Tierpfleger-Tagebuch Schönbrunn

17. Mai 2019 07:28; Akt: 19.05.2019 01:16 Print

Andi der Geier wird in die Freiheit entlassen

Tierpflegerin Regina nimmt Sie heute mit nach Bulgarien. Der vom Aussterben bedrohte Schmutzgeier Andi ist im Zoo geboren und wird jetzt ausgewildert.

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(Text von Regina, Tierpflegerin im Tiergarten Schönbrunn und Falknerin aus Leidenschaft)

Liebes Tierpfleger-Tagebuch, du weißt ja, dass ich es liebe, zu reisen, neue Lebensräume und Kulturen zu sehen und zu verstehen. Sehr beeindruckend war beim Autofahren: Wenn wir das Fenster runtergelassen haben, konnten wir an jeder Mautstelle Nachtigallen hören.

Hier in Bulgarien haben sie nicht so viel versiegelt – neben dem Hotel sind Schotterstraßen. Am Hotel dürfen noch Mehlschwalben brüten, und sogar der Kot bleibt auf der Straße liegen. Und das stört hier niemanden. Wir haben Stare, die überm Balkon ihre Jungen füttern, die wir hören in der Früh. Rauchschwalben zischen herum. Haus- und Feldsperlinge sind da. Weißstörche hab ich schon gesichtet. Türkentauben. Das ist aber nur das Hotel. Jetzt werden wir bald abgeholt und in ein Feuchtgebiet gebracht.

Geier Andi ist in Schönbrunn geboren, wird in Bulgarien freigelassen

Ich bin in Bulgarien, um Andi zu besuchen. Das ist unser Schmutzgeier, der bei uns in Schönbrunn erbrütet worden ist und zur Freilassung in die Wildbahn der Organisation „Green Balkan“ zu Verfügung gestellt wurde. Andi ist dort erstmal in Quarantäne gekommen und danach in eine Freilassungsvolière.
Am Mittwoch war es endlich soweit: Die Freilassungsvolière wurde geöffnet.

"Ich zittere, so aufgeregt war ich. Denn ich wollte, dass Andi ruhig rausfliegt, weil Geier sich auch verfliegen können, wenn sie sich schrecken."

Aber es hat alles super funktioniert – wie im Bilderbuch. Ich bin so glücklich. Wir haben schon beobachten können, wie Andi frisst, gemeinsam mit den anderen beiden jungen Geiern, von denen einer aus Tschechien und der andere aus Spanien kommt.

Im August zieht Andi das erste Mal nach Afrika

Andi bleibt erst einmal in der Nähe des Futterplatzes. Im August wird er sich älteren Geiern anschließen und mit ihnen nach Afrika ziehen. Dort bleibt er ein paar Jahre und kommt mit 4 oder 5 Jahren wieder retour zur Brautschau.

Ich hab jetzt schon beobachten können, wie er seine Flüge immer weiter ausdehnt: Er geht den Berg immer weiter hinauf und landet immer tiefer. Andi ist sehr aktiv. Die Bulgaren lieben ihn, weil er sich so oft gezeigt hat. Andi trägt einen GPS-Sender. Alle 20 Minuten gibt es ein Update zu seiner Position. In den ersten zwei Monaten sind die Bulgaren ihm immer auf den Fersen. Ich bin begeistert von den bulgarischen Kollegen. Die sind super engagiert.

Regina stellt sich vor

Liebes Tierpfleger-Tagebuch, ich möchte mich kurz vorstellen, damit du weißt, mit wem du es zu tun hast. Ich bin auf einem Bergbauernhof in Gablenz im Voralpengebiet aufgewachsen. Wir haben dort einen Biobauernhof.
Im Tiergarten Schönbrunn habe ich die dreijährige Ausbildung zur Tierpflegerin absolviert. Ich hab das bronzene Abzeichen fürs Kutschen-Fahren und den Holzrücke-Kurs, damit ich mit dem Pferd Holzstämme aus den Wäldern holen darf.

In Wien habe ich Birdlife kennengelernt, eine Vogelschutzorganisation, die mich sehr geprägt hat. Für Birdlife habe ich auf der Beringungsstation Hohenau 10 Jahre gearbeitet – in meiner Freizeit und in meinem Urlaub. Und ich bin Falknerin. Ich habe dazu einen Jagdkurs gemacht für die Falknerei, damit ich mitreden kann, wenn über diese Themen diskutiert wird.

In den letzten 30 Jahren ist der Schmutzgeier-Bestand um mehr als 80 Prozent zurückgegangen.

Im Rahmen des 2017 gestarteten Wiederansiedelungsprojektes „Egyptian Vulture – New Life Project“ wird er in den östlichen Rhodopen, einem bewaldeten Gebirge an der Grenze zu Griechenland, ausgewildert. „In den Balkanländern ist die Situation für den Schmutzgeier dramatisch. In den vergangenen 30 Jahren ist sein Bestand um mehr als 80 Prozent zurückgegangen. Derzeit sind dort nur noch 70 Brutpaare übrig. Wir sind stolz darauf, bei diesem wichtigen Projekt dabei zu sein“, so Tiergartendirektorin Dagmar Schratter.

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(mp)

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