Edelmanns Pläne

07. Mai 2018 06:00; Akt: 27.06.2018 14:32 Print

Chinesen, Burger, Geld: So wird Mörbisch zum Event

von M. Dorner - Die neuen Seefestspiele brauchen internationale Gäste und Kinder, mehr Betten, Geld vom Staat, die großen Klassiker – und Showcharakter. Peter Edelmann im Interview.

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Vor rund einem Jahr grollte ein heftiger Theaterdonner über den Neusiedlersee – das Gewitter entlud sich im Rauswurf des designierten Seefestspiel-Intendanten Gerald Pichowetz. Der legendäre „Fünfer“ aus dem „Kaisermühlen Blues“ sollte 2018 loslegen und das ins Straucheln geratenen weltgrößte Operettenfestival (nach den wunderbaren Serafin-Jahren mit zu Spitzenzeiten 220.000 verkaufte Karten lag der Absatz unter Dagmar Schellenberger nur noch haarscharf über 100.000 Tickets) mit einer General-Reform retten. An den ganz, ganz großen Namen (mit den ganz, ganz großen Gagen) stieß sich allerdings die Geschäftsführung, offiziell wurde die Zusammenarbeit noch lange vor Beginn der Intendanz wegen "künstlerischen Differenzen über die künftige Ausrichtung der Seefestspiele" beendet. Stattdessen wurde Sänger und Universätsprofessor (den Posten als Institutsvorstand legte er aufgrund der neuen Herausforderung zurück) Peter Edelmann zum neuen künstlerischen Direktor bestellt.

Kulinarik-Konzept, internationale Gäste und Förderungen
Auch aus der von Pichowetz geplanten Premiere der "Frühjahrsparade" wird heuer nichts – ab 12.7. wirbelt nun "Gräfin Mariza" über die Seebühne. Wir haben mit dem Neo-Chef im Wiener Café Westend ("Ich liebe dieses alte Wiener Kaffeehaus. Es liegt auf dem Weg von der Musik-Uni nach Hause, ich fahre immer mit dem Rad") über das "große Zahnrad Mörbisch" gesprochen. Fazit: auf Dramaturgentheater kann er verzichten, auf Chinesen und Kinder nicht. Der Staat soll endlich wieder zahlen, der Event-Charakter geschärft werden, die klassische Operette wieder in den Fokus rücken und der Burger vom regionalen Rind munden.

"Heute": Herr Edelmann, was hat Ihnen Dagmar Schellenberger, die die Festspiele die letzten fünf Jahre leitete, in Mörbisch hinterlassen?

Peter Edelmann: Ein funktionierendes Team. Einen Geschäftsführer, Dietmar Posteiner, mit dem ich mich sehr gut verstehe und der auch sein Handwerk versteht. Er hat wie ich 1993 in Mörbisch angefangen. Mörbisch hat einen klingenden Namen - aber, natürlich: Der Verkauf ist zurückgegangen und ich versuche, das wieder besser zu machen. Die Zahlen gingen aber schon bei Harald Serafin zurück. Nach dem Hype mit den 220.000 Besuchern, die kamen, um ihn zu sehen, ging's bergab. Am Schluss waren es dann 140.000, die letzten Jahre hat es sich dann noch weiter unten eingependelt. Es wird jetzt keinen Knalleffekt geben. Ich bin kein Freund von großen Ansagen und großen Sprüngen, das wird es nicht spielen. Mörbisch ist ein großes Zahnrad, bei dem ein paar Rädchen neu justiert werden müssen, damit sich das Ganze wieder in eine gute Richtung entwickelt und besser läuft.

"Heute": Ich zitiere Sie: „Es ist unsere verdammte Pflicht, Operette zu spielen" – warum?

Edelmann: Weil das unsere Stücke sind, die bei uns komponiert und bei uns uraufgeführt wurden. Das ist unsere Kultur, unsere Musik. Und die Welt kommt zu uns, um diese Musik zu hören. Denken Sie ans Neujahrskonzert. Das ist Operettenmusik, das ist Walzermusik. Seit 60 Jahren gibt’s Mörbisch, wo die Operette sehr gut gepflegt wurde. Ich hab keine Ahnung, woher dieses Verstaubt-Image kommt. Ich finde Operette total attraktiv und es ist die Pflicht des größten Operettenfestivals der Welt, diese Fahne hochzuhalten.

