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17.09.2010

Kinostart: "Koma"-Regisseur Ludwig Wüst im Interview

Im Zentrum von Ludwig Wüsts erstem Kinofilm steht Gewalt und Sprachlosigkeit. Im Interview verrät der Wahl-Wiener, warum die Bilder im Kopf schlimmer sind als das Gezeigte.

Seit Freitag ist im Filmhauskino am Spittelberg der komplett unabhängig produzierte Spielfilm des Regisseurs Ludwig Wüst zu sehen. Als erster österreichischer Film ist "Koma" auch im Internet über Video On Demand erhältlich.

In eindringlichen Bildern und fast ohne Worte erzählt "Koma" die Geschichte eines Mannes (Nenad Šmigoc), der mit seinem Leben abgeschlossen hat. Unerwartet wird er in einem Snuff-Video seines Sohnes mit einer Frau aus seiner Vergangenheit (Claudia Martini) konfrontiert. Er trifft einen radikalen Entschluss, der sein Leben und das seiner Familie grundlegend ändert.

"Koma" ist ein komplexes Psychogramm, in dem vieles im Verborgenen passiert und dadurch erst seine wahre Schrecklichkeit preis gibt.
Stilistisch wie inhaltlich kontroversiell, erhielt der Film auch international hervorragende Kritiken.


Heute.at traf Ludwig Wüst zum Interview.

Heute.at: Woher kam die Idee für den Film?
Ludwig Wüst: Zuerst entwickelte sich eine Nebenfigur, einer der Burschen, die sich einen Snuff-Film vom Netz runterholen. Ich kannte vor Jahren einen Burschen, der mir so ein Video schicken wollte. Ich wusste, was Snuff bedeutet, aber ich habe nie einen Film gesehen. Da gibt es eine Riesencommunity von Leuten, die speziell diese Sachen suchen, kopieren und weiterschicken, das ist fast inflationär. Die Konsumation Jugendlicher von Gewalt ist erschreckend.
Mein erster Gedanke war, einen Film zu machen, der zeigt, wie es dem jungen Mann gehen würde, wenn sein Vater eine solche Gewalttat begeht. Auch hinter der Figur der Frau im Wachkoma gibt es eine wahre Geschichte.

Wie arbeiten Sie?
Ich arbeite sehr lange an einem Drehbuch und auch die Schauspieler begleiten das Projekt recht lang. Es nicht nicht so, dass sie eine Woche vor Dreh das Buch sehen, sondern sie sind Teil des Prozesses. Dadurch ist arbeitstechnisch sehr viel mehr möglich, weil ein Grundvertrauen da ist. Ich verlange ja schon sehr viel von den Darstellern.

Hatten Sie von Anfang an eine klare Vorstellung davon, wie die Bilder zu dieser Geschichte auszusehen haben?
Das war mir schon sehr früh klar. Das ist ja fast ein dokumentarischer Stil. Ich arbeite auch sehr viel mit Handkamera - wegen der Beweglichkeit, wegen der Spontanität. Auch, da ich sehr viel erst vor Ort entscheide.

Diese Bildsprache könnte auch als Analogie zu einem Snuff-Video stehen, stimmen Sie zu?
Durchaus. Der Film wird auch über Video On Demand erhältlich sein, das heißt, es ist eigentlich eine Doppelung: Wer sich diesen Film auf Laptop runterlädt, ist Mittäter - so wie die Burschen, die sich das daheim runterladen. Es setzt sich immer fort.

In "Koma" sind die brutale Szenen jedoch nur angedeutet.
Der Schrecken über diese Gewalttat passiert nur im Kopf des Zuschauers und ist nicht sichtbar. Das ist viel schlimmer. Die Szene ist bewusst künstlich.

Versuchen Sie gezielt, Tabus zu brechen?
Für mich ist es eine extreme Liebesgeschichte. Ich glaube natürlich ebenfalls, dass es ein großes Tabu ist. Aber nichts davon ist erfunden, für diese Gewaltvideos gibt es ja einen riesigen Markt.
Ich frage mich immer, was steht dahinter? In Wien zum Beispiel gibt es eine Art Klinik, wo Leute sich einliefern lassen, nur damit man ihnen Schmerz zufügt. Mich interessiert, wer diese Menschen sind. Ich habe den Film nicht gemacht wegen des Schlagens, das ist nur der Anlass. Für mich ist Versöhnung das wichtigste Thema überhaupt.
Für mich ist der Film eine Möglichkeit, eine Utopie zu erzählen - etwas, das man sich nicht vorstellen kann, vorstellbar zu machen. Das sind die Bilder, die mich interessieren, sonst hätte ich den Film nicht gemacht.

Homepage zum Film

Homepage zum Film

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Stadtkino Wien

Stadtkino Wien

"Koma" über Video On Demand

"Koma" über Video On Demand

Wie schwer war es, den Film unabhängig zu finanzieren?
Sehr schwer. Aber ich bin ähnlich wie eine der Figuren ein Selfmade-Man, ich bin am Bauernhof aufgewachsen und habe dort einen Sinn fürs Praktische bekommen. Als ich mich entschieden habe, den Film zu machen, gab es jedoch noch kein Geld.

Ergibt sich daraus auch eine gewisse Freiheit beim Arbeiten?
Ja. Es ist Luxus, sich mit den Schauspielern schon ein halbes Jahr vor Drehstart wöchentlich zu treffen, um zu entwickeln und herumzuprobieren. Aber deswegen kann ich wahnsinnig schnell drehen. Der Film war in zwei Wochen abgedreht.


(Tina Deschu)

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