Caritas-Aktion: "#wirtun"

08. März 2018 05:44; Akt: 08.03.2018 13:01 Print

Rosi (58): "Es kann jede und jeden treffen"

von Gerda Mackerle - Knapp 500.000 Frauen sind in Österreich armutsgefährdet. Die Caritas hilft mit der neuen Aktion "#wir tun" Frauen, die in Notsituationen geraten.

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"Man ist schneller unten als wieder oben", sagt Rosi. Was die 58-Jährige erzählt, reicht für mehrere Leben. Von ihrem Vater wurde sie missbraucht. "Ich bin dann mit 15 ins Heim gekommen, mit 17 habe ich geheiratet." Doch damit entkam sie der Gewalttätigkeit nicht. "Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen. Mein Mann war Spieler, Schläger und Alkoholiker."

Im Alter von 21 Jahren landete Rosi auf der Straße – und blieb dort, bis sie 30 war. "Meine Kinder sind ins Heim gekommen." Wo sie übernachtet hat? "Auf Parkplätzen, auf Klos und im Zelt – überall", erzählt Rosi.

Rosi: "Niemand soll sich genieren, um Hilfe zu fragen"

1994 kam sie dann in die Gruft der Caritas – und lernte dort Sozialarbeiter kennen. "Seit 1996 habe ich eine eigene Wohnung" erzählt sie. Aber: "Es ist knapp. Im Monat habe ich etwa 500 Euro zum Leben. Ohne meinen Lebensgefährten wäre die Miete kaum leistbar." Rosi ist sich sicher: "Die Armen werden immer ärmer. Das Geld wird den Ärmsten weggenommen."

Was sie sich wünscht? "Dass mehr auf die Frauen eingegangen wird." In Betreuungseinrichtungen mit Männern würden diese "Frauen als Freiwild" betrachten. "Männer wollen die Frauen besitzen.. Das soll man sich nicht gefallen lassen." Ihr Appell an alle Frauen: "Kämpft für euer Recht". Und: "Niemand soll sich genieren, um Hilfe zu fragen. Es kann jede und jeden treffen." Je weniger Frauen haben, "desto abhängiger sind sie", sagt Rosi.

Doris Schmidauer: "Frauen brauchen einen Ort, an dem sie wieder auf die Beine kommen können"

Unter der Schirmherrschaft von "First Lady" Doris Schmidauer startete die Caritas am Mittwoch die Aktion "#wir tun" (alle Infos gibt’ auf wir-tun.at). Denn: Wir haben bemerkt, dass unsere Klientinnen in der metoo-Debatte keine Lobby haben." Daher startet die Caritas die "#wir-tun"-Bewegung.

Claudia Amsz leitet drei Mutter-Kind-Häuser in Wien im Vestibül des Burgtheaters. Schmidauer besuchte am Montag selbst das Haus "Immanuel" der Caritas. "Man spürt, dass diese Haus ein Zuhause bietet – und einen Ort, an dem man wieder auf die Beine kommen kann." Es gehe darum, den Frauen zu helfen, "ein selbstbestimmtes Leben führen zu können." Rund 500.000 Frauen in Österreich sind armutsgefährdet.

"Es trifft Alleinerzieherinnen, Mindestpensionistinnen und Teilzeit arbeitende Frauen", so Schmidauer. Und: "Es braucht viel Mut, um aus diesem Teufelskreis von Armut und Abhängigkeit zu durchbrechen." Damit es weiterhin – und mehr – Einrichtungen gibt, die helfen, "sammeln wir jetzt Geld für einen Fonds, der ausschließlich Frauen in Not zugute kommt".

Roswitha: "Obdachlosigkeit kann jede treffen"

Auch Roswitha (59, sie feiert nächste Woche ihren 60. Geburtstag) musste erfahren wie es ist, in eine Notsituation zu geraten. "Wenn mir vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass ich einmal obdachlos bin, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Obdachlosigkeit kann jede und jeden treffen", sagt sie.

Wie die resolute Dame in diese Situation gekommen ist? "Mein damaliger Partner hat im vergangenen Sommer aus dem Nichts heraus gesagt, er will alleine leben – nach zehn Jahren Beziehung. Ich habe meine wichtigsten Sachen gepackt und bin gegangen." Bei einer guten Bekannten kam Roswitha, die 22 Jahre im Gastgewerbe, später als Tagesmutter und als Betreuerin von kranken Kinder arbeitete, bis Dezember unter.

