Statue enthüllt

04. Juni 2018 12:51; Akt: 04.06.2018 14:23 Print

Freud kehrt nach 80 Jahren nach Wien zurück

von Louis Kraft - Genau 80 Jahre nach Freuds Flucht vor den Nazis, gedenkt die MedUni Wien dem großen Wiener mit einer Statue. Mit dabei war auch Freud-Urenkel David Freud.

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Vor genau 80 Jahren, am 4. Juni 1938, bestieg Sigmund Freud am Wiener Westbahnhof einen Zug, der ihn und seine Familie über Paris bis nach London brachte. Er sollte seine geliebte Heimatstadt Wien nie wiedersehen.

Anlässlich dieses Jahrestages wurde heute, Montag, am Gelände der Medizinischen Universität Wien in der Spitalgasse in Wien-Alsergrund eine lebensgroße Bronzeskulptur von Freud enthüllt.

Eigens zum Festakt angereist waren der Urenkel von Sigmund Freud und Mitglied des britischen "House of Lords", Lord David Freud und die Tochter des Künstlers Oscar Nemon, Lady Aurelia Young. Ebenfalls mit dabei: Wissenschaftsminister Heinz Faßmann (ÖVP), MedUni-Wien Rektor Markus Müller und der Leiter der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der MedUni Wien, Stephan Doering.

Von der Medizin zur Psychoanalyse

Sigmund Freud zählt zweifelsohne zu den bedeutendsten Denkern der Weltgeschichte. Obwohl er vor allem als Begründer der Psychoanalyse bekannt wurde, begann Freud seine Karriere mit einem Medizinstudium an der Universität Wien. Nach seiner Habilitation ließ sich Freud als Arzt in Wien nieder.

1896 sprach Freud erstmals von der Psychoanalyse, mit der tiefliegende, unterbewusste Erfahrungen und deren Auswirkungen auf das Verhalten eines Patienten zu untersuchen suchte. Den Höhepunkt seines Schaffens erreichte Sigmund Freud in der 1920ern. Innerhalb nur weniger Jahre veröffentlichte er seine bekanntesten Schriften, darunter "Jenseits des Lustprinzips", "Massenpsychologie und Ich-Analyse" sowie "Das Ich und Es". Im Jahre 1935 wurde er Ehrenmitglied der "British Royal Society of Medicine".

Flucht vor den Nationalsozialisten

Nach Großbritannien zog es den mittlerweile 82-jährigen Freud auch als er 1938 vor dem Nationalsozialistischen Regime flüchten musste. Schon 1933 wurden viele von Freuds Publikationen bei den Bücherverbrennungen der Nazis zerstört. Als im März 1938 Freuds Tochter Anna durch die Gestapo verhört wurde, entschied Freud es sei Zeit das Land zu verlassen. Am 4. Juni 1938 emigrierte Freud mit seiner Familie nach London, wo er sich im Stadtteil Hampstead niederließ. Hier starb der große Denker im September 1939 als Folge seiner schweren Krebserkrankung. Freud soll täglich bis zu 20 Zigarren geraucht haben. Bestätigen konnte das sein Ur-Enkel aber nicht.

Freud kehrt in 500 Kilogramm Bronze zurück

"Mit der Skulptur gedenken wir einem großen Mann. Während Darwin erklärte, wo wir herkommen und Einstein Wege zeigte, wo wir vielleicht hingehen, erklärte uns Sigmund Freud, wer wir wirklich sind", erklärte MedUni Wien-Rektor Markus Müller.

Für Wissenschaftsminister Heinz Faßmann erfüllt das "historische Event" der Enthüllung drei wichtige Funktionen. Zum einen gehe es darum, dem großen Denker Freud und seiner Verbindung zu Wien und zur Medizinischen Universität zu gedenken. "Freud war aber auch ein prominentes Opfer des Nazi-Regimes", so Faßmann, der die Notwendigkeit betonte, an diese dunkle Zeit der österreichischen Geschichte zu erinnern. Dass Sigmund Freud nun als Statue an seine alte Alma Mater zurückkehre, sei aber auch ein Zeichen, dafür das die MedUni Wien ihre Verantwortung wahrnehme, die Ereignisse in die Gegenwart zu bringen und der nächsten Generation vor Augen zu führen.

