Theater- und Ballsaal in Wien wiederentdeckt

Als Michael Klier vor fünf Jahren in der Annagasse in der Wiener Innenstadt einen alten Discokeller anmietete, um dort sein Geschäft einzurichten, konnte er nicht ahnen, welcher Schatz sich hinter den Mauern verbarg. Dort, wo jahrelang der Schutt für Umbauarbeiten hingeladen und das Wasser für Schaumpartys abgeleitet wurde, befindet sich einer der ältesten Ballsäle Wiens, der später auch als Kellertheater genutzt wurde.


Schauspiellegende Hans Moser soll auf der Bühne des "Boulevardtheaters" 1911 sein Debüt gefeiert haben. Seit 1947 lagen die Räumlichkeiten im sogenannten Annahof im Dornröschenschlaf.

"Nicht einmal das Bundesdenkmalamt" glaubte an Existenz

Hinter den Mauern und der vermoderten Holzverkleidung der mittlerweile geschlossenen 1980er-Jahre-Disco "Montevideo" entdeckte Klier 2008 den bereits verloren geglaubten Ball- und Theatersaal. "Man dachte, dass die Einrichtung zerstört wäre und nichts mehr an die alten Glanzzeiten erinnern würde", sagte Fremdenführerin und Buchautorin Gabriele Lukacs, die sich seit Jahren mit der Erforschung Wiener Keller beschäftigt: "Nicht einmal das Bundesdenkmalamt dachte, dass die Räumlichkeiten noch existiere würden."

Bretter, die für Hans Moser die Welt bedeuteten

Doch als Geschäftsmann Klier in den muffigen Raum hinter der Verkleidung kletterte, nachdem er über Gänge voll Holz und Schutt gehen musste, stach ihm sofort die Theaterbühne ins Auge. Die Bretter, die einst für Hans Moser die Welt bedeuteten, waren deutlich sichtbar, ein dunkler Samtvorhang verhüllte halb die Bühne, verzierte Säulen, die früher golden leuchteten, waren teilweise eingestürzt, prunkvolle Wandtapeten des Kunsthandwerkers Otto Prutscher und Stuckelemente erinnerten an alte Zeiten.

Restaurierung für sechsstelligen Betrag

Das Glück: Die diversen Jazzclubs, Diskotheken und Bars, die in der Zwischenzeit im Nachbarkeller bzw. einen Stock höher ein- und wieder ausgezogen waren, hatten das Theater nicht entdeckt und auch nichts für Umbauten investiert, dadurch blieb die prunkvolle Architektur erhalten. Klier ließ sich von den Ausgaben, die nun auf ihn zukamen, nicht abschrecken und investierte einen sechsstelligen Betrag - genaue Zahlen wollte er nicht bekannt geben - und eine vierjährige Umbau- und Restaurierungszeit. "Wir haben die Substanz wieder herstellen können, die eigentlich schon verschwunden war", so Klier.

Architekturjuwel der Jahrhundertwende

Gemeinsam mit dem Bundesdenkmalamt rekonstruierte er das Architekturjuwel der Jahrhundertwende. Kein leichtes Unterfangen, sollten doch die kunstvollen Räumlichkeiten erhalten bleiben, aber dennoch die Sicherheitsvorrichtungen, die für einen Verkaufsraum notwendig sind, eingebaut werden. So waren etwa wie Tapeten des bekannten Designers und Architekten Otto Prutscher in einem sehr schlechten Zustand, teilweise übermalt oder gänzlich zerrissen. Trotzdem entschied man sich für die Wiederherstellung. In Kleinstarbeit gelang es einem Spezialistenteam, die Tapeten zu rekonstruieren.

Im Keller wurde gezaubert

Als Klier beim Umbau plötzlich Treppen, die unter die Bühne führten, entdeckte, studierte er zwei Tage lang die Pläne, die ihm die Baupolizei (MA37) zur Verfügung gestellt hat. Diese gaben einen Orchestergraben und einen Raum unter der Bühne preis, dessen Eingang nicht nur zubetoniert, sondern der auch mit Schutt und Scherben gefüllt war. "Die Unterbühne war für das Kabarett wichtig. Warum? Weil dort auch gezaubert wurde und man Menschen verschwinden lassen konnte", erklärte Klier. Seit Ende 2012 ist das Geschäft eröffnet, heute werden in dem ehemaligen Kellertheater Markenschuhe verkauft.

2-stöckiger Ballsaal nach Pariser Vorbild

Der Annahof ist ein geschichtsträchtiger Komplex, 1893 bis 1895 wurde er an der Stelle des ehemaligen Jesuitenklosters St. Anna von den Theaterarchitekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer errichtet. Fellner und Helmer zeichneten sich auch für Bauten wie das Ronacher, das Akademietheater oder das Wiener Konzerthaus verantwortlich. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde darin der unterirdische, zweistöckige Ballsaal, das Etablissement "Tabarin", nach dem Vorbild großer Revuen in Paris, eingerichtet.

Heute Burger King, wo früher die Wiener Bälle feierten

1910 hatte man den ehemaligen 1.000 Quadratmeter großen Ballsaal durch das Einziehen einer Betonzwischendecke halbiert und das Kellergeschoß zum Theatersaal für Kabarett mit Tischen im Parkett und seitlich erhöhten Logen umgebaut. Oberhalb dieser Zwischendecke befindet sich heute das Fast-Food-Lokal "Burger King", davor war dort die Diskothek "Tenne" zu finden, in der sich jahrzehntelang bis 2004 die Wiener Schickeria gerne sehen ließ. Nur noch eine Fotografie am Eingang des "Burger Kings" erinnert an den alten Ballsaal im Untergrund von Wien.

Der ehemalige Ball- und Theatersaal befindet sich im "Art & Style Fashion Theatre", 1010, Annagasse 3, Informationen über , Inhaber Michael Klier.

Robert Bouchal, Gabriele Lukacs, "Geheimnisvolle Unterwelt von Wien: Keller - Labyrinthe - Fremde Welten", 221 Seiten, Pichler Verlag, Wien 2011. Führungen von Gabriele Lukacs sind über zu buchen

APA/red.
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