Riesenbauwerke

12. August 2018 13:00; Akt: 12.08.2018 14:47 Print

So stellten sich die Nazis den Massentourismus vor

von Daniela Gschweng - Sonne, Strand, Propaganda und Meerblick für die Massen: Die Anlage namens "Prora" sollte das größte Seebad der Welt werden.

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Hier sollten sich einst deutsche Arbeiter erholen: In der Ferienanlage Prora auf Rügen. Die NS-Organisation "Kraft durch Freude" (KdF) baute die riesige Anlage zwischen 1936 und 1939. Das gigantische Seebad bot Platz für 20.000 Urlauber. Erholung, das bedeutete in Nazi-Deutschland eine Mischung aus Sport, Kollektivgefühl und Propaganda. Je zwei Personen sollten sich ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer teilen, Toilette und Badezimmer fanden sich auf den langen Gängen. Im Bild: Flur im vierten Stock des südlichen Gebäudeteils, 2010. 8.000 Zimmer hatten Meerblick, Balkone gab es nicht. Ab 1941 sollte der Massenurlaub unter dem Hakenkreuz beginnen. Der Tag, so sahen es die Pläne vor, sollte um 6.20 Uhr mit Wecken beginnen, um 6.30 Uhr war Frühsport vorgesehen, danach das Frühstück in zwei Schichten. Im Bild: Treppenhaus im südlichen Gebäudeteil, aufgenommen 2010. Statt Sonne sollte es um 13 Uhr politische Vorträge geben, dann die vorgeschriebene Mittagsruhe. Um 15 Uhr waren politische Schulungen der Urlauber, als Abendprogramm wieder Propagandaveranstaltungen vorgesehen. Doch es setzte nie ein Urlauber seinen Fuß nach Prora. Nach dem Krieg war Prora Sperrgebiet, erst 1992 wurde die Anlage öffentlich zugänglich. Urlauber zelteten während des Sommers bei den Ruinen, in einen der Blöcke zog eine Jugendherberge ein, daneben entstand ein Museum - die Festivals bei der Herberge sind legendär. Heute ist Prora Investitionsobjekt. Seit Anfang der Nullerjahre werden die noch erhaltenen Blöcke Stück für Stück verkauft und saniert. Unter dem Stichwort "Prora" findet man Hotels, Ferienwohnungen, exklusive Penthouses und gelegentlich auch ganz normale Wohnungen. ... gelegentlich auch ganz normale Wohnungen.

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Einst sollte Prora das größte Seebad der Welt werden. Stattdessen wurde der "Koloss von Rügen" zur Bauruine. Fast fünf Kilometer lang zieht sich der Riegel aus uniformen Betongebäuden am Strand der Ostseeinsel entlang. Jeder der acht sechsstöckigen Blöcke ist einen halben Kilometer lang.

Auch alles andere an Prora ist riesig. So wollte es die NS-Organisation "Kraft durch Freude", die den Monsterbau am Meer in den 1930er-Jahren erstellte. In den kasernenartigen Gebäuden sollte sich einst der deutsche Arbeiter erholen. 20.000 Feriengäste sollte die Anlage fassen, einer der Speisesäle jeweils 1.000. Eine Million sollten pro Jahr durch die Ferienfabrik geschleust werden.

Ferien mit Kasernengeschmack

Wer sich Prora ansieht, bekommt einen Eindruck davon, was sich "Kraft durch Freude" unter Ferien vorstellte. Selbst mit dem schlimmsten All-inclusive-Urlaub hat es wenig zu tun.

Erholung, das bedeutete in Nazi-Deutschland eine Mischung aus Sport, Kollektivgefühl und Propaganda. Alle sollten gleichwertig sein – außer denen, die draußen bleiben mussten. Je zwei Personen teilten sich ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer, Toilette und Badezimmer fanden sich auf den langen Gängen. Wer Glück hatte, bekam eines der 8.000 Zimmer mit Meerblick, Balkone gab es nicht. Eine Rundfunkstation im Seebad sollte Reden des Führers und Musik direkt über Lautsprecher in die Wohnzellen bringen. Für die Überwachung der Gäste durch die Gestapo war schon in den Plänen gesorgt.

Der Koloss von Rügen. (Video: Glomex/ProSieben)

Der Tag, so sahen es die Pläne vor, sollte um 6.20 Uhr mit Wecken beginnen, um 6.30 Uhr sollte Frühsport folgen, danach das Frühstück in zwei Schichten. Statt Sonne sollte es um 13 Uhr politische Vorträge geben, dann die vorgeschriebene Mittagsruhe. Um 15 Uhr waren politische Schulungen der Urlauber, als Abendprogramm waren wieder Propagandaveranstaltungen vorgesehen.

