"Vielleicht sterbe ich"

15. September 2017 10:10; Akt: 15.09.2017 10:40 Print

World Press Photo Sieger: Aug' in Aug' mit dem Killer

Am Donnerstag wurde die World Press Photo 2017 im Westlicht eröffnet. Burhan Ozbilici, der das Siegerfoto schoss, erzählte von seiner Todesangst.

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Mevlut Mert Altintas schreit, nachdem er den russischen Botschafter in der Türkei, Andrei Karlov, in einer Kunstgallerie in Ankara erschossen hat Ieshia Evans, Krankenschwester und alleinerziehende Mutter, steht bei einer Demo in Baton Rouge ruhig auf der Straße vor der Polizeistation und bietet den Polizisten ihre Hände, um sich Handschellen anlegen zu lassen. Sie protestierte gegen Polizeigewalt gegen Schwarze, nachdem zwei weiße Polizisten kurz davor den fünffachen Vater Alton Sterlin aus nächster Nähe erschossen hatten. Vier Schülerinnen einer Gymnastikschule in Xuzhou, China, trainieren am Nachmittag für 30 Minuten Druck auf die Zehen auszuüben. Kai Oliver Pfaffenbach, Reuters Titel: Rios goldenes Lächeln Der Jamaikaner Usain Bolt schaut sich lächelnd um bei seinem Sieg im Halbfinale der 100 Meter bei der Sommer-Olympiade in Rio de Janeiro, Brasilien, am 14. August 2016. Das Rennen beendete er in 9,86 Sekunden, im Finale holte er Gold. Als erster Sportler errang er damit auf der 100-Meter-Strecke drei Olympiatitel in Folge. Die Polizei vertreibt Demonstranten mit Gummigeschossen von einer Straße, die an der Dakota Access Pipeline verläuft. Fast 10 Monate lang protestierten Indianer des Standing Rock Sioux-Stamms gegen die Pipeline, die ihr Territorium durchkreuzen soll und ihre Wasserreserven bedroht Eine Wasserschildkröte hat sich vor der Küste Teneriffas in einem Fischernetz verfangen. Jedes Jahr sterben durch unbeaufsichtigte Netze viele Exemplare der verletzlichen Tierart Najiba hält ihren zweijähigen Neffen Shabir in einem Spital in Kabul. Der Bub wurde durch einen Bombenangriff verletzt, seine Schwester wurde dabei getötet. Najiba passt auf ihn auf, während seine Mutter am Begräbnis des Mädchens ist. In Afghanistan ist das Leben jetzt gefährlicher als während der Taliban-Herrschaft, die 2001 endete. In der ersten Hälfte des Jahres 2016 starben 1.600 Leute. Kuba im Wandel: Ein Rasiersalon in Old Havana Kuba im Wandel: Mitglieder der "Ejercito Juvenil del Trabajo" warten im Morgengrauen entlang der Straße nach Santiago de Cuba auf den Wagen mit Fidel Castros Sarg Die sechsjährige Jimji schreit "Papa" am offenen Sarg ihres Vaters, kurz vor seinem Begräbnis in Manila, Philippinen. Unbekannte Männer haben Jimboy Bolasa entführt, weniger als eine Stunde später wurde seine Leiche unter eine Brücke geworfen. Am Körper fanden sich Folterspuren und Einschusslöcher. Die Polizei behauptet, er sei ein Drogendealer gewesen. Seine Familie bestreitet das. In Zeiten von Präsident Rodrigo Dutertes Drogenkrieg hat von Ende Juni bis Anfang Oktober 2016 2.000 Todesopfer allein durch die Hände der Polizei gefordert. Weitere 3.500 Morde wurden von Zivilisten verübt. Mutmaßliche Drogendealer und -User werden umgebracht, wo man sie findet. Gerichtsverfahren gibt es keine. Nach einem Luftangriff auf das Dorf Luhanskaya flüchten Zivilisten aus ihren brennenden Häusern Wilderer und Ranger liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel. Der Park liegt an der Grenze von Mozambique und Südafrika. Wenn Nashörner die Grenze überschreiten, haben sie in Mozambique eine durchschnittliche