"Heute": Es geht Ihnen aber nicht nur um die Operette an sich, es sollen auch "Erste Stücke" sein, wie sie im Libretto und im Klavierauszug stehen. Die "Frühjahrsparade", die Leider-Doch-Nicht-Intendant Gerald Pichowetz heuer spielen wollte, zählt da offenbar nicht dazu?

Edelmann: Nein, weil dieses Stück einfach zu wenig bekannt ist. Es ist nun einmal so. Wir bekommen seit zehn Jahren kein Geld vom Staat, wir haben also auch keinen Kulturauftrag. Seit Serafin versucht man, diese marathonartigen Zuschauerzahlen wieder zu erreichen, und das geht nur mit den ersten Stücken. Ich hab immer gesagt: Wenn wir mal ein, zwei Jahre voll sind und wieder Geld da ist, kann man auch anderes spielen, vielleicht sogar einmal ein Musical. Aber ich glaube, etwas zu spielen, bei dem ich vorher erklären muss, was da jetzt vorkommt, das geht gar nicht.

"Heute": Gerald Pichowetz sieht das anders. Er nennt "Gräfin Mariza", die ab 12.7. gezeigt wird, "more of the same"…

Edelmann: Naja, die Frage ist, was will man? Viele Zuschauer? Die holt man nur so. Ich spiele ja fürs Publikum, ich möchte kein Dramaturgentheater machen und die Stücke neu erfinden. Ich will große Operette, aber so gespielt, wie man sie nirgends sonst sichtbar machen kann. Weil das nur in Mörbisch möglich ist. Ein Besuch bei den Seefestspielen ist Entertainment, ein Vergnügen, ein Unterhaltungsfestival im besten Sinne. Mörbisch ist ein Paket. Es ist nicht nur die Seebühne und die tolle Kulisse, es ist das ganze Erlebnis. Mörbisch hebt sich auch von Bregenz und Salzburg ab.

"Heute": Es geht also längst nicht mehr nur um die Musik. Ein Besuch in Mörbisch soll zum Event werden?

Edelmann: Absolut, ja. Es gehört ja alles dazu. Natürlich steht die Musik, wegen der die Leute ursprünglich kommen, an erster Stelle. Aber ich rate, am Nachmittag zu kommen. Machen Sie eine Runde im Elektroboot, gehen sie schwimmen, schön essen – und dann, als Krönung, gibt’s drei tolle Stunden mit Gräfin Mariza. Das ist Entschleunigung, ein Kurzurlaub, von dem man lange zehrt.

"Heute": Programmierung und Erlebnischarakter sind zwei der Zahnrädchen, um wieder Auftrieb zu bekommen. Wo schärfen Sie noch nach?

Edelmann: Beim Bühnenbild. Heuer wird es spektakulär, so etwas gab es noch nie gab. Eine Geige 45 Meter lang, 11 Meter hoch, ein Riesending. Da drinnen spielt sich alles ab. Ich wollte eine Überraschung. Etwas, wo man hinschaut, sich hineingezogen fühlt. Die Geschichte so zu erzählen, wie sie im Libretto steht, ist schwer genug. Man braucht da nichts Überstülpen, das ist nicht notwendig. Es ist gut, wie es ist.


Ein erster Blick auf die größte Geige der Welt

"Heute": Erstmals gibt's heuer eine eigene Fassung für Kinder. Sind die leuchtenden Augen von heute die zahlungskräftigen Besucher von übermorgen?

Edelmann: Ja. Man muss ja irgendwann anfangen, ihnen zu sagen, dass es sowas gibt. Das dauert eine Stunde, das überfordert nicht, da kann man das Handy schon einmal weglegen und sich tragen lassen. Die Kinder werden mitsingen, sie lernen ein paar Czardasschritte und bekommen die Noten in die Schule geschickt. Ich habe selber drei Kinder. Ich weiß, dass man sie nicht überfallen darf, aber man darf es anbieten. Die Sache ist ausverkauft, es kommen über 2.000 Kinder, auch Schulkasse aus Wien und Flüchtlingskinder von der Caritas. Das hat sich also schon rentiert. Und vielleicht gehen dann genau diese Kinder nach Hause und sagen ihren Eltern, dass sie jetzt auch die große Produktion sehen wollen.

