Das hilft, wenn das Kind einen zur Weißglut treibt

Laut Studien hat jeder zweite Elternteil bereits physische Gewalt in der Erziehung angewendet. Eine Expertin erklärt, wie man auch ohne Schläge die Oberhand behält.
Jeder vierte Elternteil nimmt an, dass ein Klaps auf den Po noch niemandem geschadet habe und Ohrfeigen in Ausnahmesituationen erlaubt seien. Dies geht aus einem Forschungsbericht der Schweizer Universität Freiburg hervor.

Auch wegen solcher Ergebnisse fordert die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ), die sogenannte Züchtigung in der Erziehung auch in unserem Nachbarland per Gesetz explizit zu verbieten.

Das wirft grundsätzlich die Frage auf, wie Eltern, die glauben, nur mit Schlägen den trotzenden Kindern Herr zu werden, reagieren können. Gibt es überhaupt Situationen, in denen nur noch Schläge helfen?

CommentCreated with Sketch.2 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. "Nein", findet Uta Reutlinger, Leiterin Fachstelle Häusliche Gewalt bei der Kantonspolizei Thurgau. Sie zeigt gegenüber dem Nachrichtenportal "20 Minuten" anhand drei fiktive Situationen auf, wie Eltern besser reagieren können.

Situation 1: Das Kind quengelt und ignoriert die Eltern. Was tun man da am besten?



Kinder lernen, wie man zu einem Ziel kommt. Ein Beispiel: wenn das Kind unbedingt auf den Spielplatz will, schreit und an der Tür quengelt, bis es hinaus darf.

Statt gewalttätig zu werden, sollte man ihm aufzeigen, warum es nicht mehr draußen spielen darf – beispielsweise wegen der Uhrzeit. Zudem sollte man Ruhe bewahren und tief durchatmen.

Wenn man mit ähnlichen Mitteln, etwa mit Schreien, reagiert, dann entfernt man sich von der Erwachsenenrolle und begibt sich auf die Stufe des Kindes.

Situation 2: Das Kind provoziert die Eltern, um seinen Willen zu bekommen. Es schreit nur noch. Die Eltern denken: Ein Klaps schadet doch nicht. Welche Alternative gibt es hier?



Vorneweg: Unsere Rollenbilder sind veraltet. Mit dem Satz "Das hat noch nie jemanden geschadet" spielen die meisten auf ihre eigene Kindheit/Jugend an. So wird alles an die nächste Generation weitergegeben und heruntergespielt.

Mit einer guten emotionalen Beziehung und einem respektvollen Umgang lassen sich klare Grenzen ziehen, die beidseitig respektiert und eingehalten werden. So kommt es am Abend auch nicht zum großen Geschrei, beispielsweise beim Pyjamaanziehen. Hier sollten eine klare Haltung und Linie erkennbar sein. Im Provozieren sind auch die Bedürfnisse des Kindes enthalten. Diese sollten erkannt werden. Es muss nicht in diesem Moment sein, aber es hilft für die Zukunft. Kinder müssen spüren, dass sie ernst genommen werden.

Situation 3: Auch Kinder schlagen ihre Eltern oder bewerfen sie mit Gegenständen. Da kann der Geduldsfaden reißen. Wie sollte man reagieren?



Bei größeren Kindern könnte eine kurze Verschnaufpause angekündigt und durchgeführt werden. Zuerst sollte man dem Kind aufzeigen, was genau passiert ist und wie es einem selbst damit geht. Beispielsweise: "Ich habe mich erschrocken, es tut mir auch weh, aber nachher möchte ich mit dir nochmals darüber reden." Das Kind darf keinen Beziehungsabbruch erleben.

Wenn es ein jüngeres Kind ist, muss man sich selbst und das Kind beruhigen und es beispielsweise in den Arm nehmen. Man muss es abholen und eine Brücke bauen. Genau das ist die Schwierigkeit der Eltern: die Situation entschärfen. Das kann aber jede und jeder lernen. Reaktionen wie: "Du hast mir jetzt eine gehauen, daher schlage ich dich jetzt auch", sind absolut fehl am Platz. Das Kind lernt daraus für die Zukunft.

Was raten Sie Eltern, die bei der Erziehung an ihre Grenzen geraten?



Die Eltern sollten sich Hilfe und Unterstützung holen. Der soziale Druck, der auf Eltern liegt, ist enorm. Man erwartet, dass sie die besten Weihnachtskekse backen, das Kind sich immer und überall ruhig und perfekt verhält und man in einer "Bilderbuchfamilie" lebt. Da darf man sich erlauben, sich Rat zu holen. Egal ob bei Freunden, Lehrern oder auch bei der Familienberatung. Wenn es akut ist, gibt es auch Elternnotruf-Telefone (in Österreich etwa "147 Rat auf Draht", Anm.). Dort kann man rund um die Uhr anrufen und es wird einem geholfen, in einer drastischen Situation runterzufahren. Auch eine Beratung ist nichts Schlimmes oder etwas, wofür man sich schämen muss.

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