Lebensdauer von 24 Stunden. In Asien bekommt man für ein Nashornhorn mehr als für die gleiche Menge Gold. Ye Ye, eine 16-jährige Pandadame macht es sich im Wolong Nature Reserve gemütlich Die siebenjährige Pandadame Min Min mit ihrem Baby im Bifengxia Pandazucht- und Forschungszentrum in Sichuan. Drei Tage warteten die besorgten Pfleger auf die Geburt des Pandamädchens. Es wurde schließlich angenommen, dass das Baby tot zur Welt kommen wird. Stattdessen erschien mit einem lauten Schrei das größte Pandajunge des Jahres. Es ist Min Mins erstes Junge. Büffel am Wasserloch, Diese Fotos waren nur durch extrem genau Planung möglich. Die Kamera wurde mittels Fernbedienung ausgelöst. Während der Aufnahme waren keinerlei Änderungen mehr möglich Maha, 5, und ihre Familie flohen aus dem Dorf Hawija nahe Mosul im Irak. Es sei die Angst vor dem IS und der Mangel an Nahrung gewesen, die sie zur Flucht gezwungen hätte, erzählt die Mutter. Jetzt liegt Maha auf einer verdreckten Matratze in einem überfüllten Tansitzentrum im Debaga Flüchtlingscamp. "Ich träume nicht und ich habe keine Angst mehr", sagt Maha leise, während ihre Mutter ihr übers Haar streicht. Jockey Nina Carberry wird am Gatter 'The Chair' abgeworfen. Michael Smith vom York Rugby Football Club ist von oben bis unten mit Schlamm beschmiert. Im Semifinale gegen die Nashville Grizzlies ist er im Ballbesitz Anwälte helfen ihren verletzten Kollegen nachdem vor einem Spital eine Bombe hochgegangen war. Anwälte und Journalisten trafen sich, um den Tod des Anwalts Ailal Anwar Kasi zu betrauern. Kasi wurde nur Stunden vorher umgebracht. Bei der Expolsion unter den Trauernden starben siebzig Menschen. Mathieu Willcocks, MOAS Titel: Flucht über das Mittelmeer Die Leiche eines Flüchtlings, der noch eine Rettungsweste trägt, treibt im Mittelmeer. Markus Jokela, Helsingin Sanomat Titel: Table Rock, Nebraska Memorial Day auf dem lutherischen Friedhof bei Table Rock Laurent Van der Stockt Getty Images Reportage für Le Monde Titel: Angriff auf Mosul In Gogjali, einem der östlichen Bezirke von Mosul, durchsuchen Mitglieder irakischer Spezialeinheiten am 2. November 2016 die Häuser nach IS-Kämpfern, Ausrüstung und Spuren. Elena Anosova Titel: Jenseits aller Wege Ein Jäger in einer kleinen Siedlung nahe des Nizhnyaya Tunguska Flusses wäscht sein Gesicht im Schnee, Sibirien, Russland, 18. März 2016 Santi Palacios, The Associated Press Titel: Verlassen Ein elfjähriges Mädchen (links) und ihr zehnjähriger Bruder, deren Mutter in Libyen gestorben ist, auf einem NGO-Rettungsboot im Mittelmeer, 28. Juli 2016, etwa 23 Kilometer nördlich von Sabratha, Libyen. Mit anderen geretteten Flüchtlingen hatten die Kinder mehrere Stunden in einem überfüllten Schlauchboot auf offener See verbracht. Cameron Spencer, Getty Images Titel: Der Sprung ?Flugnummer? von Gaël Monfils (Frankreich) im Achtelfinale gegen Andrei Kusnezow (Russland) bei den Australian Open 2016 in Melbourne, 25. Januar. Monfils verletzte sich an der Hand und musste kurz behandelt werden, spielte aber weiter und gewann das Turnier. Sergey Ponomarev, für The New York Times Titel: Kampf um die Städte im Irak Eine Familie auf der Flucht aus Mossul, im Hintergrund die brennenden Ölfelder von Qayyarah, 60 Kilometer südlich der Stadt, November 2016, Irak

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Fotografieren ist eine Kunst, aber als Pressefotograf ist es auch eine Verpflichtung - und eine Verantwortung.