"Heute": Toll, dass es dafür ein Bugdet gab …

Edelmann: Gab es ursprünglich ja auch nicht. Das war bei meinem Hearing ein ganz wichtiger Punkt, der sofort abgeschmettert wurde. Darauf habe ich aber bestanden – und wenn ich’s selber gezahlt hätte! Ich hab allen Sponsoren abgeklappert und es hat funktioniert. Wenn die Leute Kinder hören… Natürlich ist da auch PR dahinter.

"Heute": Was erwartet uns ab heuer ins Sachen Kulinarik?

Edelmann: Der Auftrag wurde neu vergeben, wieder an den alten Pächter – aber der nimmt Geld in die Hand und wird das ganz neu herrichten. Es gibt mehr lokale Angebote, wie ein Burgerstandl mit lokalem Fleisch. Und natürlich burgenländischen Wein. Das Lokal bietet Menüs, die auch zu der Puszta-Locatoon der Mariza passen, wie Gulasch.

"Heute": Ein ganz wunder Punkt von Mörbisch ist das Ausbleiben internationaler Gäste. Was läuft da schief?

Edelmann: Erstens verstehen Sie nichts vom Text, das ändern wir jetzt aber. Heuer bieten wir erstmals am Smartphone eine sinngemäße Übersetzung pro Szene an, das funktioniert per Wlan. Vor allem Ungarn ist ein absolutes Operettenpublikum, bislang gab’s von da aber null Zustrom. Das ist unfassbar. Das muss sich ändern. Und: Die Chinesen kommen auch noch nicht, die kommen nur nach Wien. Zu den Konzerten in der Hofburg im Juli und August, da singe ich selbst manchmal, kommen 10.000 Leute jeden Abend für Mozart und Strauss. Dieses Publikum ist für uns interessant. Da müssen wir uns was überlegen. Ein erster Schritt:
Im Juni fährt Landeshauptmann Niessl mit einer Delegation nach China, das Burgenland hat eine Partnerschaft mit der chinesischen Provinz Hunan. Da sollen die Kontakte vertieft werden und natürlich auch die chinesischen Gäste zu uns gelockt werden. Unabhängig davon zeigen wir nächstes Jahr "Land des Lächelns", das u.a. auch in China spielt. Das wäre doch was: Zuerst geht's zum Outletcenter nach Parndorf, das ist vielen Chinesen ein Begriff, dann nach Mörbisch.

"Heute": Gibt es für einen möglichen Ansturm aus China überhaupt genug Betten in der Region?

Edelmann: Im April war eine chinesische Delegation bei uns. Die erste Frage: Where ist the hotel? Naja, den großen Kasten, wo ale Platz haben, gibt's halt nicht. Das ist ein ganz großes Thema. Mich sprechen Leute darauf an, dass sie zwei Nächte buchen wollen und dann von Privatvermietern die Anwort bekommen: Geht nicht, sie müssen eine Woche bleiben! Die müssen umdenken. Ich bin kein Touristiker, aber ein bisschen ein Gefühl dafür muss man schon haben. Der Trend geht zu Urlaub an einem Tag, oder mit einer oder höchstens zwei Nächten. Wenn die Privatvermieter mit dem Preis für nur eine Nacht ein bisschen hanufgehen, stößt sich niemand daran, das macht man ja überall sonst auch so. Als ich hoffe, dass der Burgenland-Tourismus und das Land es auch verstehen, mit der Kultur zu werben. Im Burgenland gibt’s keinen Wintertourismus, da könnte die Kultur schon ein bisschen in den Vordergrund rücken.

"Heute": Ein weiteres Zahnrädchen ist die Parkplatz-Situation. Gibt's da Lösungsansätze?