Für sie war es eine "große Überwindung", sich an die Caritas zu wenden, erzählt sie. Über AMS und Caritas wurde Roswitha an das Caritas-Haus "Miriam" in Währing vermittelt. "Durch viel Glück kann ich Ende März wieder ausziehen – in eine Startwohnung der Caritas", erzählt sie.

Birgit: "Hemmschwelle ist höher als bei Männern"

Birgit (51) war früher Büroangestellte. "Ich habe gut verdient, dann den Job verloren", sagt sie. Später arbeitete Birgit in einer Bäckerei, verlor wieder den Job. Irgendwann hatte sie nicht mehr genug Geld für Strom und Heizung. "Ich bin dann mit Kerze in der kalten Wohnung gesessen", sagt sie. Als es nicht mehr ging, schaute sie in der "Gruft" zum essen vorbei. "Ich wünsche das keinem, ich konnte nächtelang nicht schlafen. Von der Delogierung war ich nicht mehr weit entfernt."

"Die Hemmschwelle, sich helfen zu lassen, ist bei Frauen höher als bei Männern." Aber irgendwann "ist der Punkt erreicht, wo es nicht mehr geht." Um Mut zu fassen, hat sie lange gebraucht. "Man hat das Gefühl, dass man versagt hat", erklärt sie. Jetzt hat Birgit ein betreutes Konto, von dem die Fixkosten überwiesen werden. "Ich arbeite ehrenamtlich in der Gruft."

Wichtig, Frauen Mut zuzusprechen

Claudia Amsz leitet mehrere Mutter-Kind-Häuser der Caritas in Wien. Welche die größten Herausforderungen sind? "Die Problemlagen sind sehr unterschiedlich. Die Frauen sind destabilisiert, haben oft den Mut verloren." Daher sei auch die erste Aufgabe, ihnen "wieder Mut zuzusprechen." Meist befänden sich die Frauen jahrelang "in unhaltbaren Situationen und Abhängigkeitsverhältnissen", in die sie sich oft begeben würden, "um ein Dach über dem Kopf zu haben. In Häusern der Caritas würden Frauen häufig erst lernen, "dass es Beziehungen auf Augenhöhe gibt".

In Wien betreibt die Caritas drei Mutter-Kind-Häuser, ein Haus für alleinstehende Frauen – und mehrere Beratungsangebote für Frauen.

So funktioniert die Aktion "#wir tun"

– Mit einer Spende von 33 Euro erhalten Frauen einen Platz in einer Notschlafstelle, Unterstützung bei der Arbeitssuche oder einfach nur Essen und Kleidung für sich und ihr Kind.

– Mit einer Spende von 20 Euro erhalten armutsbetroffene Jungfamilien ein Babypaket mit vielen Dingen, die Babys brauchen: Babynahrung, Windeln, Bodys, Strampler, Socken, Hauben, Westen, usw.

– Mit einer Spende von 30 Euro erhalten Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, einen Heizkostenbeitrag und eine umfassende Sozialberatung.

Spenden an: Erste Bank
BIC: GIBAATWWXXX
IBAN: AT23 2011 1000 0123 4560
Spendenzweck: wirtun

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Edith am 08.03.2018 08:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Caritas hat es sich verscherzt

    Die Caritas bekommt von mir keinen Cent. Ich spende lieber für Tiere.

  • dsgl am 08.03.2018 10:21 Report Diesen Beitrag melden

    Bewußte Wahl

    Leider habe ich in meinem weiteren Bekanntenkreis 2 Fälle, wo junge Frauen mit schlechter Ausbildung und wenig beruflicher Perspektive, so schnell wie möglich schwanger wurden, um der Berufstätigkeit zu entgehen. Meist kommt dann in kurzer Zeit das 2. Kind, womöglich wieder von einem anderen Mann. Die Beziehungen halten nicht lange. Diese Frauen wählen bewußt Arbeitslosigkeit und denken überhaupt nicht an das Wohl der Kinder. Solche Fälle gibt es leider einige. Und dann klagen, wenn das Einkommen nicht ausreicht.

