Filmfestspiele Cannes

16. Mai 2019 15:05; Akt: 16.05.2019 15:52 Print

Zombies & Raketenmänner halten Cannes in Atem

von Gunther Baumann - Alles wartet aufs Elton-John-Biopic "Rocketman", Jim Jarmusch begeistert mit "The Dead Don't Die", und "Les Misérables" zeigt Palmen-Potential.

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"Vielleicht hätte ich unauffälliger sein sollen", zweifelt Elton John (Taron Egerton) an sich selbst. Gold, Glitzer und ein Privatjet: Zu viel gibt's nicht bei Elton John (Taron Egerton). Ein Treffen, das ihr Leben veränderte: Musiker Elton John (Taron Egerton) und Textschreiber Bernie Taupin (Jamie Bell) beschließen, zusammenzuarbeiten. Elton John (Taron Egerton) verliebte sich in John Reid (Richard Madden), der sein Manager wurde und für fast 30 Jahre blieb. Eltons Mutter Sheila Eileen (Bryce Dallas Howard) interessiert sich hauptsächlich für eine Person: sich selbst. Unfähig, Zuneigung zu zeigen: Eltons Vater Stanley (Steven Mackintosh) Wo Elton ist, ist Party - und das von Anfang an. Der junge Reggie (Matthew Illesley) mit seiner Großmutter Ivy (Gemma Jones), bei der er aufwuchs. Der echte Elton John streut seinem Darsteller Taron Egerton und dessen Stimme Rosen. Taron sang alles selbst und macht seine Sache fantastisch. Ein Freak, der nicht in die englische Welt der 50er und 60er passt: Eltons Unangepasstheit wird in einer Musicalnummer erklärt. Bernie Taupin (Jamie Bell) und Elton ziehen für eine zeitlang zusammen. Bernie schrieb den Text zu u.a. Your Song und Candle in the Wind. Eiskalt und äußerst erfolgreich: Manager John Reid (Richard Madden) Elton liebt John (Richard Madden) und John liebt Eltons Geld Produzent Ray Williams (Charlie Rowe, re.) entdeckt Elton John, wird aber nach dem 5. Album abgesägt. Die 80er sind da und Elton John (Taron Egerton) lebt noch immer. Als Eltons Ex ihn vor die Tür setzt, ziehen er und Bernie Taupin (Jamie Bell) heim zu Eltons Mama. Die Karriere hebt ab: Sein erstes Konzert im Troubadour ist für Elton John (Taron Egerton) der Durchbruch. Ab jetzt kann ihn nichts mehr stoppen. Rock'n'Roll statt Klassik: Elton (Taron Egerton) wird erwachsen. Stiefpapa, Mama, Oma: Das ist Eltons Background. Vor dem Konzert, das sein Leben verändern wird, sperrt sich Elton noch mit einer Panikattacke am Klo ein. Erste ausverkaufte Hallen: Eltons Karriere startet durch. Oma Ivy ist die gute Seele des Hauses, Mama Sheila Eileen ist nur im Vergleich zum ständig abwesenden Vater warmherzig. Vom kleinen dicken Jungen zum Superstar, der Stadien füllt und leider auch selbst meist abgefüllt ist: Elton John Luxus allein macht nicht glücklich: Beim feinen Essen mit seiner Mutter macht sie Elton (Taron Egerton) bittere Vorwürfe, weil er ständig mit Alkohol- und Drogen-Geschichten in den Medien ist. Mama kommt zu Besuch und bringt die Nachbarn mit: Elton ist in seinem Luxus und seiner Drogensucht gefangen. Bruch mit Bernie: Elton (Taron Egerton) wirft dem Songschreiber (Jamie Bell) vor, ihn allein gelassen zu haben. "Your Song": Jeder im Haus erkennt, dass Elton hier etwas Außergewöhnliches gelungen ist. Es wird der erste große Hit. John Reid (Richard Madden) wechselt die Produzenten und bricht mit dem Duo, das Elton groß gemacht hat. Wenig überraschend kommt das nicht gut an. Pinball Wizard: Extravangant, schrill und immer mit einem Glas Hochprozentigem in der Hand Alles Geld der Welt kann Elton (Taron Egerton) nicht glücklich machen. Brille: check, Federn: check Songschreiber Jamie Bell als Bernie Taupin und Taron Egerton als Elton John in "Rocketman" Filmplakat: Rocketman läuft ab 30. Mai 2019 in Österreichs Kinos

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Dritter Festival-Tag in Cannes – und schon das zweite große Star-Event: Nach der Eröffnungs-Gala mit Jim Jarmusch und Bill Murray war am 16. Mai Elton John angesagt. Der Pop-Gigant spielt zwar in keinem Film mit, aber er ist der Protagonist einer großen Produktion. Die Biografie "Rocketman", die bereits am 29. Mai bei uns im Kino anläuft, schildert die frühen Jahre seiner Karriere.

