Neues Buch

03. Mai 2018 06:05; Akt: 03.05.2018 06:11 Print

Anchor im Schlafrock: Leitner bei "Hilde & Gretl"

von M. Dorner - Zwei alte Freunde, ein altes Haus. Tarek Leitner und Peter Coeln wühlten sich durch Nippes und Geschichte zweier Cousinen – das Ergebnis gibt's bei "Rund um die Burg".

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Engerln, Deckerln, Schweinderln satt – und mittendrin zwei Leben, prall gefüllt mit Freud und Leid. Das altes Haus im Waldviertel, das von Fotograf und Galerist Peter Coeln erworben wurde, präsentiert sich seinem neuen Besitzer extakt so, wie es die Cousinen Hilde und Gretl nach ihrem Tod hinterließen. Ein Hort der Erinnerung, den er gemeinsam mit seinem Freund, ZiB-Moderator Tarek Leitner, Schicht für Schicht freilegte.

"Hilde & Gretl": Coeln fotografierte, Leitner schrieb
Bei der Entrümpelung stießen die beiden auf Unmengen an Kitsch, persönliche Erinnerungen, Kleidung, Dokumente aus der Nazizeit und mehr. Alles penibelst geordnet, sorgsam für die Nachwelt konserviert. Einfach wegschmeißen? Unmöglich. So mietete Coeln einen eigenen Lagerraum, um die Fundstücke zu ordnen. Da wurden Mäntel probiert, mit Hüten posiert, von den alten Tabakbeständen gekostet, in zwei fremde Leben eingetaucht. Die logische Konsequenz der persönlichen Zeitreise in die Welt des Sammelns und Bewahrens: ein Buch, das die beiden am 4.5. um 16 Uhr beim Literaturfest "Rund um die Burg" (heuer dreht sich alles um Heimat) präsentieren. Wir haben mit Tarek Leitner über Alltag, Voyerismus, Rückzug und Nazi-Vergangenheit gesprochen.

Interview mit Tarek Leitner

"Heute": Was bedeutet Alltag und Alltäglichkeit für Sie?

Tarek Leitner: Bei dieser Frage muss ich unweigerlich an das Zitat von Anton Tschechow denken, in dem er sinngemäß sagt: ,Eine Krise kann jeder Idiot meistern, es ist der Alltag, der uns fertig macht.' Das habe ich schon oft festgestellt. Es ist zuweilen ganz schön viel Anstrengung, Organisationstalent und Durchhaltevermögen nötig, zwei pubertierende Kinder auf den richtigen Weg zu bringen. Aber ich bin dabei zum Glück ja nicht allein. Und das alles bringt zum Glück auch viel Freude mit sich.

"Heute": Was war das skurrilste Fundstück im Haus? Und warum?

Tarek Leitner: Skurril war fast alles. Denn ich habe noch nie soviele Engerl in allen Varianten gesehen, und Deckerl, und Schweinderl, und Häschen, und Vasen, und, und, und. Aber besonders bemerkenswert war der Fund des Tresors. Darin waren nicht Wertsachen eingesperrt, sondern die Nazi-Zeit weggesperrt.

"Heute": Sie schreiben, dass das Leben viel Leid über die Cousinen gebracht hat. Woraus ziehen Sie diesen Schluss?

Tarek Leitner: In diesem Tresor haben die beiden das Leid, das die Kriegszeit über die Familie gebracht hat – ähnlich natürlich, wie über Millionen andere auch –, weggesperrt. Vielleicht verdrängt, was im Land der Psychoanalyse nicht so abwegig wäre. Gretls Bruder wurde seit 1943 in Stalingrad vermisst, und konnte erst Mitte der 50er Jahre für tot erklärt werden. Die gesamte Korrespondenz über die Jahre hinweg, beginnend mit den letzten Briefen des Bruder aus den Schützengräben, bis zu dessen Todeserklärungs-Urkunde, war darin. Und das zeigt sehr eindrücklich, welches Leid im 20. Jahrhundert für so viele Familien ganz selbstverständlich war.

"Heute": Gab’s Momente, in denen Sie trotz des Reizes, den Voyeurismus auf Menschen ausübt, das Gefühl hatten, etwas Unrechtes zu tun? Das Gefühl, sich ein Leben zu drängen, das nicht Ihres ist?

Tarek Leitner: Ich denke, man kann einen solchen Schatz nicht einfach ungesehen in die Schuttmulde werfen. Die beiden Cousinen haben ihr Leben nicht nur für sich selbst so akribisch sortiert, geordnet und aufgehoben. Sie haben die vielen Vermerke, was womit zusammengehört, für die Nachwelt gemacht. Wir haben uns sehr respektvoll dem angenähert. Und auch im Buch darauf verzichtet, allzu Intimes oder Persönliches zu veröffentlichen.

"Heute": Was ist Ihr persönlicher Rückzugsort?

Tarek Leitner: Meine Frau ist aus dem Salzkammergut gebürtig. Ich habe mich einst nicht nur in sie, sondern auch in die Landschaft verliebt. Dorthin zieht es mich, wenn ich ein wenig Rückzug brauche.

"Rund um die Burg" in der Pop-Up-Almhütte
Das Wiener Lesefest "Rund um die Burg" dreht sich heuer um den ambivalenten Begriff der "Heimat". Die Lesungen, die am 4. (bis spät in die Nacht) und 5. Mai (bis Mittag) einen Marathon bilden, finden mottogemäß nicht im üblichen Zelt, sondern in einer zwischen Burgtheater und Cafe Landtmann errichteten 100 Quadratmeter großen Almhütte statt. Programmmacher Helmut Schneider: ",Heimat' wird als Begriff immer häufiger verwendet und löst durchaus zweispaltige Gefühle aus." Eröffnet wird das Literaturfest von Tarek Leitner und Peter Coeln mit "Hilde & Gretl", gleich darauf folgt Petra Piuk mit ihrem bissigen Dorfroman "Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman" sowie Felix Mitterer mit seiner Autobiografie "Mein Lebenslauf".

Kurzkrimi-Wettbewerb am Freitag
Weitere Höhepunkte des zweitägigen Lesefests sind ein "Wohnzimmerkonzert" vom Nino aus Wien zur Primetime, sowie Lesungen von Eva Rossmann, Niki Glattauer, Antonio Fian, Bettina Balaka oder, final am Samstag, von Ljuba Arnautovic. Letzter Programmpunkt Freitagnacht von 23 Uhr bis zur Geisterstunde: ein Kurzkrimi-Wettbewerb.

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