Neun Schüsse aus nächster Nähe

Burhan Ozbilici liebt Kunst und Literatur - und seine drei Katzen. 2016, fünf Tage vor Weihnachten, wollte er die Eröffnung einer Ausstellung in einer Galerie in Ankara fotografieren. Der russische Botschafter war ebenfalls unter den Gästen und hielt eine Ansprache. Plötzlich zückt ein junger Mann, gut gekleidet im schwarzen Anzug, eine Waffe. Mevlut Mert Altintas, ein Polizist außer Dienst, feuert aus nächster Nähe auf den Botschafter, richtete ihn mit neun Schüssen hin. Neben der Leiche bleibt er stehen und brüllt "Allahu Akbar".

Der Attentäter brüllt, der Botschafter stirbt, Burhan fotografiert
Die Gäste kauern sich in Todesangst in eine Ecke, einige weinen verzweifelt. Burhan Ozbilici fotografiert den Attenäter, den Finger gen Himmel gestreckt, den Mund aufgerissen, neben ihm stirbt Botschafter Andrei Gennadjewitsch Karlow, am Boden liegend.

An diese Szene erinnert sich der AP-Fotograf, der in den 1990ern schon den Golfkrieg in Saudi Arabien in Bildern dokumentierte. Seitdem war er bei allen großen türkischen Konflikten dabei, zuletzt in Syrien.

Aug' in Aug' mit dem Killer: "Ich halte meine Versprechen"
Doch an diesem Montagvormittag hätte er nicht damit gerechnet plötzlich einem Attentäter gegenüberzustehen. Am Donnerstag ließ er in Wien seine Gedanken noch einmal Revue passieren. "Vielleicht sterbe ich", dachte er und drückte trotzdem ab, fotografierte eine ganze Fotoserie. Der schreiende Attentäter, die verängstigten Menschen in der Ecke, Burhan Ozbilici dazwischen. "Aber falls ich sterbe, bin ich nicht umsonst gestorben. Ich hinterlasse dieses Foto." Ein Foto, das international in fast jeder Zeitung abgedruckt wurde. Ein Foto, das von der Jury zum Pressefoto des Jahres 2016 gekürt wurde. Warum Ozbilici, Sohn eines türkischen Intellektuellen und Kriegshelden im Türkischen Befreiungskrieg, anstatt sich ebenfalls in ein Eck zu retten, stattdessen die Kamera auf den Killer richtete? "Ich habe eine Verpflichtung." "Ich halte meine Versprechen".

Pulitzerpreis-Nominierung für allererste Demo
Ganz anders kam das Siegerfoto in der Kategorie "Singels" zustande. Jonathan Bachman, geboren 1984 in New Jersey begann 2012 damit, Sportfotos für die Agenturen Reuters und AP zu machen. 2016 wurde er eingeteilt, Fotos zum Mord an Alton Sterling zu machen. Der 37-jährige Schwarze war von Polizisten erschossen worden, während er am Boden lag. Im aufgeheizten Klima der USA führte sein Tod zu Protesten in der Bevölkerung. Bachman fotografierte seine erste Demonstration als die Krankenschwester Ieshia Evans sich friedlich der Polizei entgegenstelle.

Die Konfrontation war blitzschnell vorbei, Bachman schoss über 30 Fotos und dachte nur "hoffentlich wird wenigstens eines davon scharf". Das fünfte Foto der Serie brachte ihm den seinen Press Photo Award - und eine Pulitzerpreis-Nominierung.

Die World Press Photo Ausstellung im Westlicht in Wien dauert noch bis zum 22.10.2017.


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(lam)

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