Skepsis an hypersexualisierter Welt

11. Februar 2019 14:37; Akt: 11.02.2019 15:52 Print

Wir werden zunehmend einsamer und sexloser

In ihrem Buch "Warum Liebe endet" möchte die Soziologin Eva Illouz dem Zusammenhang zwischen Internet, Konsumkapitalismus und dem Sexualleben nachgehen.

 (Bild: Unsplash)

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Trotz der ständigen Verfügbarkeit sexueller Kontakte ist ein Aspekt des Datings komplizierter geworden. Denn die radikale Veränderung der Gesellschaftsstruktur verändert auch die Sexualität. Damit beschäftigt sich die israelische Soziologin im Buch "Warum Liebe endet". Ihre These ist, dass das Internet und das Konsumverhalten Auswirkungen auf die Sexualität haben.

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"Es wird viel mehr Menschen geben, die alleine leben."

Über viele Jahrzehnte hinweg galt die romantische, andauernde Liebe als Orientierung und Idealvorstellung partnerschaftlicher Bindung. Durch Dating-Plattformen wurde auch Sex ganz in den Kreislauf der Konsumgesellschaft eingefügt. "In der Welt der vernetzten Moderne sind der Zusammenbruch der sozialen Beziehungen und des gesellschaftlichen Zusammenhalts stark mit dem Wachstum sozialer Netzwerke, mit Technologie und Konsum verbunden," so die Autorin.

Digitale Wende ohne moralische Grenzen

"Fobo" definiert die Angst etwas zu versäumen. Das Verhalten, das Millenials beim Daten aufweisen, ist jenes, dass kleine Makel keine Akzeptanz mehr finden, weil der nächste nur einen Swipe entfernt wartet. Eine neue Form der Einsamkeit und eine zunehmende Appetitlosigkeit, wenn es um Sex geht, sind die Folge einer permanenten Verfügbarkeit. Neben den traditionellen Bindungsmodellen entwickeln sich in der technologisierten Konsumgesellschaft neue Formen, die Illouz als negative Bindungen bezeichnet: Dazu zählen One-Night-Stands, Seitensprünge, friends with benefits, Casual Datings oder Cybersexerlebnisse. Das Buch "Diagnose: Mingle" von der Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger analysiert auch die neuen Modelle und Komplexitäten, die Liebesbeziehungen in der digitalisierten Welt beeinflussen und definierte das Krankhafte an Unverbindlichkeit und Zwanglosigkeit.

Männer profitieren mehr von der sexuellen Befreiung

Frauen würden eher eine Beziehung mit Commitment suchen, Männer könnten besser zwischen Sex und Liebe unterscheiden, so die Expertin. "In der Welt der vernetzten Moderne sind der Zusammenbruch der sozialen Beziehungen und des gesellschaftlichen Zusammenhalts stark mit dem Wachstum sozialer Netzwerke, mit Technologie und Konsum verbunden," kritisiert Illouz.

Verpflichtungslosigkeit bringt Unsicherheit hervor

Ein Ergebnis der sexuellen Revolution war, dass Männer Sex haben konnten, ohne weitere Verpflichtungen einzugehen. Damit ist der Anfang einer Beziehung viel komplizierter geworden. Sex steht nicht mehr am Ende des Kennenlernens, sondern am Anfang, und ständig grübelt man darüber nach, was es zu bedeuten hat, wenn er nach der ersten gemeinsamen Nacht nicht mehr anruft. Die Ungewissheit ist enorm gestiegen. Es gibt heute keine andere soziale Beziehung, die so viel Unsicherheit verbreitet wie die Liebe, " so die Soziologin im Gespräch mit den Stuttgarter Nachrichten

Frauen machen mit, weil sie wirtschaftlich schwächer sind

Es gibt einen entscheidenden Vorteil, den Männer gegenüber Frauen haben: "Der Unterschied ist: Männer können dieses Spiel spielen, bis sie 80 sind. Frauen nicht." Laut ihr ist Folgendes schuld an der oberflächlichen Partnersuche der Männer:
"Die ständige Sexualisierung von Frauen in den Medien und die Pornoindustrie. Forscher nennen das Pornification. Das heißt: Frauen werden zunehmend über ihre physische und sexuelle Attraktivität definiert und machen bereitwillig mit, weil sie wirtschaftlich nicht so stark sind."

Jung und verwirrt - der "generation gap"

Sie legen die Priorität auf die Karriere, legen mehr Wert auf enge Freundschaften und pausieren die Partnersuche. Viele leben bis weit in die Zwanziger bei den Eltern, was auch keine ideale Basis für sexuelle Aktivitäten ist. Diese fallen oft in die Kategorie überfürsorglich, sogenannte Helikopter-Eltern. Eigenständigkeit ist auch mit 30 oft Fehlanzeige. Wohn- und Reiseformate passsen sich an und werden auch kleiner bzw. orientieren sich an Singles. Die Rate für Depressionen und andere psychische Erkrankungen steigt auch unter jungen Menschen an. Das einfache Kennenlernen in der realen Außenwelt gibt es so fast gar nicht mehr. Es ist nur mehr Stoff der modernen, über Generationen weitergegeben Märchen.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Elsa am 13.02.2019 07:29 Report Diesen Beitrag melden

    Erinnerungen und Realität

    Als Frau jenseits der Fünzig frage ich mich schon länger, wie es jüngeren Menschen in diesen vernetzten Zeiten mit ihrem Liebesleben gehen mag. Selber bin ich wohl aufgrund meines Alters für Männer schon unsichtbar, tut natürlich weh, ist aber Fakt. Wenn sich das, was ich noch erleben durfte inzwischen jedoch genauso oberflächlich und flüchtig abspielt wie soziale (?) Kontakte im Internet kann ich getrost darauf verzichten. Fazit: Es war einmal, und es war sehr schön.