Auf dem roten Teppich von Cannes ist Elton John quasi gleich doppelt vertreten. Einmal höchstpersönlich und einmal in Gestalt des britischen Jung-Stars Taron Egerton ("Kingsman"), der den Musiker auf der Leinwand verkörpert. In der Rolle von Elton Johns Texter und Partner Bernie Taupin ist Jamie Bell ("Billy Elliott") an Bord.

Neu in Cannes: Kein Presse-Screening vor der Premiere

Möglich, dass "Rocketman" in ähnliche Höhen abhebt wie letztes Jahr der Freddie-Mercury-Film "Bohemian Rhapsody". Dafür spricht zum Beispiel die Tatsache, dass Dexter Fletcher Regie führt. Der Engländer drehte "Bohemian Rhapsody" fertig, nachdem sich die Produktion im Streit von Regisseur Bryan Singer ("X-Men") getrennt hatte.

Bohemian Rhapsody

Wie gut der Film geworden ist, lässt sich aktuell aber noch nicht beantworten: Die internationale Presse bekommt "Rocketman" in Cannes nämlich erst am 17. Mai, einen Tag nach der Weltpremiere, zu sehen. Das ist eine Folge der neuen Politik des Festivals, Presse-Screenings nicht mehr vor den Premieren anzusetzen. Der Hintergrund: In den letzten Jahren kam es öfters mal vor, dass misslungene Filme noch vor der Cannes-Gala von den Kritikern durch Sonne und Mond geschossen wurden. Die Möglichkeit solch einer Schmach will man den Stars nun ersparen.

Zombies im Jarmusch-Stil

Im Fall von "Rocketman" sind die Erwartungen von Presse und Fans freilich hoch. Und hoch ist auch das Niveau der ersten Filme, die im Wettbewerb um die Goldene Palme laufen.
Regie-As Jim Jarmusch zeigte mit dem Eröffnungsfilm "The Dead Don't Die", dass man in ein Zombie-Spektakel sowohl Witz als auch ernste Themen verpacken kann.

The Dead Don't Die

Bill Murray, Adam Driver und Chloe Sevigny schieben als hinreißendes Provinzpolizisten-Trio eine Pointe nach der anderen raus. Zugleich reitet der Film ironisch verbrämte Attacken gegen die Überfluss-Gesellschaft und gegen US-Präsident Donald Trump. Ein cooler Film im typischen, lakonischen Jarmusch-Stil: "The Dead Don't Die" startet am 13. Juni in Österreichs Kinos.

"Les Misérables" aus den Banlieues

Noch keinen Termin gibt's für ein Erstlingswerk, das in Cannes mit seinem Realismus und seiner Härte Furore machte. Der französische Regie-Novize Ladj Ly erzählt in "Les Misérables" (keine Neuversion des Romans von Victor Hugo oder des Musicals!) eine Geschichte aus den Banlieues, den Pariser Vorstädten, in denen sich immer wieder schwere soziale Konflikte entzünden – oft verbunden mit gnadenloser Gewalt.

"Les Misérables" zeigt, aus welch nichtigen Anlässen solche Situationen entstehen können: Ein Teenager klaut einem Zirkus ein Löwenbaby. Bald stehen sich etliche Fraktionen – Zirkusleute, Zuwanderer, Islamisten und Jugendliche – voller Aggression gegenüber. Mittendrin der aus Afrika stammende Bezirksbürgermeister, der schlichten will, und die Polizei, die lieber erstmal zuschlägt und später verhandelt.

Das Drama, das auf persönlichen Erlebnissen des Regisseurs beruht (Ladj Ly stammt selbst aus den Banlieues), ist ein rasanter und unbarmherziger Film, der das Publikum angesichts der Ausweglosigkeit der Konflikte erschüttert zurücklässt. Ein Happy End könnte es freilich in Cannes geben: "Les Misérables" wird als potenzieller Kandidat für einen Preis im Wettbewerb gehandelt.

Gunther Baumann, Film Clicks

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