Kunst-Profi Gerald Matt schreibt jetzt in "Heute"

29. Februar 2016 04:28; Akt: 28.02.2016 21:43 Print

Peymann lässt Handke "freiträumen"

Der Bundespräsident war da, der Kulturminister auch. Samstagabend erlebte Peter Handkes "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" seine Uraufführung an der Burg. Theater-Wien gab sich ein Stelldichein, um Claus Peymann und Handke beim "Theatermachen" wiederzuerleben.

 (Bild: Helmut Graf)

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Der Bundespräsident war da, der Kulturminister auch. Samstagabend erlebte Peter Handkes "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" seine Uraufführung an der Burg. Theater-Wien gab sich ein Stelldichein, um Claus Peymann und Handke beim "Theatermachen" wiederzuerleben.

Handkes Stück und Peymanns dreistündige Inszenierung sind eine Liebeserklärung ans Theater, ein Theater der Wörter, der Schauspieler und des Spielens, ein Theater der Freiheit, das sich selbst feiert, das fern von Vereinnahmung durch die Welt der schieren Nutz- und Zweckmäßigkeit und wohl gerade deshalb poetisch und sympathisch ist.

Entsprechend erlebte das Stück ein nicht enden wollendes Finale, als ob Dichter und Regisseur nicht Abschied nehmen wollten von "ihrem Theater" und ihrem Publikum, das die beiden und das Ensemble mit lang anhaltendem Applaus verabschiedete: eine Ehrbezeichnung für Dichter, Regisseur und das Theater "an sich".

Auf der Landstraße – von Karl-Ernst Hermann als eine in einem undefinierten Horizont sich verlierende Kurve auf schiefer Bühnenfläche gestaltet – gibt Christopher Nell eindrücklich den "Ich". Nell erweist sich als Persönlichkeitsjongleur zwischen Weltschmerz und Weltumarmung, der auf den Versatzstücken einer verfallenen Bushaltestelle, seiner Landstraße, ein Plädoyer für eine "andere Welt", eine poetische Welt, abgibt, in der noch von Tautropfen die Rede ist, in der man über hundert Vögel beim Namen nennt ("das Warten noch Befreiung ist") und eine mögliche Lösung lautet: "umfassend träumen … freiträumen". "Ich" ist einer, der sich zur Wehr setzt gegen Hast und lärmige Umtriebigkeit der vorüberziehenden "Unschuldigen", deren Mobiltelefonie und Kommunikationssucht. Er schimpft, springt, verteidigt seinen "letzten freien Weg in die Welt".

Unter den "Unschuldigen" stechen Martin Schwab, Maria Happel als furiose Komödiantin und Regina Fritsch als die "jeher ersehnte Frau" hervor. Man fühlt sich in einen langen, manchmal zu langen Traum versetzt, der nicht erzählbar und nicht erklärbar ist. Gegen Ende fragt der Mann an der Landstraße, der "Ich", ob der Träumer in einem Traum das erste und letzte Wort haben könne. Die Antwort lautet: "Ja, in einem Wachtraum, ach ja, ach ja." Hoch lebe die Kunst.

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