Edelmann: Das Problem exisitiert, ja, ich bin nach einer Vorführung selber schon einmal 20 Minuten gestanden und keinen Zentimeter vorwärts gekommen. Aber: das betrifft nur etwa 150 Parklätze, die letzten. Für alle, die halt sehr spät kommen. Aber es muss gelöst werden, weil die Leute sind dann ang'fressen und das Letzte ist immer das, was sie sich merken. Wir werden die Lenker dort mit einem Flyer auf die längere Wartezeit hinweisen, sie bekommen ein Goodie, einen Gutschein für ein alkoholfreies Bier. Also lieber noch 20 Minuetn etwas trinken, anstatt sich im Stau zu ärgern. In Bregenz ist es so, dass man zuerst 20 Minuten zum Auto gehen muss, und dann halt gleich wegfährt. Bei uns geht man dafür nur drei Minuten.

"Heute": Warum nennen Sie sich eigentlich nicht Intendant, sondern künstlerischer Direktor? Gibt's da einen Unterschied in der Praxis?

Edelmann: Ich finde, ein Intendant gehört zu einem Staatstheater. Künstlerischer Direktor finde ich spritziger. Ich mache aber alles, was ein Intendant macht, auch. Wie mit den Sponsoren reden und versuchen, ihnen mehr Geld rauszulocken.

"Heute": Noch einmal zurück zu Gerald Pichowetz: Er hatte laut eigener Angaben den Auftrag, "Mörbisch wieder groß zu machen" – genau das machen Sie auch. Wo ist der große Unterschied?

Edelmann: Was heißt schon „groß“? Mörbisch war ja nie am Boden. Natürlich, zu Serafins Zeiten Ende der Neunziger gab’s dieses Publikum, das irrsinnig hungrig darauf war, etwas zu sehen. Es war die Zeit, als die Show von Peter Alexander, Anneliese Rothenberer und Co. eingestellt wurden. Das gibt’s heute nicht mehr, deshalb ist es ungleich schwieriger. Aber ja, ich habe den gleichen Anspruch: Ich will gute Produktionen machen und für das Publikum spielen. Und das Publikum wieder für dieses Genre begeistern. Ich bin da sehr bescheiden und nicht der große Sprücheklopfer, was das betrifft, weil wenn man viel verspricht, wie die Politiker, dann … Naja. Warum er nicht macht, das weiß ich nicht. Fakt ist: Ich hab mich im selben Hearing beworben, er wurde bestellt. Aber diese Geschichten kennt man ja. Dass Budgets überzogen werden und der Umgang vielleicht etwas schwierig ist, aber ich weiß es nich. Und die großen Namen, die da genannt wurden, wie Otto Schenk, die muss man auch bezahlen können. Noch einmal: Wir bekommen keine Förderungen.

"Heute": Warum eigentlich nicht, andere Festspiele werden ja auch subventioniert.

Edelmann: Ja, Bregenz bekommt zum Beispiel vier Millionen. Unter Serafin gab’s ein Plus, so konnten sie ausbauen, dann gab’s aber kein Geld vom Staat mehr. Und dann wurde verabsäumt, vertraglich festzulegen, dass im Bedarfsfall wieder ausgeholfen werden muss. Und der Bedarfsfall ist da. Ich bn sehr dahinter, dass sich das ändert, da sich auch die Zeiten geändert haben. Der Staat hat ja auch Einnahmen durch Mörbisch. Es kommen viele wegen des Genres – wir spielen ja keine "Carmen" aus Frankreich und keine "Turandot" aus Italien. Wir spielen unsere Stücke, und da steht uns ein bissl was zu. Da ist der österreichische Staat in der Pflicht, etwas zu tun.

"Heute": Gibt’s da schon konkrete Gespräche?

Erstmals nein für dieses Jahr. Aber wir werden einen Termin bei Herrn Blümel bekommen und ich habe gute Argumente.

"Heute": Werden die Ex-Intendanten auch heuer zur Premiere geladen?

Edelmann: Sicher.

"Heute": Auch der geschasste designierte Intendant Pichowetz?

Edelmann: Das weiß ich nicht. Das ist halt schon schwierig, weil er die Festspiele geklagt hat (in dieser Causa gibt es mittlerweile einen Vergleich, Anm.). Da kenne ich die Details nicht, aber: Wenn man sechs Monate nach einer Besetzung sucht, Telefonate führt und Co., dann steht einem für diesen Aufwand schon etwas zu. Das verstehe ich, das würde ich auch geltend machen wollen.

HIER gibt's Karten für "Gräfin Mariza", HIER alle Infos zu den Mörbischer Seefestspielen



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