Reaktionen

07. Dezember 2017 09:05; Akt: 07.12.2017 12:32 Print

Heftige Kritik für türkis-blauen 12-Stunden-Tag

ÖVP und FPÖ haben sich in den Koalitionsverhandlungen auf einen Zwölf-Stunden-Tag geeinigt, der 60-Stunden-Wochen ermöglichen soll.

Der leitende ÖGB-Funktionär Bernhard Achitz sprach in der ZIB 2 über die Einigung von ÖVP und FPÖ, die Maximalarbeitszeit auf zwölf Stunden anzuheben.

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Die Koalition in spe will die Höchstarbeitsgrenze von acht auf zwölf Stunden täglich bzw. von 40 auf 60 Stunden pro Woche erhöhen. Das haben ÖVP-Chef Sebastian Kurz und FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache am Mittwoch im Rahmen einer Pressekonferenz bekannt gegeben – "Heute" berichtete. Der Schritt soll Arbeitgebern mehr Flexibilität verschaffen.

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12-Stunden-Tag und 60-Stunden-Woche: Gute Idee oder Alptraum für Arbeitnehmer?

Die Reaktionen fallen gemischt aus. Unternehmer freuen sich, Vertreter von Arbeitnehmern sind skeptisch.

Wirtschaftskammer befürwortet Pläne

"Die moderne Wirtschaftswelt fordert von allen Akteuren mehr Flexibilität. Dem tragen die Regierungspläne Rechnung", freut sich Christoph Leitl, Präsident der Wirtschaftskammer Österreich. "Das heißt, dass mehr Entscheidungen auf der Betriebsebene gemeinsam mit dem Betriebsrat getroffen werden können und auch eine Höchstgrenze der Arbeitszeit von zwölf Stunden möglich sein soll."

Das sei bereits Praxis im öffentlichen Dienst, in Krankenhäusern und in Sozialstaaten wie Schweden und Finnland. Leitl erinnert auch an spezielle Regelungen bei Gleitzeit, Wochenendruhe und Saisonbranchen, welche mehr Möglichkeiten als bisher eröffnen würden.

Rückschritt ins 19. Jahrhundert

Johann Kalliauer, der Präsident der Arbeiterkammer Oberösterreich, im "Ö1 Journal um acht": "Ich bin enttäuscht, dass die erste konkrete Maßnahme dieser Regierung ein massiver Angriff auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist." Es gebe jetzt schon die Möglichkeit, flexibel bis zu zwölf Stunden zu arbeiten.

Er wittert die Absicht, den Zwölf-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche ohne begleitende Schutzbestimmungen zum Normalzustand machen zu wollen. Das sei ein Rückschritt ins 19. Jahrhundert. "Der Nutzen für die Arbeitnehmer ist aus meiner Sicht völlig im Dunklen", so Kalliauer.

Es sei bezeichnend, dass man im selben Zug Gewerkschaften und Kollektivverträge an den Rand dränge. Er zeigt sich aber auch davon überzeugt, dass die neue Regierung nach einer gewissen Zeit wieder den Kontakt zu den Sozialpartnern suchen werde.

"Muss eng begrenzte Ausnahme bleiben"

Der leitende ÖGB-Funktionär Bernhard Achitz warnt in der ZIB 2: "Wenn ArbeitnehmerInnen ohne zusätzlichen Ausgleich zwölf Stunden arbeiten müssen, ist das auf jeden Fall gesundheitsbelastend. Und es ist jetzt schon möglich, in Ausnahmesituationen zwölf Stunden zu arbeiten. Wenn das erweitert wird, ist das für die ArbeitnehmerInnen sicher kein Vorteil. Aus unserer Sicht ist es so, dass der Zwölf-Stunden-Tag auf keinen Fall die Regel werden darf, sondern eine eng begrenzte Ausnahme bleiben muss."

Parteien kritisieren

Auch in der Politik stoßen die Pläne nicht auf viel Gegenliebe. Der geschäftsführende SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder sieht eine Politik "gegen die ArbeitnehmerInnen und für die Konzerne".

"Die Vereinbarungen von ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen auf die betriebliche Ebene zu verlagern, ist die Lieblingsidee jedes neoliberalen Politikers - es versetzt die ArbeitnehmerInnen von vornherein in die schwächere Position und die Unternehmen diktieren die Bedingungen. Die besondere Gemeinheit ist dabei, dass sie uns das als mehr Freiheit verkaufen wollen", so Schieder in einer Aussendung am Mittwoch.

