Enttäuschte Gamer

31. März 2019 17:38; Akt: 31.03.2019 17:42 Print

Ist "Anthem" am Ende etwa doch kein Flop?

"Anthem" gehört für viele zu den großen Enttäuschungen des jungen Game-Jahres. Doch die Hersteller haben noch Pfeile im Köcher – und die Verkäufe stimmen.

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Anthem wandelt primär auf den Spuren des Activision-Shooters Destiny und seines zweiten Teils. Am Plan stehen rasante und bildgewaltige Gefechte, im Multiplayer kooperatives Gameplay, das Sammeln von Beute und Events, in denen gemeinschaftlich Aufgaben erfüllt werden sollen. "Iron Man"-gemäß schlüpft der Spieler als "Freelancer" in Anthem in einen übermächtigen Javelin-Kampfanzug und soll für Frieden auf einem fremden Planeten sorgen. Anthem bietet den Teammitgliedern dabei die Wahl zwischen vier Javelin-Anzügen. Der Ranger ist dabei die einsteigerfreundlichste und am leichtesten zu steuernde Klasse. Mit ihm schießt man Lenkraketen und Granaten ab, Angriff und Verteidigung zeigen sich ausgeglichen. Anthem springt dabei zwar auf den Zug der Mikrotransaktionen auf, doch bietet dabei keinen einzigen kaufbaren Inhalt oder Gegenstand an, der spielerische Vorteile oder Zusatzinhalte bietet. Vielmehr sind die Bezahlgegenstände rein kosmetischer Natur. Durchwachsen ist das Gamplay. Egal ob einzeln, mit Freunden oder Zufallspartner, Anthem verlangt über eine stetige Internetverbindung. Dafür kann die gesamte Kanpagne entweder alleine oder im Koop gespielt werden. Ja, Koop, denn Spieler-gegen-Spieler-Gefechte gibt es hier keine. Stattdessen arbeiten die Multiplayer-Spieler zusammen, um Gegner, Bosse und andere Kreaturen niederzuballern. Dass menschliche Gefechte fehlen, ist aber gar nicht das Problem von Anthem, es ist die Umsetzung der Koop-Ballereien. Die Steuerung selbst zeigt sich dabei schön makellos: Mit dem Anzug hebt man leicht ab, bewegt sich mühelos und schießt präzise. Auch die Mechaniken sind sinnvoll umgesetzt. An verschiedenen anderen Stellen machen aber Probleme den guten Eindruck zunichte. Darunter ist die kleine Anzahl an Missionen oder Aufgaben, die nach der Kampagne noch als Team absolvierbar sind. Außerdem nervt es gewaltig, nach jeder Mission in der offenen Welt als Team zu Fort Tarsis, der Einsatzbasis, zurückfliegen zu müssen, statt direkt die nächste Mission in Angriff zu nehmen. Die verschiedenen Umgebungen wie Höhlen und Dschungel lassen staunen, die flüssigen Bewegungen sehen fantastisch aus und die Waffen- und Lichteffekte sind beeindruckend. Hoffen wir, dass regelmäßige Updates auch den Rest von Anthem in ein paar Wochen oder Monaten so beeindruckend machen können.

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Nein, Lobgesänge hat "Anthem" nicht gerade einfahren können. Im Gegenteil: Biowares mit Spannung erwarteter Loot-Shooter konnte die Erwartungen der Fans nicht erfüllen und heimste mehrheitlich negative Reviews ein. Kritiker und Spieler beklagten sich vor allem über die vielen technischen Probleme, die langen Ladezeiten und über die mangelnde Abwechslung.

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Ein Flop ist das Spiel zumindest in kommerzieller Hinsicht aber nicht, denn "Anthem" verkauft sich ordentlich, und – gemessen an den Reaktionen – in vielen Augen sogar weit besser als erwartet. In den USA ist der Titel sogar ein regelrechter Hit.

Rekorde gebrochen

So war Biowares Shared World-Loot-Shooter im Februar in den Vereinigten Staaten das meistverkaufte Spiel. Zudem wurde auch fast ein studiointerner Rekord gebrochen, denn "Anthem" ist für den zweitbesten Launch-Monat in der Firmengeschichte von Bioware verantwortlich. Nur "Mass Effect 3" hat sich 2012 nach seinem Start noch ein bisschen besser verkauft. Für 2019 rangiert das Spiel gar auf Platz 2 der aktuellen Jahrescharts.

Das bestverkaufte Spiel in den USA war bislang übrigens "Kingdom Hearts 3". Dahinter folgt "Anthem", und an dritter Stelle ist "Resident Evil 2" zu finden. Allerdings sind bei diesen Jahrescharts bislang nur die Retail- und keine Online-Sales berücksichtigt. Trotzdem: Die Fans scheinen dem Spiel die Stange zu halten. Vielleicht auch, weil sie darauf hoffen, dass Bioware seine Ankündigung wahr macht und den Titel nachbessert.

Optimierungen in Sicht

Tatsächlich hat das Studio versprochen, dass man in der kommenden Zeit mehr als nur die Bugs ausmerzen werde, denn Bioware ist mit dem Spiel selbst nicht richtig zufrieden. In einem Blog-Eintrag gab der General Manager Probleme bei der Entwicklung zu. "Wir sind genauso enttäuscht wie ihr. Ich spiele das Game selber, und es macht mich traurig, wenn ich von Problemen höre, die euren Spielspaß trüben. Ich nehme das sehr persönlich und gelobe baldige Besserung", so Casey Hudson.

Hudson betonte, dass man verstehe, wenn rund um das Spiel eine gewisse Skepsis herrsche. Zugleich höre der Entwickler den Kritikern zu. Dass dem so ist, hat Bioware in der Vergangenheit bereits gezeigt. So sind die Entwickler in offiziellen Subreddits durchaus aktiv und gehen auf Fragen und Probleme der Spieler ein. Das Studio will sich diesbezüglich treu bleiben und "Welten schaffen, die Menschen inspirieren, zum Helden in ihrer eigenen Story zu werden", so Hudson. Man werde die Fans nicht enttäuschen – und kündigt an: "Keine Sorge, das Beste kommt noch."

Ganz abschreiben sollte man "Anthem" also offensichtlich noch nicht. Ärgerlich ist es aber trotzdem, dass ein so etabliertes Studio ein so mangelhaftes und offensichtlich unfertiges Produkt auf den Markt schmeißt und sich danach dafür entschuldigen muss. Denn auch bei Spielen gilt die Regel: Man bekommt nie eine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Nicht nur die Entwickler von "No Man's Sky" können davon ein Lied singen.

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