Talk zum neuen Film

06. Dezember 2017 07:00; Akt: 05.12.2017 19:37 Print

Seidl: "Nach drei Jahren kam Blasphemie-Anzeige"

von M. Dorner - Mit seiner Arbeit mischt der Regisseur seit 40 Jahren die Branche auf. "Paradies: Glaube" brachte ihn fast vor Gericht, jetzt arbeitet er am neuen Film "Böse Spiele".

"Das abgekartete Spiel interessiert mich nicht": Ulrich Seidl im Interview mit Maria Dorner (Heute") (Bild: privat)

Fehler gesehen?

Zwei Männer, zwei Brüder, die in ihr Elternhaus in Niederösterreich zurückkehren, um ihre verstorbene Mutter zu Grabe zu tragen. Dort erinnern sie sich, sie trinken, sie besuchen ihren dementen Vater. Danach fahren sie wieder zurück in ihr eigentliches Leben. Der eine nach Rumänien, um sein neu begonnenes Leben weiter zu leben, der andere nach Rimini, um seinen alten Traum weiter zu träumen. Doch auf kurz oder lang werden sie beide von ihrer Vergangenheit eingeholt. Das ist der Plot von Ulrich Seidls neuem Spielfilm. Wir haben mit ihm gesprochen:

"Heute": Sie bereichern die Filmwelt seit fast vier Jahrzehnten mit zwei Kunstformen – Spielfilme und Dokumentationen. Haben Sie zuerst das Thema im Kopf und entscheiden dann bezüglich der Technik, oder ist’s genau umgekehrt?

Ulrich Seidl: Grundsätzlich ist’s ein ganz großer Unterschied, ob’s ein Spielfilm oder eine Dokumentation wird, denn erstens muss man den Film finanzieren und zweitens muss in beiden Fällen etwas ganz anderes erarbeitet werden. An einem Spielfilm arbeite ich vier Jahre, an einem Dokumentarfilm viel kürzer. Und dann muss für den Spielfilm ja auch noch ein Drehbuch geschrieben und sehr aufwändig eine Produktion vorbereitet werden. Aber was ich auf jeden Fall weiß, ist, dass ich einen Spielfilm mit Laien und Schauspielern besetze, das ist immer ganz wichtig für mich. Was ich auch weiß, ist, dass ich Schauplätze finden werde, von denen ich glaube, dass sie die richtigen für die Geschichte sind. Man hat dann ein Drehbuch, aber die Dialoge sind nicht geschrieben. Die Besetzung des Films dauert sehr lange, weil ich die Leute erst suchen muss. Die gibt’s ja nicht in der Kartei. Und dann muss ich sie ausprobieren, ob sie die Richtigen sind. Das betrifft übrigens auch die professionellen Schauspieler, ich begleite mögliche Besetzungen oft sehr lange. Die Besetzung hat ja auch immer mit dem eigenen Leben, dem eigenen Empfinden und den eigenen Vorzügen zu tun. Es verbindet sich die gedachte Rolle immer mit dem jeweiligen Menschen.

"Heute": Bei Laien weiß man, dass Sie bereits lange vor Drehbeginn ein Naheverhältnis herstellen. Aber wie läuft das mit Profis ab?

Seidl: Man trifft sich, geht was essen. Ich gehe auch nach Hause zu den Leuten, um zu sehen, wie sie wohnen, was sie anziehen. Meine Kostümbildnerin geht mit und schaut in ihren Kleiderkasten.

"Heute": Ist das nicht aufgelegt, dass Schauspieler, die die Rolle in Ihrem Film unbedingt haben wollen, sich und ihr Umfeld so geben, wie Sie glauben, dass es gut wäre? Immerhin sind sie ja Schauspieler…

Seidl: Nein, verstecken kann man nichts. Man kann nur versuchen, möglichst nichts herzuzeigen, aber dann ist die Sache ohnehin klar. Denn wer das macht, kann bei mir nicht spielen. Wenn jemand meint, das ist zu privat, dann habe ich ein Problem. Bei mir ist das Grundvoraussetzung. Schauspieler bekommen in meinen Filmen eine Aufgabe, die sie sonst ganz selten bekommen. Das ist eine große Herausforderung. Wenn man begreift, was das bedeutet, sich so einer besonderen Arbeit hinzugeben, dann ist das schon was. Aber viele können es eben nicht, auch wenn sie wollen. Weil sie nicht improvisieren können.

"Heute": Sie verlangen von den Menschen, sich gänzlich zu öffnen…

Seidl: Natürlich. Es gibt eine extrem intensive Vorbereitungszeit und erst dann ist man im besten Fall so in der Rolle drinnen, dass man stundenlang improvisieren kann. Da braucht’s keinen Text dafür, die Worte kommen dann von selbst. Es gibt aber auch Schauspieler, die wollen nicht offen sein. Die haben Angst davor, dass sie sich entblößen könnten. Angst, dass die Nicht-Profis, mit denen sie spielen, besser oder spontaner sind. Es gibt viele Ängste. Ängste, die ich begreife. Aber meine Methode lässt sie einfach nicht zu. Meine Methode bedeutet, dass man sich auf ein Spiel einlässt und Grenzen nie im Vorhinein steckt. Wenn ich einen Dialog auswendig lerne, weiß ich, wo die Grenzen sind. Das ist ein abgekartetes Spiel, das mich nicht interessiert.