Auch die Liste Pilz kann sich keine Begeisterung für die Ankündigung von ÖVP und FPÖ abringen. Von einem Zwölf-Stunden-Arbeitstag zu reden, Arbeitnehmern mehr Flexibilität abzuverlangen, das Familienleben außer Acht zu lassen und Kosten für eine Nachmittagsbetreuung von Kleinkindern einzuführen sei zynisch, so Daniela Holzinger, Familien- und Sozialsprecherin der Liste Pilz, am Mittwoch. "Hier handelt es sich um reine Klientelpolitik: damit sich Unternehmen Überstundenzuschläge sparen. Alles auf Kosten der ArbeitnehmerInnen, deren Gesundheit und ihres Familienlebens."

Unerwarteter Kritiker

Ein FPÖ-Politiker hat sich ebenfalls gegen den Zwölf-Stunden-Tag ausgesprochen – ausgerechnet Obmann Heinz-Christian Strache. Das war allerdings noch im September 2013. Damals bezeichnete er die Idee in einem "Kurier"-Userchat als "asozial" und "leistungsfeindlich".

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(lu)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rick Grimes am 07.12.2017 11:06 Report Diesen Beitrag melden

    Schwerer Fehler

    Sinnvoll wäre eine Reduzierung der Arbeitszeit und dafür mehr Menschen in Arbeit bringen. Die Leute wollen und können (!) nicht mehr. Diese Entscheidung ist fatal und wird Folgen nach sich ziehen. Eine noch junge Regierung könnte sehr schnell auf dünnes Eis geraten. Vor allem wenn sie Wahlversprechen ignoriert und neoliberale Ausbeuterpolitik betreibt!

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  • myopinion am 07.12.2017 10:55 Report Diesen Beitrag melden

    60 Stunden Woche Kritik

    Schon interessant, dass alle Politiker zuerst von der Reduzierung der Arbeitszeit gesprochen haben. Sinn dahinter war, dass man neue Jobs schaffen wollte. Offenbar hat man jetzt entdeckt, dass man ja die vorhandenen Mitarbeiter mehr Arbeitszeit, aufbürden kann und sich so teure Personalsuche einsparen kann. Hoffe Gewerkschaft, AK etc. arbeiten hier für die Arbeitnehmer um diese Ausbeuterei zu verhindern.

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  • Jack Daniels am 07.12.2017 11:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    aha, also nichts mit Arbeitsplätze schaffen. wenn 12 Stunden gearbeitet wird, erspart man sich eine Arbeitskraft. na danke!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • j,l, am 10.12.2017 00:50 Report Diesen Beitrag melden

    nein danke

    dann bevorzuge ich arbeitslos zu sein. 20 std. woche reicht

  • Hackler am 08.12.2017 13:03 Report Diesen Beitrag melden

    Blaue ran an die Arbeit

    Wer nicht hören will muss fühlen,als man den Blauen Anhängern vor der Wahl sagte die FPÖ will einen 12-Stunden Arbeitstag glaubten sie es nicht,hauptsache gegen die SPÖ stimmen. Jetzt nicht jammern,sondern in die Hände spucken und ran an die Arbeit, 12 Stunden sind für Blaue doch locker zu schaffen,jemand muss doch die FPÖ finanzieren :-)

  • Fachleute fragen am 08.12.2017 10:26 Report Diesen Beitrag melden

    Keiner kann selbst entscheiden

    Wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht genauestens festgelegt werden, ist es ein modernes Sklaventum. Habe selbst 30 Jahre in diesem System gearbeitet. Überstunden wurden nicht monatlich abgerechnet. Habe oft 60 -70 Std. monatelang mitgenommen. Bist du nicht willig, kannst du gehen. In den freien Tagen wurde ich immer wieder angerufen und musste wieder in die Arbeit. Familie und Haushalt kostete viel Geld. Kindergarten, Hort, schnelles Essen. Um dann schwerkrank in die Pension zu gehen.

  • heyoka am 07.12.2017 18:45 Report Diesen Beitrag melden

    demokratisch gewählt...

    Wie man sich bettet so liegt man.

  • i bin a wunda am 07.12.2017 18:15 Report Diesen Beitrag melden

    hc, der umfaller

    interview mit hc strache am 16.09.2013: Interviewer: Wie stehen Sie zu einem 12 Stunden Arbeitstag? Heinz C. Strache: Eine asoziale leistungsfeindliche Idee, da dies für alle Arbeitnehmer Nettoreallohnverluste bedeuten würde. Jeder arbeitende Mensch hat es sich verdient, wenn er über acht Stunden am Tag arbeitet, diese Mehrstunden als Überstunden ausbezahlt zu erhalten. Diese werden bis heute skandalöserweise voll besteuert. Diese Überstundenbesteuerung möchte ich abschaffen, damit Leistung sich wieder lohnt.