Riesenschock

07. August 2012 15:02; Akt: 09.08.2012 09:54 Print

Gewichtheber Steiner von Hantel k.o. geschlagen

Riesenglück für Matthias Steiner - bei einem Versuch in der Gewichtsklasse über 105 kg konnte er das Gewicht zwar hochreissen und kurz in der Hocke halten, dann verließen ihn aber die Kräfte. Das 196 kg schwere Sportgerät erwischte ihn mit voller Wucht am Hinterkopf und am Nacken.

 (Bild: Reuters)

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Nach einer kurzen Schrecksekunde konnte der österreichische Hühne, der mit einer deutschen Lizenz stemmt, allerdings wieder aufstehen. Die Chance auf eine Medaille war durch den Zwischenfall natürlich dahin, aber an die dürfte er sowieso nicht mehr gedacht haben.

Der Goldmedaillengewinner von Peking gab nach dem Unglück bekannt, nicht weiter an dem Wettkampf teilzunehmen.

Zu Untersuchungen im Spital

Matthias Steiner klagte nach dem Zwischenfall über Schmerzen im Rückenbereich und wurde laut Angaben des deutschen Teams zu genaueren Untersuchungen in ein Krankenhaus gebracht. Dort sollte ausgeschlossen werden, dass sich der Olympiasieger von Peking 2008 Folgeschäden wie Wirbelverletzungen zugezogen hatte.

"Wir müssen die Untersuchungen abwarten. Nach bisherigem Stand ist es aber keine schlimme Verletzung", erklärte Michael Vesper, der Chef de Mission des deutschen Olympia-Aufgebots. "Er hätte gerne weitergemacht, aber die Gesundheit geht vor."

Lesen Sie auf Seite 2 die Geschichte Matthias Steiners...

Seine Geschichte hat Millionen berührt. Über Nacht ist Gewichtheber Matthias Steiner 2008 zum Liebling der deutschen Sportnation avanciert.

Nach dem Olympiasieg im Superschwergewicht waren es vor allem seine Emotionen, die aus Peking um die Welt gingen. Vier Jahre später zählt der gebürtige Niederösterreicher, der nach einem Zerwürfnis mit dem österreichischen Verband 2005 nach Deutschland ausgewandert ist, aber nicht zu den Topfavoriten.

Gold scheint für Steiner am Dienstagabend (20.00 Uhr MESZ) in der ExCel Arena von London außer Reichweite. "Ich träume von einer Medaille", erklärte der 29-Jährige. Grund für seine niedrigere Erwartungshaltung ist eine Verletzung, die er sich im September des Vorjahres zugezogen hatte. Einriss der Quadrizepssehne im linken Bein - hört sich harmlos an, im Gewichtheben ist dieser Bereich zwischen Knie und Oberschenkel aber der am meisten beanspruchte.

Operation, sonst Karriereende

Steiner musste sich einer Operation unterziehen, sonst wäre seine Karriere wohl zu Ende gewesen. Die 461 kg, die er beim Olympiasieg in Peking im Zweikampf zur Hochstrecke gebracht hat, sind diesmal nicht erreichbar. "Wer verlangt, dass ich Weltrekord stoße, der hat keine Ahnung von diesem Sport", betonte der Titelverteidiger. "Ich habe nicht das Fundament von damals." Mehrere Trainingsmonate fehlen ihm.

Zumindest 450 kg dürften für eine Medaille notwendig sein. "Das wird für mich schwer zu erreichen", gestand Steiner. Seine Saisonbestleistung steht seit Platz zwei bei der EM im April in Antalya bei mageren 424 kg, in London hat er sich dennoch mit einem Startwert von 445 kg eingeschrieben. "Ich muss von unten angreifen", sagte der Wahl-Deutsche, der aus Obersulz im Weinviertel stammt.

140-Kilo-Koloss mit Diabetes

Neue Energie hat sich der 140-kg-Koloss, der seit seiner Jugend an Diabetes leidet, in der alten Heimat geholt. Zwei Wochen schuftete Steiner zuletzt in seiner unmittelbaren Olympia-Vorbereitung im Bundessportzentrum Schielleiten in der Steiermark. "Ich habe Ruhe gebraucht", erklärte der gelernte Installateur, der in Deutschland zum Superstar geworden ist.

Sportler des Jahres, Silbernes Lorbeerblatt, Talkshowauftritte - mit Auszeichnungen war Steiner nach seinem überraschenden Gold nur so überhäuft worden. Die Tränen des Kraftprotzes auf dem Siegespodest samt Foto seiner ein Jahre davor bei einem Autounfall verstorbenen Frau Susann sind unvergessen. Gerne spricht Steiner nicht mehr darüber. "Die Geschichte ist auserzählt", meinte der Olympiasieger. In einem Buch etwa.

Von der zweiten Frau begleitet

Mittlerweile wird Steiner von seiner zweiten Frau Inge Posmyk begleitet, mit der er in Heidelberg lebt. Mit der TV-Moderatorin, die nun Steiner heißt, hat er einen zweijährigen Sohn, Felix. Bilder der jungen Familie wird es auf dem Siegespodest in London keine geben, versicherte Inge Steiner der "Welt am Sonntag". "Das würde ihm auch keiner abnehmen. Das mit Susi war etwas Einmaliges."

Zuerst muss es Steiner ohnehin einmal in die Nähe der Medaillen schaffen. Neben dem Sehneneinriss haben ihn in der Vorbereitung auch grippale Infekte, Schulter- und Handverletzungen sowie ein Hexenschuss zurückgeworfen, nach dem er ins Krankenhaus musste. Der Titelverteidiger weiß um eine Vielzahl von Athleten, die derzeit über ihm stehen. Topfavorit ist der Iraner Behdad Salimikordasiabi, der heuer bereits 451 kg gestemmt hat.

"Das Feld ist eng wie lange nicht mehr"

Bei der WM im Vorjahr in Paris erzielte "Salimi", wie der 22-Jährige genannt wird, mit 214 kg einen neuen Weltrekord im Reißen. Gold scheint er sich in London nur abzuholen müssen. "Das Feld ist eng wie lange nicht mehr", meinte Steiner, 2004 in Athen im Schwergewicht (bis 105 kg) noch Siebenter für Österreich. "Ich weiß nicht, was mich erwartet." Nur eines weiß er sicher: "Den Olympiasieg, den kann mir niemand mehr nehmen."

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