Ein kleines Märchen

12. September 2018 15:36; Akt: 12.09.2018 15:36 Print

Fußball-Zwerg Andorra ist besser als der Weltmeister

Sie waren einmal das schlechteste Team in Europa – jetzt haben die Fußballzwerge aus Andorra einen beeindruckenden Lauf.

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Von Fan-Transparenten über Pyro-Eklats bis hin zu Platzstürmen. In dieser Diashow sind die größten österreichischen Fan-Skandale des Jahrtausends in Bildern gefasst. 24. Oktober 2017: Beim Amateur-Derby in der Regionalliga Ost stürmen rund 250 vermummte Fans den Platz der Austria-Akademie. Erst ein Eingreifen der Exekutive kann die Situation klären. Das Spiel endet 1:1 19. August 2017: Ein ekelhaftes Transparent der Rapid-Ultras im Duell mit Sturm Graz. Hier werden Journalisten mit Terroristen verglichen. 13. August 2017: Der Stangenwurf-Eklat von Maria Enzersdorf. Beim Duell zwischen Admira und Rapid flogen Stangen aufs Spielfeld. 6. August 2017: Das 2:2 im ersten Wiener Derby der Saison sorgt für Schlagzeilen. In der Nachspielzeit wird die Partie unterbrochen, Austria-Spieler Raphael Holzhauser wird vom "Wut-Ordner" beschimpft. 9. Mai 2017: Das Amateur-Derby zwischen Rapid und Austria endet in einem Skandal, nachdem Hütteldorfer "Fans" zu antisemitischen Gesängen gegriffen hatten. Endstand: 2:1 zugunsten der Veilchen. 25. Februar 2016: Eine ganz besonders geschmacklose Botschaft der Rapid-Fans an den Europa-League-Gegner FC Valencia. "Hure Valencia" war zu lesen. Dafür gab es 20.000 Euro Strafe durch die UEFA. Valencia gab die sportliche Antwort. Gesamtscore: 0:10! 25. Februar 2016: Im selben Spiel entrollten Rapid-Fans ein Banner, auf dem Funktionäre des Europa-League-Gegners Valencia beschimpft werden. Das war wohl die Reaktion der Ultras auf das Hinspiel im legendären Mestalla. 200 Rapid-Ultras hatten auf den Stadionbesuch verzichtet, weil sie ihre Fan-Utensilien nicht mit in die Arena nehmen durften. 6. April 2014: Nach einem Training der Austria Amateure passen Rapid-Ultras den violetten Nachwuchsspieler Valentin Grubeck ab und schlagen ihn brutal zusammen. Der Stürmer muss im Krankenhaus behandelt werden. Heute ist Grubeck beim LASK tätig. 22. Mai 2011: Unmittelbar nach dem 2:0 der Wiener Austria beim Derby in Hütteldorf stürmen hunderte Fans in der 26. Minute aufs Spielfeld. Die Partie wird abgebrochen und mit 3:0 zugunsten der Veilchen gewertet. 22. Mai 2011: Hier ist das Gesicht des Abbruch-Derbys. Der entblößte Panathinaikos-Hooligan wurde als "Hass-Grieche" bekannt. 4. Dezember 2009: Die Austria-Fans sorgen im Europa-League-Duell mit Athletic Bilbao (0:3) beinahe für einen Abbruch. Nach dem zweiten Gegentor kommt es zu schweren Ausschreitungen. Die Veilchen werden mit zwei Geisterspielen, eines davon auf Bewährung, bestraft. 24. August .2008: Bereits nach sechs Minuten endete im Wiener Derby die Karriere von Georg Koch. Neben dem damaligen Rapid-Keeper explodierte ein Knallkörper. Koch erlitt dabei ein Gehörtrauma und einen Kreislaufzusammenbruch, kehrte nicht mehr auf den grünen Rasen zurück. 22. Oktober 2005: Das 275. Wiener Derby wird zu einem echten Skandal. Nachdem beide Fanlager Feuerwerkskörper aufs Feld schießen, startet die Partie mit einer halbstündigen Verspätung. Rapid tritt nur unter Protest an. 22. Oktober 2005: Die Rapid-Fans reagieren auf ihre ganz eigene Art auf das Horror-Foul von Joey Didulica an Axel Lawaree im Mai 2005 und zünden eine Puppe mit dem Trikot des Austria-Tormanns am Galgen hängend mitten im Fan-Sektor an. 5. Mai 2005: Beim Stand von 3:0 für den GAK stürmen zahlreiche Austria-Fans in der 79. Minute das Spielfeld. Es kommt zu einer 15-minütigen Unterbrechung, ehe die Partie fertiggespielt werden kann. 20. Mai 2004: Beim 2:0-Sieg von Salzburg über Rapid durchbrechen zahlreiche Hütteldorfer Ultras die Absperrungen. Das Spiel wird vorzeitig abgepfiffen und voll gewertet. 29. Mai 2003: Die Austria feiert den Meistertitel. Hier jubeln Ernst Dospel und Ivica Vastic. Doch dem gingen dramatische Szenen voraus. Beim Stand von 2:0 für Schwarz Weiß Bregenz stürmten hunderte violette Anhänger bereits in der 77. Minute aufs Spielfeld, um den Titelgewinn zu feiern. Erst das Zureden der Verantwortlichen kann die Fans beruhigen, die Partie wird nach 25-minütiger Unterbrechung fertiggespielt. 27. Juli 2002: Auch bei Testspielen können die Emotionen überkochen. So wie beim Freundschaftsspiel zwischen Rapid und Arsenal London in Eisenstadt. Es kam dabei zu einer Schlägerei auf den Zuschauerrängen. Rund 200 unbeteiligte Fans, die sich in Sicherheit bringen wollten, stürmten aufs Feld. 5. August 2001: Beim Spiel zwischen Rapid und dem GAK (0:4) starteten rund 50 unzufriedene Fans einen Sitzstreik auf dem Spielfeld, riefen lautstark: "Wir wollen unser Geld zurück." Die Einsatzkräfte konnten den Protest nach wenigen Minuten auflösen.

