Experten-Interview

20. April 2019 10:30; Akt: 20.04.2019 11:25 Print

"Schlafen ist so lebenswichtig wie Atmen"

Was einst als Zeitverschwendung verschrien war, ist heute klar: Ohne Schlaf geht es nicht, wie Schlafforscher Björn Rasch erklärt.

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Der menschliche Körper braucht Ruhephasen, um gesund zu bleiben. Denn chronischer Schlafmangel beschert den Betroffenen Momente geistiger Abwesenheit, verminderter Aufmerksamkeit sowie Stimmungsschwankungen und macht dick. Kurz: Auf Dauer macht Schlafmangel krank. Doch Schlaf sorgt nicht nur - wie bisher gedacht - für Erholung, sondern hilft auch, um zu vergessen. Während des Schlafs werden die Synapsen im Gehirn teilweise zerschnitten. Auf diese Weise gehen unwichtige Erinnerungen, die nicht mehr benötigt werden, verloren. Schuld daran ist vor allem ein Oberflächenprotein an den Synapsen des Gehirns: das sogenannte Homer1A, wie Graham Diering von der Johns Hopkins University mithilfe von Labormäusen festgestellt hat. Schlaf fördert den Aufbau des Proteins, das seinerseits durch Kappen der Synapsen das Vergessen fördert. Allerdings werden während des Schlummerns nur etwa ein Fünftel der Synapsen gekappt. Das sorgt dafür, dass wirklich wichtige Informationen nicht verloren gehen. Wer zu wenig schläft, schadet seiner Gesundheit. Doch auch zu lange Ruhephasen sind aut Forschern der Cambridge University schädlich. Wer länger als acht Stunden pro Nacht schläft, hat ein um 46 Prozent höheres Risiko für Schlaganfälle als die, die es auf sechs bis acht Stunden Nachtruhe bringen. Vor einem langen Festivalwochenende oder einer wilden Partynacht besonders viel zu schlafen, bringt nichts. Denn der Körper kann Erholung nicht speichern. Das heißt: Er wird genauso müde sein wie ohne den Extraschlaf. Wer nachts nicht genügend Schlaf bekommt, sollte sich täglich Zeit für ein kleines Nickerchen nehmen. Dieses sollte laut dem deutschen Schlafforscher Jürgen Zulley nicht länger als 30 Minuten dauern. Denn danach setzt die Tiefschlafphase ein und das Erwachen daraus fällt entsprechend schwer. Nicht nur Erwachsene, auch Babys sollten viel schlafen. Denn wie US-Forscher 2006 in einer Studie zeigten, fördern kurze Nickerchen deren Sprachentwicklung. So konnten die Kleinen sich besser neue Dinge merken, wenn sie vorher eine halbe Stunde geschlafen hatten. "Ich bin so müde, ich könnte glatt im Stehen schlafen", behaupten viele. Aber Recht haben sie damit nicht: Zwar kann man sehr wohl aufrecht einschlafen. Doch spätestens wenn die Tiefschlafphase erreicht ist, sackt man in sich zusammen, weil die Muskelspannung nachlässt. Dass ältere Menschen weniger Schlaf benötigen, ist Quatsch. Richtig ist, dass sie ihre Schlafdauer über den Tag hinweg verteilen. Das kann vom täglichen Sekunden- oder Minutenschlaf bis hin zu ausgedehnten Mittagsschläfchen führen. Eine glückliche Beziehung sorgt für einen ruhigeren Schlaf. Forscher der University of Pittsburg haben herausgefunden, dass Frauen in stabilen Beziehungen besser schlafen als unverheiratete, frisch getrennte oder mit der Partnerschaft unzufriedene. Guter Schlaf hängt laut Forschern der University of Pennsylvania auch von Bildung, Geld und Status ab. In ihrer Studie hatten Festangestellte den besten Schlaf, gefolgt von Rentnern, Hausfrauen und Studenten. Von denen, die weniger als ein Jahr arbeitslos waren, schliefen 32 Prozent schlecht - unter den Arbeitsunfähigen waren es sogar 52 Prozent. Wer abends nur schwer ins Bett kommt wie Keith Richards, ist tendenziell kreativer und extrovertierter als jemand, der zeitig in die Federn hüpft und früh aufsteht. So lautete das Ergebnis einer Studie von Forschern der britischen Loughborough University. Eine Studie der Universität von Madrid kam zum Ergebnis, dass die Nachteulen die besseren induktiven Denker waren. Induktives Denken gilt allgemein als einer der wichtigsten Indikatoren für Intelligenz und befähigt fächerübergreifend zu guten akademischen Leistungen. Die Konzentrationsfähigkeit von Frühaufstehern lässt zehneinhalb Stunden nach dem Aufwachen deutlich nach, während Langschläfer dann immer noch ungefähr die gleiche Gehirnaktivität aufweisen wie eine Stunde nach dem Aufwachen. Mark Zuckerberg dürfte eine ziemliche Nachteule sein. Denn laut einer Studie der University of Southhampton haben diese im Durchschnitt ein hohes Einkommen. Außerdem verfügen sie im Vergleich zu den anderen Schlaftypen häufig über ein großzügigeres Zuhause. Nachtaktivität scheint auch im Liebesleben ein Vorteil zu sein. Forscher der Durham University haben herausgefunden, dass männliche Nachteulen im Durchschnitt doppelt so viele Sexualpartner haben wie Frühaufsteher. Weibliche Langschläfer haben hingegen ein durchschnittliches Liebesleben. Ziemlich ausgeschlafen dürfte die "Schönste Frau der Welt 2015", Sandra Bullock, sein. Denn den Schönheitsschlaf gibt es tatsächlich. Ein Grund dafür, dass gute Schläfer als attraktiver wahrgenommen werden, dürfte sein, dass unsere Haut im Schlaf mit wichtigen Hormonen versorgt wird, was die natürliche Regeneration anregt.

