Vor Amoklauf

20. Juli 2012 18:14; Akt: 20.07.2012 19:13 Print

"Batman-Killer" legte Sprengfalle in Wohnung

Nach dem Amoklauf in einem Kino in Colorado tappte die Polizei bei Ermittlungen fast in eine Falle. In der Wohnung des mutmaßlichen Attentäters von Denver befindet sich nach Polizeiangaben eine Sprengfalle.

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Nach tappte die Polizei bei Ermittlungen fast in eine Falle. In der Wohnung des mutmaßlichen Attentäters von Denver befindet sich nach Polizeiangaben eine Sprengfalle.

Ein Amoklauf während einer Filmpremiere mit zwölf Toten im US-Bundesstaat Colorado hat in den USA für Entsetzen gesorgt. Der Angreifer drang in der Nacht auf Freitag während einer Vorführung des neuesten "Batman"-Films in ein Kino in der Stadt Aurora nahe Denver ein und eröffnete das Feuer, wie die Polizei mitteilte. Rund 40 Menschen wurden verletzt, der mutmaßliche Täter konnte festgenommen werden.

Nach Angaben der Polizei war der 24 Jahre alte Angreifer mit einem Gewehr und zwei Pistolen bewaffnet, außerdem trug er eine Schutzweste und eine Gasmaske, als er in das voll besetzte Kino stürmte. Der Polizeichef von Aurora, Dan Oates, sagte, laut Kinobesuchern habe der Amokläufer zunächst womöglich eine Tränengas-Granate oder Rauchbombe geworfen und dann das Feuer eröffnet.

Panik brach aus

Unter den hunderten Zuschauern des "Batman"-Films "The Dark Knight Rises" brach Panik aus. "Die Leute fingen an, aus dem Kinosaal zu rennen, es gab Schüsse, als die Polizisten eintrafen und schrien: 'Runter mit Euch'", berichtete Benjamin Fernandez der Zeitung Denver Post.

Polizisten zufolge wurde der aus der Region stammende Verdächtige auf einem Parkplatz hinter dem Kino festgenommen; er habe keinen Widerstand geleistet. Medienberichte über einen möglichen zweiten Angreifer wies die Polizei zurück. Nach Angaben des Weißen Hauses gibt es keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund der Tat.

"Ausgefeilte" Sprengfallen

In seiner Wohnung hatte der Amokläufer "ausgefeilte" Sprengfallen ausgelegt, wie US-Medien unter Berufung auf Polizeichef Oates berichteten. Es seien "entzündbare und explosive" Materialien gefunden worden. Zuvor hatte die Polizei das gesamte Wohngebäude evakuiert.

In vielen Lichtspielhäusern in den Vereinigten Staaten wurde der neue "Batman"-Film in Spezialvorführungen zur Premiere um Mitternacht gezeigt. Ab 24. Juli startet der Film mit Vorpremieren in Österreich. Die für Freitagabend vorgesehene "Batman"-Premiere auf der Prachtstraße Champs-Elysees in Paris in Anwesenheit von Hauptdarsteller Christian Bale und den Schauspielern Anne Hathaway, Marion Cotillard und Morgan Freeman wurde abgesagt.

Amokschütze war vermutlich Student

Der Amokschütze James Holmes hat nach Angaben des Senders NBC an der University of Colorado in Aurora Neurowissenschaften studiert. Er habe sich im Juni 2011 eingeschrieben, aber sei dabei gewesen, sein Studium aufzugeben, hieß es unter Berufung auf Angaben der Medizinischen Fakultät. Nach weiteren Angaben wuchs Holmes in San Diego (Kalifornien) auf. Eine Polizeivertreterin zitierte aus einer Erklärung seiner Eltern, die den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aussprachen.

US-Präsident Barack Obama zeigte sich schockiert über den Amoklauf. Er unterbrach seine Wahlkampftour und kehrte nach Washington zurück. Das Blutbad sei "sinnlos" und "böse", sagte er. In der Trauer um die Opfer seien alle Bürger als "eine amerikanische Familie vereint". "Die Menschen, die wir in Aurora verloren haben, liebten und wurden geliebt."

Lesen Sie weiter: Das sagen Augenzeugen zur Bluttat Der Todesschütze kam aus dem Nichts, just während einer Filmszene, in der Schüsse fielen. Er war schwarz gekleidet, wie viele der Kinobesucher auch - eben passend zum neuen Batman-Film.

Und eine Gasmaske trug er, wie Augenzeugen im US-Fernsehen schilderten, möglicherweise einen Helm wie ihn Polizisten als Schutzausrüstung haben. Dann begann das Furchtbare: Beißender Rauch, es habe angefangen zu knallen, immer wieder, sagte ein junger Mann dem lokalen TV-Sender KUSA. "Ich war total verwirrt, dachte zuerst, das alles ist ein Hollywood-Stunt, es gehört irgendwie zum Film."