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Was ist der Unterschied zwischen den Nationalspielern von Andorra und denjenigen von Ländern wie Frankreich, England, Deutschland, Brasilien oder Argentinien? Nun, die einen verloren im Jahr 2018 mindestens ein Länderspiel – und die anderen spielen für Andorra.

In einem Monat, kurz bevor die Amateurfußballer gegen Georgien ihre nächste Nations-League-Partie austragen, werden sie eine magische Marke geknackt haben: Ein ganzes Jahr ohne Niederlage. Ein Riesenerfolg für das Land mit rund 72.500 Einwohnern. Das Land, das im November 1996 sein erstes Länderspiel bestritt (1:6-Niederlage zu Hause gegen Estland). Das Land, das von Oktober 2004 bis Februar 2017 13 Jahre lang auf einen Sieg warten musste. 86 Spiele dauerte die Durststrecke an – keines der 211 Fifa-Mitglieder blieb so lange erfolglos.

Jetzt sind es immerhin fünf Partien, die Spaniens kleiner Nachbar nicht mehr verlor. Auch wenn bei den vier Unentschieden gegen Lettland, Kasachstan, Kapverden, die Vereinigten Arabischen Emirate und beim Sieg gegen Liechtenstein nicht die ganz große Topnation dabei war – die Andorraner sind mächtig stolz auf ihre Leistung. "Wir bleiben auf dem Boden und wollen einfach den Moment genießen", sagt Ildefons Lima gegenüber der spanischen Sportzeitung "Marca". Worte, die von Weltmeister Antoine Griezmann stammen könnten.

Der 38-jährige Lima weiß aber genau einzuschätzen, was diese Serie für sein Land bedeutet. Schließlich spielt er seit 1997 für die Nationalmannschaft, stand bei 115 von 151 Länderspielen in Andorras Geschichte auf dem Platz – damit ist er natürlich Rekordnationalspieler. Nebenbei ist der Innenverteidiger mit elf Treffern auch noch Rekordtorschütze seines Landes. "Früher war es ein Erfolg, zwei Spiele hintereinander nicht unterzugehen. Ein Jahr ohne Niederlage war bis vor kurzem undenkbar."

Nahezu hellseherische Fähigkeiten bewies Lima am 22. Februar 2017. Damals war Andorra bei San Marino zu Gast, es spielten die zwei schlechtesten Mannschaften gegeneinander. "Wir hatte unglaublich großen Druck", erinnert sich Lima. Der Rekordspieler übernahm Verantwortung, schoss beim 2:0-Sieg den ersten Treffer. "Das wird ein Wendepunkt", prophezeite er – und sollte recht behalten. Seither blieb Andorra in acht von dreizehn Spielen ungeschlagen, in dieser Zeit resultierte auch der größte Erfolg der Geschichte: ein 1:0 gegen Ungarn.

Wird das Märchen vollendet?

Dabei habe das Team an sich in den letzten anderthalb Jahren wenig verändert – außer den Sprung in der Fifa-Weltrangliste vom 203. auf den 130. Platz. "Wir haben nun halt das Glück, das vorher gefehlt hat", erklärt Lima. Obwohl, ein bisschen professioneller wurde es schon: "Vor dem Spiel in Liechtenstein hatten wir einen kleinen Zusammenzug in unserem Stadion La Linea. Das förderte den Teamgeist."

Gemeinsam hat die aus Amateuren bestehende Nationalmannschaft noch ein kleines Ziel vor Augen. Sollten sie auch am 13. Oktober in Georgien ohne Niederlage bleiben, wäre es sogar möglich, die Ungeschlagenheit länger zu wahren als der große Nachbar: Spanien spielt zwei Tage später gegen England. Es wäre das perfekte Ende eines kleinen Fußballmärchens.


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(Heute Sport)