Köpfe abbeißen alleine reicht noch lange nicht

Venom lässt die innere Bestie von der Leine, präsentiert sich aber dennoch als konventioneller Superheld.
Auf ein R-Rating hofften die Fans, eine Jugendfreigabe haben sie bekommen. Kein Sorge, versprach Regisseur Ruben Fleischer, Venom werde trotzdem viel düsterer als seine heroischen Kollegen aus dem erweiterten "Avengers"-Kreis, werde eine neue Art von Superheld, die es im Kino noch nicht gegeben hat. Von der ersten Sekunde an straft ihn der Film leider Lügen...

Constantine lässt grüßen

Aus dem Wrack einer Rakete werden drei Symbionten geborgen, außerirdische Wesen, die Exemplare der ortsansässigen Fauna (Karnickel, Hunde, Menschen) befallen, um in der für sie fremden Umgebung überleben zu können. Ein vierter entkommt, hangelt sich von menschlichem Wirt zu menschlichem Wirt und marschiert zu Fuß um die halbe Welt, einem ungewissen Ziel entgegen. Neu ist das nicht, genau so war es schon in der Comicverfilmung "Constantine" (2005) zu sehen, bloß ging es da um eine mystische Speerspitze, nicht um ein Alien.

Der Trailer von "Venom":



CommentCreated with Sketch.0 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Erst die Skyline, dann die Handlung

Schnitt nach San Francisco. Aus gefühlten hundert Perspektiven wird uns die City-Skyline gezeigt, die Painted Ladies strahlen von einem Bildschirmschoner, Golden Gate Bridge und Cable Cars lassen auch nicht lange auf sich warten. In diesen Hochglanz-Werbespot stolpert Eddie Brock (Tom Hardy), ein Reporter mit sozialem Gewissen und stark ausgeprägter Autoritätsallergie. Sein Chef (der von seinem Bürofenster aus die City-Skyline bewundert) nennt ihn den "besten Investigativjournalisten der Stadt". Wie das gehen soll, wo Eddie doch ständig einen Kameramann im Schlepptau hat und dank seiner Fernsehsendung in jeder Bar erkannt wird? Keine Ahnung, jedenfalls stellt Eddie mächtigen Leuten gern unangenehme Fragen. Eine davon - an Dr. Carlton Drake (Riz Ahmed) gerichtet, den Besitzer der abgestürzten Rakete, der den sichergestellten Symbionten Obdachlose zum Fraß vorwirft - kostet ihn seinen Job, seine Reputation und seine Verlobte (Michelle Williams).



Machtverschiebung

Zurückschlagen kann Eddie erst, als er zum Wirten eines der Aliens wird. Venom heißt der schlatzige Extraterrestrische, der dem Ex-Reporter die Fähigkeit verleiht, bösen Jungs den Kopf abzubeißen. Der Reiz, den diese urige, brutale, kompromisslose Kraft auf Eddie ausübt, ist nachvollziehbar. Endlich muss der ewige Weltverbesserer nicht mehr vor den Obrigkeiten kuschen, endlich kann er seinen aufgestauten Aggressionen freien Lauf lassen.

Lieber spaßig als grauslich

Die plötzliche Lust zu töten, die körperlichen Veränderungen, die tiefe, fremde Stimme im Kopf - all das würde einen normalen Menschen vermutlich in den Wahnsinn treiben. In einem nicht jugendfreien, nicht ganz so konventionellen Film hätte es Platz finden können. Statt schaurigem Psychohorror zeigt uns Fleischer jedoch lieber die lustigen Seiten von Paranoia und Persönlichkeitsspaltung. Eddie darf in einem Hummerbecken planschen und den Gästen eines Nobelrestaurants ins Essen tatschen.

Viel zu selten blitzt das Subversive, Böse, Unverschämte und Grausliche auf, dass sich die Fans von Venom erhofft hatten. Beißen wir Drakes Söldnern die Köpfe ab, raunt einmal etwa die Stimme in Eddies Kopf, dann machen wir einen Stapel Körper und einen Stapel Köpfe. Einen solchen Comic-Superhelden gab's im Kino tatsächlich noch nicht; und für einen Alien, der die Erde vorwiegend als Speisekammer erachtet, ergibt der Vorschlag sogar richtig Sinn.

Finale

Rechtzeitig zur Ankunft des wandernden Symbionten entdeckt Venom dann aber doch noch seine Liebe zur Menschheit (und zwar, wie könnte es anders sein, beim Anblick der City-Skyline). In einem Computer-generierten Endgegnerkampf machen sich die beiden das Schicksal der Erde untereinander aus, dann kann endlich der gut Teil des Films beginnen. Eminems Soundtrack-Beitrag und die zweite Bonusszene stellen den konventionellen Plot, den peinlichen Gottkomplexler-Schurken und die nicht vorhandene Chemie zwischen Hardy und Williams mit Leichtigkeit in den Schatten. Schade drum.

"Venom" startet am 5. Oktober 2018 in den österreichischen Kinos.

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