Gebaut wurde Prora in Rekordzeit: Schon drei Jahre nach der Grundsteinlegung 1936 war der Rohbau fertig. Ab 1941 sollte der Massenurlaub unter dem Hakenkreuz beginnen.

Vom Propagandabau zum Haus der Diktaturen

Doch es setzte nie ein Urlauber seinen Fuß nach Prora. Statt dem totalen Urlaub begann der totale Krieg. 1939 wurden die meisten Bauarbeiter abgezogen, nach dem Baustopp im Herbst 1941 hielten tschechische und polnische Kriegsgefangene den Rohbau instand. Es folgten Flüchtlinge, Verletzte und Auszubildende der SS.

Nach dem Krieg führte die Rote Armee in einigen Blöcken Sprengversuche durch und räumte aus, was auszuräumen war. Anschließend zog die nächste Diktatur in Prora ein: Bis zur Wende war das Gelände Sperrgebiet und diente der NVA als Kaserne. Kriegsdienstverweigerer schufteten als "Bausoldaten", um die Gebäude bewohnbar zu machen. In der riesigen Versammlungshalle reparierte die Armee der DDR ihre Panzer.

Aus finsterer Vergangenheit wird Freiraum

Nach der Wende kam die deutsche Bundeswehr, 1992 ging sie wieder. Prora wurde öffentlich zugänglich. Kaufen wollte das Monumentalbauwerk am Rügener Strand zunächst niemand, es wurde zum Freiraum. Urlauber zelteten während des Sommers bei den Ruinen, in einen der Blöcke zog eine Jugendherberge ein, daneben entstand ein Museum – die Festivals bei der Herberge sind legendär. 1994 wurde der Komplex unter Denkmalschutz gestellt.

Am Ende Investitionsobjekt

Heute ist Prora Investitionsobjekt. Seit Anfang der 2000er-Jahre werden die noch erhaltenen Blöcke Stück für Stück verkauft und saniert. Unter dem Stichwort "Prora" findet man Hotels, Ferienwohnungen, exklusive Penthouses und gelegentlich auch ganz normale Wohnungen. In der ehemaligen Versammlungshalle in der Mitte des Komplexes soll ein Einkaufzentrum entstehen. Der letzte Block soll dieses Jahr verkauft werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hanna am 12.08.2018 14:15 Report Diesen Beitrag melden

    Ferien

    Und was ist heute anders in manchen Ferienanlagen ????

    einklappen einklappen
  • Gunti eli am 12.08.2018 13:23 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Unterschied

    Sieht ja aus wie auf Mallorca oder einer anderen groß hotelanlage.

    einklappen einklappen
  • Leo King am 12.08.2018 15:07 Report Diesen Beitrag melden

    Gar nicht so übel!

    Schöner Bau! In den 30ern und 40ern wahrscheinlich das Top-Urlaubsdomizil für Arbeiter.

Die neuesten Leser-Kommentare

  • Hans am 14.08.2018 08:34 Report Diesen Beitrag melden

    Andere Zeit, anderes Denken

    Man muss solche Bauwerke im Kontext der Zeit bewerten. Es gab in den 30ern noch keinen Massentourismus. Urlaubsreisen waren etwas für Reiche. Die Idee von organisierten Ferien für Arbeiter war damals ganz neu und passt natürlich zu einem sozialistischen Staat, wie es der NS-Staat war. Damals hatte nicht jeder ein Auto, der Flugverkehr war wenig entwickelt. Viel lief noch mit dem Pferdewagen. Man musste die Leute zu solch zentralen Orten bringen, wenn man Tourismus ermöglichen wollte.

  • Mario am 13.08.2018 19:18 Report Diesen Beitrag melden

    Darf man das fragen?

    Mal abgesehen von diesem angeblichen, eh klar, hervorgekehrtem Propaganda-Tagesablauf ... Ist die Abzocke an diversen verdreckten Stränden mit Dieben und Pseudomasseuren, im versdrecktem Plastikmeerwasser (man siehe den fisch mit Puddingbecher im Magen), in Hotelanlagen mit vertrottelten Animationsprogrammen inklusive morgendlicher Liegen-rush am Pool und zügellosen Saufgelagen etc, etc, etc, besser?

  • Gerlinde M am 13.08.2018 06:37 Report Diesen Beitrag melden

    Interessant

    Sehr sehenswert, auch das Museum. Die Insel Rügen, besonders Binz, wo Prora liegt, ist ein schönes Urlaubsdomizil! Auch für Radfahrer!

  • Southpaw am 12.08.2018 17:35 Report Diesen Beitrag melden

    Huch!

    Was für ein Riesen Unterschied zu den Wohnkasernen in den Touristengebieten von Heute!

  • Leo King am 12.08.2018 15:07 Report Diesen Beitrag melden

    Gar nicht so übel!

    Schöner Bau! In den 30ern und 40ern wahrscheinlich das Top-Urlaubsdomizil für Arbeiter.