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  • Fritz der Fratz am 11.02.2019 15:46 Report Diesen Beitrag melden

    Hilfe

    Schau dir die Karlich Show an und frag deinen Seelen Doktor deiner Wahl.

  • Mexiko am 11.02.2019 15:49 Report Diesen Beitrag melden

    Kommentare

    Ich bin extrem gespannt auf die Kommentare der Leser zu diesem Thema!

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Die neuesten Leser-Kommentare

  • Kannitverstan am 13.02.2019 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Diese Aussage stimmt,

    denn Digitale Wende ohne moralische Grenzen findet eben in der digitalen Welt statt. Angekommen im realen Leben folgt Ernüchterung. Einerseits laufen manche der Individualisierung dermaßen nach, dass sie nicht verstehen warum sie eigentlich alleine sind, andererseits versuchen manche für sich das ideale Pendant quasi in einer Art Spiegelbild zu finden. Das Miteinander gestaltet sich immer schwieriger, beispielsweise zu sehen an den verstörten Blicken der Menschen am Bahnsteig, wenn man einfach nur aussteigen möchte.

  • Elsa am 13.02.2019 07:29 Report Diesen Beitrag melden

    Erinnerungen und Realität

    Als Frau jenseits der Fünzig frage ich mich schon länger, wie es jüngeren Menschen in diesen vernetzten Zeiten mit ihrem Liebesleben gehen mag. Selber bin ich wohl aufgrund meines Alters für Männer schon unsichtbar, tut natürlich weh, ist aber Fakt. Wenn sich das, was ich noch erleben durfte inzwischen jedoch genauso oberflächlich und flüchtig abspielt wie soziale (?) Kontakte im Internet kann ich getrost darauf verzichten. Fazit: Es war einmal, und es war sehr schön.

    • Rosa am 13.02.2019 18:17 Report Diesen Beitrag melden

      @ Elsa

      Es gab einmal auch kein metoo und kein übertriebenes Sexualbelästigungs-Gesetz zu unsere Zeit wo die Welt noch in Ordnung war. Heutzutage ist leider die halbe Menschheit verrückt !

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  • Fredl am 13.02.2019 00:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Von nichts kommt nichts

    Bei 66% schwer indoktrinierten Bello-Wählern bin ich lieber einsam in Wien, bevor ich mich mit in den Linken Abgrund reißen lasse. Und den Hormonstau kann man sowieso problem- und stresslos kostengünstig in hunderten einschlägigen Etablisments abbauen.

  • Alexandra am 12.02.2019 18:39 Report Diesen Beitrag melden

    wundert mich nicht

    Die Amerikaner reden und seit Jahrzehnten erfolgreich durch ihre Medien ein, dass Sexualität etwas Schlechtes/schmutziges ist. Zusätzlich erfinden sie, um Hypes für ihre "sozialen" Medien auszulösen ständig irgendwelche Trends wie metoo. Dementsprechend könnte jeder noch so vorsichtige und unschuldige Flirtversuch sofort als Belästigung aufgefasst werden. Kein Wunder dass sich viele Menschen da immer mehr zurückhalten

    • Mexiko am 13.02.2019 13:48 Report Diesen Beitrag melden

      Da hast du leider vollkommen recht.

      Im Endeffekt sind es ja WIR alle die sich da was vorgaukeln lassen. Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt (Stichwort DENKEN) wissen wir ja eigenlich wohin das alles führt. Vielleicht nicht die junge Generation (zu wenig Erfahrung..) aber inzwischen sind es ja auch Personen über 30 die auf den Zug aufspringen. Alles andere ist anscheinend zu anstrengend...?!

    • Romana am 13.02.2019 18:29 Report Diesen Beitrag melden

      @ Alexandra

      Ja Alexandra du hast Recht, stellen wir uns mal einen jungen Burschen vor der heutzutage ein Mädel "anbaggert", wenn der Bursche dem Mädl gefällt ist das ok, gefällt er ihr nicht dann ist es Sexuelle Belästigung ! Da wundert man sich dann wenn die Sexlosigkeit zunimmt ? Also die Leute welche solche Gesetze gemacht haben bei denen dürfte nicht viel im "Oberstüberl" drin sein !

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  • Harry-Bill am 12.02.2019 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    natürliche Auslese

    wenn sich der mensch nicht selbst zerstört dann eben mit lustlosigkeit ...