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Warum ist Schlaf so wichtig?

Die Frage stellt sich die Wissenschaft schon seit Jahrhunderten. Den endgültigen Beweis kann sie tatsächlich immer noch nicht liefern, was die eine Funktion von Schlaf ist. Mittlerweile geht man davon aus, dass es eine Vielzahl von Funktionen sind, die mit dem Schlaf verbunden sind.

Welche sind das?

Da geht es um körperliche und geistige Erholung. Dafür spricht, dass wir im Schlaf das Bewusstsein verlieren. Offenbar spielt unser Gehirn eine entscheidende Rolle beim Schlaf. Welche das ist, da gehen die Meinungen sehr stark auseinander. Sie reichen von genereller Temperaturregulation über das Sparen von Ressourcen bis hin zu wichtigeren Aufgaben wie jener, Abfallprodukte aus dem Gehirn zu entfernen.

Weiter geht es um die Stärkung des Immunsystems. Das zeigt sich, wenn wir krank sind. Dann schlafen wir tendenziell länger, um uns zu erholen.

Zusammenfassend kann man sagen, Schlaf sorgt dafür, dass wir am nächsten Tag optimal funktionieren können. Schlaf ist sicher eine lebenswichtige Funktion – genauso wie die Atmung. Ohne Schlaf hat es bisher noch niemand geschafft.

Gibt es eine Faustregel, wie viel Schlaf der Mensch braucht?

Nicht wirklich. Schlaf und Schlafbedürfnis sind sehr individuell. Das heißt: Es gibt tatsächlich Menschen, die mit nur fünf Stunden auskommen. Das kann man aber nur schwer nachmachen, wenn man selber ein Schlafbedürfnis von acht Stunden hat.

Wer aber regelmäßig sehr wenig (unter sechs Stunden/Nacht) oder sehr viel schläft (mehr als 10 Stunden/Nacht), ist eher von einem krankhaften Schlafverhalten betroffen. Und das geht mit einer erhöhten Sterblichkeit einher. Dazwischen ist es schwierig, festzustellen, was gut und was schlecht ist. Das kann man nur selber herausfinden. Ist man ständig übermüdet oder schläft ungewollt ein, zeigt das, dass man tatsächlich zu wenig schläft.

Ist schon eine Nacht mit zu wenig Schlaf schädlich?

Nein. Allerdings wird man sich am Tag danach müder fühlen, wahrscheinlich weniger aufmerksam sein. Und die Gefahr für Fehler steigt. Zum Beispiel beim Autofahren, bei dem unsere Daueraufmerksamkeit gefordert ist. Wenn sie aber gesund sind, dann holen Sie den Schlaf gewissermassen nach. Sie schlafen dann zwar nicht unbedingt länger, aber tiefer.

Wann liegt wirklich eine Schlafstörung vor?

Wenn jemand über einen längeren Zeitraum regelmäßig Probleme hat, einzuschlafen, nachts öfters aufschreckt und nur schwer wieder einschläft, morgens vor dem Wecker erwacht und deshalb am Tag Schwierigkeiten hat, spricht man von Insomnie. Das ist dann eine Krankheit, eine psychische Störung. Allerdings sprechen Menschen bereits viel früher von eigenen Schlafproblemen, einfach weil sie es so wahrnehmen.

Was kann man tun, wenn man Schwierigkeiten mit dem Schlafen hat?