Sitzender Ur-Opa, ergriffener Ur-Enkel

Die Bronze-Statue am Campus der MedUni Wien zeigt Sigmund Freud in sitzender Haltung, der Kopf ist wie in Gedanken zu einer Seite gedreht, die Hände sind in die Westentaschen gesteckt. Es ist der zweite Guss einer Gipsskulptur. Der erste steht in Nähe des Freud-Museum in London.

Geschaffen hat das Kunstwerk der gebürtige Kroate Oscar Nemon, der bereits als junger Bildhauer Freud gelesen hatte. Seine Versuche, Freud zum Modellsitzen zu überreden, wurde von dem Psychoanalytiker aber abgelehnt. Erst nachdem sich Nemon im Ausland einen Namen gemacht hatte, kam Freuds Assistent mit der Bitte auf ihn zu, anlässlich von Freuds 75. Geburtstag eine Skulptur zu gestalten. Zunächst fertigte der, ebenfalls 1938 nach England geflüchtete jüdische Bildhauer Büsten in Holz, Gips und Bronze an.

Mit großer Freude sei er heute bei der Enthüllung der Statue seines Ur-Opas dabei, betonte Lord David Freud (68). Der Künstler Nemon habe zwölf Sitzungen mit Sigmund Freud gebraucht, bis die Gipsskulptur fertig war. "Dabei war Freud sehr oft schlecht gelaunt. Mein Großvater hat oft von Freuds Launen erzählt, die im Widerspruch zum Image von Sigmund Freud als ruhigen und weisen Mann stehen", schmunzelte David Freud.

Sigmund Freud habe es gehasst, Wien verlassen zu müssen, erzählte sein Urenkel, erst als seine Familie in unmittelbare Gefahr geriet, habe er sich dazu entschlossen zu emigrieren. "Daher ist es mir eine besondere Freude, zu sagen: Welcome back, Great-grandfather", betonte der Lord.

Freud mit Statue schließlich doch zufrieden

Auch wenn Freud die Sitzungen nicht genossen hatte, war das Ergebnis dann offenbar doch zu seiner Zufriedenheit. So habe dieser zu der Büste gemeint, diese hätte "eine erstaunlich lebensechte Ähnlichkeit zu mir". Nicht ganz so voll des Lobes war offenbar Freuds Haushälterin: Auf ihren Hinweis, Nemon habe der Freud-Statue eine zu verärgerte Miene gegeben, soll Freud geantwortet haben: "Aber ich bin verärgert. Ich bin verärgert über die Menschheit".

Oscar Nemon hat eine Vielzahl berühmter Persönlichkeiten als Skulptur festgehalten. Dazu zählen neben der Freud-Statue auch Büsten und Skulpturen der US-Präsidenten Harry S. Truman und Dwight D. Eisenhower sowie von der britischen Royal Family und den Premierministern Winston Churchill oder Margaret Thatcher. "Im 'House of Commons' gibt es mehr Statuen meines Vaters als von jedem anderen Bildhauer", schmunzelt Nemon-Tochter Aurelia Young.

"Es war der größte Wunsch meines Vaters, dass seine Statue von Sigmund Freud, die er 1936 in Wien geschaffen hat, auch in Wien aufgestellt werden sollte. Nun ist die Statue meines Vaters endlich dort, wo sie hingehört. Freud ist endlich heimgekehrt", freute sich Lady Young.

Gedenkabend im Sigmund Freud-Museum

Auch das Sigmund Freud-Museum in der Berggasse 19 (Alsergrund) gedenkt der Flucht Freuds vor den Nazis. Burgschauspielerin Caroline Peters liest aus Ausschnitten von Briefen und Dokumenten vor, die mit Freuds Flucht aus Wien in Zusammenhang stehen. Einlass ist ab 17.30 Uhr, der Eintritt ist frei.

Im Rahmen des Gedenkabends sind die Museumsbereiche inklusive einer Werkauswahl der "Contemporary Art Collection" bei freiem Eintritt zu sehen.

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