  • Laura am 08.03.2018 06:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeiten ist angesagt

    Ich rate allen Frauen, fleissig zu sein und einen guten Beruf erlernen. Wer zu hause bleibt, begibt sich in eine Abhängigkeit und muss mit den Folgen selber zurechtkommen. Aber oft ist es sehr bequem, bei den Kindern zu hause zu bleiben und der Mann muss allein schauen, wo das Geld herkommt

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Censorship am 08.03.2018 15:34 Report Diesen Beitrag melden

    Ja klar, Caritas...

    "Knapp 500.000 Frauen sind in Österreich armutsgefährdet" Wie viele davon arbeiten für die Caritas? Man spielt immer sozial und beutet seinen Angestellten aus...

  • Wolfgang das W am 08.03.2018 14:19 Report Diesen Beitrag melden

    Sollen mal die Bischöfe und Kardinäle...

    ...fragen, ob sie etwas von ihren geschätzten 350 Millionen (Quelle Fokus) Privatvermögen abgeben. Oder ob sie mal zumindest den Sternsingerbetrag verdoppeln, bei welchem sie Kinder jährlich betteln schicken. PS: Die Erhaltungskosten dieser vom biblischen Gott verachteten "babylonischen Türme", könnten sie für die Armen geben. Das wär gottgewollt!

    • Wolfgang das W am 08.03.2018 15:09 Report Diesen Beitrag melden

      Wenn ich daran denke...

      ...wieviel Immobilienbesitz alleine, der katholischen Kirche jedes Jahr vererbt wird - von Menschen denen sie doch wirklich glaubhaft machen konnten, Gott sei bestechlich -, regt sichs mir auch negativ im Magen. PS: Die "seelige" Muther Theresa...hat sicherlich nicht teuer Kinder zur Adoption verkauft....oder gar Kinderorgane "verscherbelt"...gar unvorstellbar! Ihr könnt nicht Gott dienen, und dem Mammon!!! ;-)

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  • Angel66 am 08.03.2018 12:25 Report Diesen Beitrag melden

    Scheinheilige...

    Wenn die Caritas sooo barmherzig ist, warum ortet sie dann nicht schon im Vorfeld wo sich gefärdete junge Frauen befinden könnten, und unterstützt diese, um zu vermeiden, dass es zu solchen Schicksalen überhaupt kommt?..aah..da hätten die Caritas&Co ja keine Daseinsberechtigung mehr!..da wären sie ja nichtmehr so gebraucht und könnten sich nicht so aufblasen,da könnten ja Scheinheilige nicht mehr "gönnerhaft und werbewirksam" Spenden geben!60 Jahre AmnestyInternational und Caritas haben es bis heute trotz der Milliarden Spenden nicht geschafft, dass Frieden und Wohlstand für alle Menschen gibt

    • Wolfgang das W am 08.03.2018 14:30 Report Diesen Beitrag melden

      The show must go on!...

      Dafür sind sie da...auch nicht einen Deut mehr. PS: Mir wird immer grottenschlecht, wenn ich Milliardäre/innen mit 1000 Euro Spenden - gezeigt durch einen Scheck so groß, dass dessen Druck allein schon fast teurer war -, in die Kamera grinsen sehe. Wirklich speiübel wird mir da...das kann ich euch flüstern.

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  • n.n. am 08.03.2018 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Frauenschutz

    Kann überhaupt nicht verstehen warum die Caritas den Frauen nicht einen eigenen Schlafraum und Waschräume zur Verfügung stellt!

    • Kebab am 08.03.2018 12:36 Report Diesen Beitrag melden

      Gibts schon

      Es gibt dieses Angebot, es nennt sich Haus Miriam, googlen sie danach. Bei der Gelegenheit googlen sie auch nach FrauenWohnZentrum,

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  • dsgl am 08.03.2018 10:21 Report Diesen Beitrag melden

    Bewußte Wahl

    Leider habe ich in meinem weiteren Bekanntenkreis 2 Fälle, wo junge Frauen mit schlechter Ausbildung und wenig beruflicher Perspektive, so schnell wie möglich schwanger wurden, um der Berufstätigkeit zu entgehen. Meist kommt dann in kurzer Zeit das 2. Kind, womöglich wieder von einem anderen Mann. Die Beziehungen halten nicht lange. Diese Frauen wählen bewußt Arbeitslosigkeit und denken überhaupt nicht an das Wohl der Kinder. Solche Fälle gibt es leider einige. Und dann klagen, wenn das Einkommen nicht ausreicht.