Sind sie nur leicht, kann man es auf eigene Faust versuchen. Allerdings sind Schlafprobleme – egal wie ausgeprägt sie sind – etwas sehr Belastendes. Deshalb empfehle ich, einen Psychotherapeuten oder eine Schlafklinik aufzusuchen. Zumindest für ein Beratungsgespräch. Alternativ kann man auch Onlineangebote nutzen. Die funktionieren ähnlich wie Therapiesitzungen. Gerade frühes Aufwachen kann Hinweis auf eine depressive Verstimmung oder Depression sein.

Nicht so sinnvoll ist dagegen die Konsultation eines Hausarztes. Der verschreibt leider immer noch zu schnell Medikamente. Die helfen zwar zuverlässig, aber sie machen auch abhängig und sollten deshalb nicht über einen längeren Zeitraum genommen werden.

Fun-Fact

Wer ankündigt, eine Mütze voll Schlaf zu nehmen, sagt damit nichts anderes alsm dass er sich ein Ründchen hinlegen und schlummern möchte. Die Redewendung geht zurück auf die Zeiten, in denen die Menschen nicht ohne Kopfbedeckung ins Bett gingen. Die sogenannte Nachtmütze – mitunter auch Schlafmütze genannt – schützte ihre Träger einerseits gegen die nächtliche Kälte, andererseits verhinderte sie aber auch, dass die allfälligen Kopfläuse des Bettnachbarn ihren Weg auf den eigenen Kopf fanden.

(20 Minuten)

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  • Redchen am 07.05.2019 20:51 Report Diesen Beitrag melden

    guter Schlaf ist wichtig

    Also ich muss auch immer zusehen, dass ich meine acht Stunden schaffe, denn sonst bin ich unausgewogen und ständig müde. Als ich vor ein paar wochen dann mal richtige Schlafprobleme hatte, da half dann nur mehr Niosan, das ist natürlich und so fand ich wieder in einen Rythmus zurück, den man haben sollte. Denn wie es auch geschrieben wurde - Schlaf ist essentiell.

  • ChrisW am 20.04.2019 12:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlaf-Philosophie

    Schlaf ist etwas, was man nicht erzwingen kann. Als ich noch jünger war, verlief er in etwa über 8-9 Stunden, nur selten mit Unterbrechung. Je älter man wird (so habe ich die Erfahrung gemacht), desto nicht mehr so dicht wird der Schlaf. Die erste Schlafphase von ca 3-4 Stunden ist immer noch fest, dann kann es schon mal vorkommen, dass man länger wach liegt. Man kann dann z.B. ein bisschen lesen , mit Kopfhörer 1-2 Lieder hören (auf's Klo gehen sowieso) und er kommt dann wieder. Tagsüber 1-2 Nickerchen, vor allem nachmittags von 5-15 Minuten bringen auch viel. Macht man weiterhin viel Bewegung und lebt gesund, gibt es da sicher keine Probleme. Der Körper holt sich seinen Schlaf schon, wenn er ihn braucht. Von Schlafmitteln würde ich ziemlich abraten, auch Psychotherapeuten (lt. Artikel) sehe in diesem Fall nicht für sinnvoll. Solange man sich gesund fühlt, muss man sich nicht künstlich krank machen.

Die neuesten Leser-Kommentare

  • Redchen am 07.05.2019 20:51 Report Diesen Beitrag melden

    guter Schlaf ist wichtig

    Also ich muss auch immer zusehen, dass ich meine acht Stunden schaffe, denn sonst bin ich unausgewogen und ständig müde. Als ich vor ein paar wochen dann mal richtige Schlafprobleme hatte, da half dann nur mehr Niosan, das ist natürlich und so fand ich wieder in einen Rythmus zurück, den man haben sollte. Denn wie es auch geschrieben wurde - Schlaf ist essentiell.

  • ChrisW am 20.04.2019 12:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlaf-Philosophie

    Schlaf ist etwas, was man nicht erzwingen kann. Als ich noch jünger war, verlief er in etwa über 8-9 Stunden, nur selten mit Unterbrechung. Je älter man wird (so habe ich die Erfahrung gemacht), desto nicht mehr so dicht wird der Schlaf. Die erste Schlafphase von ca 3-4 Stunden ist immer noch fest, dann kann es schon mal vorkommen, dass man länger wach liegt. Man kann dann z.B. ein bisschen lesen , mit Kopfhörer 1-2 Lieder hören (auf's Klo gehen sowieso) und er kommt dann wieder. Tagsüber 1-2 Nickerchen, vor allem nachmittags von 5-15 Minuten bringen auch viel. Macht man weiterhin viel Bewegung und lebt gesund, gibt es da sicher keine Probleme. Der Körper holt sich seinen Schlaf schon, wenn er ihn braucht. Von Schlafmitteln würde ich ziemlich abraten, auch Psychotherapeuten (lt. Artikel) sehe in diesem Fall nicht für sinnvoll. Solange man sich gesund fühlt, muss man sich nicht künstlich krank machen.