeigt wurde, ohne das ganze zu verstehen; gegen die eigene Bevölkerung ist man schnell und stark, alle anderen haben Narrenfreiheit;

  • Ina am 08.08.2018 18:36 Report Diesen Beitrag melden

    Einfache Leute

    früher haben wesentlich mehr gekonnt und gewusst als die Akademiker heutzutage! Woran das wohl liegen mag? Aber die Akademikerquote steigt, damit sich die EU nicht beklagen kann! Kindergärtnerinnen müssen maturieren, damit sie sich Pädagogen nennen dürfen, usw. Früher gab es viele herzliche Kindergärtnerinnen, die sich liebevoll um die Kleinen gekümmert haben! ... ohne Titel! Bei den Lehrern verhält es sich ähnlich!