"Heute": Heftige Reaktionen auf Ihre Arbeit sind Sie mittlerweile gewöhnt – bei „Paradies: Glaube“ ("Missionarin" Maria Hofstätter masturbiert u.a. mit einem Kreuz, Anm.) ging’s aber noch einen Schritt weiter. Sind wurden in Italien wegen Blasphemie angezeigt. Löst das etwas in Ihnen aus?

Seidl: Nein, denn da muss man wissen, wer geklagt hat. Eine ganz fundamentalistische katholische Gruppierung. Sie hat geklagt, um selber in die Medien zu kommen. Es hat drei Jahre gedauert, bis ich die Anzeige zugestellt bekommen habe. Auch die Maria Hofstätter, wir beide als Privatpersonen. Die Sache ist dann von der Richterin geprüft worden und letztendlich kam’s zu keiner Anklage. Man kann sich ja nur wünschen, Kunst zu machen, die Aufsehen erregt und in Unruhe versetzt.

"Heute": Natürlich. Und trotzdem ist die Tatsache, eine Kunstfigur als Privatperson vor Gericht zerren zu wollen, erschreckend.

Seidl: Ja, aber genau deshalb hat’s ja nicht funktioniert. Wir wurden wegen Blasphemie angezeigt. Diese hat aber nicht stattgefunden. Das ist ein Film, in dem ich etwas herstelle. Wen verletze ich denn da?

"Heute": Befeuert so ein Vorfall in Ihnen den Kampfgeist, sich gegen diese, wie Sie sagen, „falsche Autoritäten“ aufzulehnen. "Falsch" in dem Sinne, dass Sie ja nicht die Institution Kirche anprangern, sondern die Menschen, die in ihrem Namen Schindluder treiben.

Seidl: Nein, das beeinflusst mich nicht in meinem Leben und meiner Arbeit. Das ist ein medialer Effekt, der da entstanden ist. Wenn man es schafft, Zuschauer in einem positiven Sinn zu verstören, also, die Kraft zu haben, sie in Unruhe zu versetzen, dann ist nichts Falsches daran. Meine Filme sind so angelegt, dass man sich ihnen nicht entziehen kann. Die Zuschauer merken, dass auch sie Teil dieser Welt sind, die hier gezeigt wird.

"Heute": Ich lese Sie, was die Darstellung von Menschen betrifft, als Verfechter der Grauzonen, als Meister des Sowohl-Als-Auch. Ist das so ausgeprägt, weil auch in Ihrer Brust so viele Seelen wohnen?

Seidl: Man ist als Mensch differenziert. Man trägt Sehnsüchte mit sich, man trägt Abgründe mit sich. Man hat verschiedene Ichs in einem selber. Es wäre vermessen für mich, andere Menschen zu beurteilen, in dem ich sie nur so oder so zeige.

"Heute": Sie werten nicht, sie bilden ab. Aber gezeigt wird dennoch nur DIE Realität, die Sie zeigen wollen. Das bedingt ja schon alleine die Kamera…

Seidl: Natürlich. Nichts ist neutral. Nichts ist objektiv. Das Ergebnis ist mein Blick. Und mit dem setzen sich dann die Zuschauer auseinander.

"Heute": Hans-Michael Rehberg spielt im neuen Film „Böse Spiele“ den dementen Vater, er starb vor wenigen Wochen. Macht diese Tatsache das Werk noch kostbarer?

Seidl: Er hat mir ein großes Geschenk gemacht. Aber der Film war auch für ihn ein Geschenk. Es war sein letzter Film und es war der, der ihn am meisten herausgefordert hat.

"Heute": Ist das Ihre Einschätzung?

Seidl: Er hat es mir gesagt. Er meinte, das war seit 25 Jahren die liebste Arbeit, die er gemacht hat.

"Heute": Was bedeutet Weihnachten für Sie?

Seidl: Ich kann mich nicht herausnehmen, schon alleine wegen meiner Kinder. In der Gesellschaft ist es halt so, dass zu Weihnachten plötzlich alle eigen werden. Da wird alles so ernst. Immer wieder passiert es aber, dass ich in der Vorweihnachtszeit nicht da bin. Darüber bin ich dann nicht böse.

"Heute": Ich gehe davon aus, Sie beim Promi-Punschstand nicht zu treffen…

Seidl: Das ist richtig.

Zum 65. Geburtstag von Ulrich Seidl erschienen sein Gesamtwerk von 1980-2017: "Complete Works", 18 DVDs, Gesamtspiellänge ca. 34 Stunden. Mit einem Buch zum Werk von Ulrich Seidl, 240 Seiten, dt./engl. VK-Preis: 199,90 Euro, Hoanzl