Es waren vor allem jüngere Leute, die in dieser Nacht in den Century-16-Theater-Komplex in Aurora bei Denver geströmt waren. Manche Pärchen kamen trotz der späten Stunde mit ihren Kindern. Viele hatten stundenlang Schlange gestanden, um eine Karte für den neuen Batman-Film "The Dark Knight Rises" zu ergattern, hatten der Filmpremiere lange entgegengefiebert. Sie galt als "Ereignis des Sommers". Für die Menschenmenge in diesem Kino wurde sie dies nun auf schreckliche Weise.

Jüngstes Opfer drei Monate alt

Mindestens zwölf Tote, Dutzende Verletzte, Kinder sind unter den Opfern - das jüngste laut Denver Post gerade mal drei Monate alt. "Es ist einfach entsetzlich", sagte ein Polizist dem Sender KCNC, er war so stark bewegt, dass sogar ihm die Tränen kamen.

Auch Präsident Barack Obama war sichtlich erschüttert, als er sich am Vormittag in Florida zu der Tragödie äußerte. Ein Anruf seines Top-Terrorabwehr-Beraters John Brennan hatte ihn während einer Wahlkampftour aus dem Bett geholt. "Meine Töchter schauen sich Filme an. Was, wenn Malia und Sasha in dem Kino gewesen wären?", fragte der Präsident vor einer schweigenden Menge, um danach vorzeitig nach Washington zurückzufliegen.

First Lady sagte Termine ab

Auch die First Lady sagte für den Freitag alle Wahlkampf-Termine ab. "Michelle und ich werden uns glücklich schätzen, unsere beiden Töchter heute Abend ein bisschen fester zu umarmen", sagte der Präsident. "Und ich bin sicher, Ihr werdet das Gleiche mit Euren Kindern tun."

Die Szenen, die Augenzeugen schilderten, waren chaotisch. Auch Stunden nach der Schießerei herrschte noch Verwirrung. Während sich Obama in Florida auf dem Laufenden hielt und noch nachts mit Auroras Bürgermeister telefonierte, füllten sich die Krankenhäuser in der Stadt nahe Denver mit Verletzten. Die Polizei selbst half beim Transport mit: Sie habe blutüberströmte Menschen in Streifenwagen gesetzt, berichtete der Sender CNN.

Mit tödlicher Ruhe

Augenzeugen glaubten, dass der später als James Holmes identifizierte Schütze seinen Amoklauf vorne im Kinosaal begann, hinter einer Leinwand oder einem Vorhang hervortrat und dann zuerst einen oder zwei Kanister in die Menge warf - möglicherweise Tränengasgranaten. Dann sei der 24-Jährige die Treppe hochgegangen, wie es hieß, mit tödlicher Ruhe um sich schießend.

"Es war furchterregend", schilderte ein Kinobesucher dem Sender KUSA. "Er wartete, bis beide (Tränengas)bomben explodierten, bevor er zu schießen begann." Am schrecklichsten sei es gewesen, dass er dabei kein Wort gesagt habe. "Ich dachte, dass ich auf keinen Fall dort herauskommen würde, ohne dass mich ein Schuss trifft."

Blutend am Boden gelegen

Panik sei ausgebrochen, Menschen hätten sich auf den Boden geworfen, kriechend zwischen den Sesselreihen Schutz gesucht, hieß es weiter. Andere seien schreiend in Richtung Ausgang gestürzt, seien übereinander hinweggetrampelt. Einige hätten blutend am Boden gelegen.

Ein junger Kinobesucher wusste noch Stunden nach dem Blutbad nicht, was mit seinem Freund passierte. "Er ist plötzlich ohnmächtig geworden", sagte er in einem CNN-Interview. "Dann wurde er weggebracht. Ich habe Angst um ihn." Der erste Alarmruf soll rund eine halbe Stunde nach Mitternacht bei der Polizei eingetroffen sein. Schon kurz danach waren - nach Medienberichten fast 250 Uniformierte an Ort und Stelle - zusammengetrommelt aus allen Teilen der Region. Nur wenig später trafen auch Experten der Bundespolizei FBI ein.

"Tat gut vorbereitet"

Die Kernfrage zunächst: War es ein "einsamer Wolf", vielleicht geistig gestört, oder gehört er einer radikalen Gruppe an? "Klar ist, dass die Tat gut vorbereitet war", sagte ein Sicherheitsexperte in einem CNN-Interview. Anfangs war befürchtet worden, es habe einen zweiten Schützen gegeben, aber das bestätigte sich nach Angaben der Polizei nicht.

Während der Morgen dämmerte, befragten die Ermittler in einer High School nahe dem Kino Dutzende Augenzeugen und begannen mit der Untersuchung von Handys, die im Filmsaal zurückgelassen worden waren. Auch Psychologen trafen ein, um die geschockten Menschen zu betreuen.