Brunnen-Drama in Spanien

18. Januar 2019 06:45; Akt: 18.01.2019 06:45 Print

"Die Eltern brauchen einen Schuldigen"

Der zweijährige Julen ist in Spanien in ein 100 Meter tiefes Loch gefallen – und konnte seither nicht geborgen werden. Ein Spezialist erklärt, was die Eltern durchmachen.

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Musste sein zweites Kind zu Grabe tragen: José Rosellò an der Beerdigung seines zweijährigen Sohnes Julen. Victoria Garcia (l.), die Mutter von Julen, umringt von Polizei und Rettungskräften am frühen Samstagmorgen - kurz nach Bekanntwerden von Julens Tod. Familienangehörige von Julen in Totalán. Viele Menschen haben sich in der Nähe des Hauses eingefunden, nachdem der kleine Junge am frühen Samstagmorgen tot gefunden worden war. Ein Helikopter umkreist die Unglücksstelle. Am Abend wurde eine Mahnwache für den Buben abgehalten. Yulens Eltern beten, dass ihr Kind noch lebend gerettet werden kann. Mit diesen gewaltigen Bohrköpfen versuchen die Einsatzkräfte einen weiteren Schacht zu graben, um den kleinen Julen (2) zu retten. Nur rund drei Meter pro Stunde kommen die Bohrer im Erdreich vorwärts. Ein großer Felsbrocken verzögert die Grabungsarbeiten. Der neue Schacht muss zudem befestigt werden. Von seinem Boden sollen sich Bergarbeiter vorsichtig per Hand zur vermuteten Position des verschütteten Kindes vorgraben. Die maschinellen Grabungsarbeiten sollen bis Sonntagnachmittag (20. Jänner) fertiggestellt werden. Der staatlich beauftragte Ziviltechniker Angel Garcia erklärt Journalisten die Lage. Das ist das Loch in dem der kleine Julen (2) seit Sonntag gefangen ist. Seit Sonntag, 13. Jänner 2019, kämpfen mehr als einhundert Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Rettung in der südspanischen Provinz Malaga um das Leben des kleinen Julen. Der zweijährige Bub war beim Herumtollen in einen 110 Meter tiefen Brunnenschacht gefallen, als er mit seiner Familie im Gemeindegebiet von Tortala unterwegs war. Bei seinem Sturz stieß Julen noch einen gellenden Schrei aus, doch seitdem hat man nichts mehr von dem Buben gehört, denn der Schacht ... ... ist in einer Tiefe von rund 78 Metern durch nachgerutschten Sand blockiert. Dort wurden auch ein Häferl und ein Sackerl voller Süßigkeiten gefunden, die der Bub bei sich hatte. Die Rettung gestaltet sich als extrem schwierig: Das Bohrloch ... ... ist zu eng um einen Erwachsenen hinabzulassen und die Wände sind nicht befestigt. Jederzeit könnten weitere Erdmassen nachrutschen. Jetzt soll parallel ein weiterer Schacht gegraben werden, wie Polizeisprecher Bernardo Molto (im Bild) erklärt. Gleichzeitig versucht die Feuerwehr Erdreich rund um den Unglückschacht abzugraben. Minenarbeiter aus Asturien sind an der Suche beteiligt. Über 100 Retter sind im Dauereinsatz. Der Vater José in Tränen. Die Eltern sind verzweifelt: Bereits 2017 verloren sie einen drei Jahre alten Sohn. Auch Menschen, die die Familie nicht kennen, brechen in Tränen aus. Die ganze Region fiebert mit - und hofft auf Rettung. Dazu wurden Fachleute aus Nordspanien eingeflogen. Die Einsatzkräfte bohren seit Tagen an einem Tunnel quer zum Brunnen.

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Die Bergung des kleinen Julen aus einem engen und mehr als hundert Meter tiefen Bohrloch in Spanien kommt nur mühsam voran. Am Donnerstag, dem fünften Tag der Suche, schwindet die Hoffnung, den Jungen noch lebend bergen zu können. Was die Eltern durchmachen, kann sich kaum jemand vorstellen. Einer, der das kann, ist Herbert Wyss.

Wyss ist zur Stelle, wenn Leute Amok laufen, Schulen von Gewaltvorfällen erschüttert werden oder schlimme Unfälle oder Verbrechen Menschenleben kosten. Als Leiter eines Kriseninterventionsteams im Thurgau (Schweiz) ist er erfahren in der Betreuung schockierter Angehöriger. Im Interview erklärt uns der Experte, was Julens Eltern derzeit durchmachen, was ihnen hilft – und was nicht.

Herr Wyss, am Sonntagnachmittag ist der zweijährige Julen auf einem Familienausflug in ein Erdloch gefallen und konnte bisher nicht geborgen werden. Die Eltern harren an der Unglücksstelle aus und übernachten im Auto. Was machen sie durch?

Ihre Situation ist furchtbar, keine Frage. Sie sind völlig machtlos und können nichts tun, damit ihr Kind schneller geborgen wird. Gleichzeitig sind sie hin- und hergerissen zwischen Trauer und Hoffnung.

Die Eltern haben sich zornig geäußert gegenüber den Rettern und sich geärgert, dass die Bergung von Julen so lange dauert.

Das ist typisch. Sie brauchen einen Schuldigen. Ihre Situation ist so unerträglich, sie müssen ihren Schmerz irgendwie auslagern.

Was ist mit Schuldgefühlen?

Auch das ist häufig. Oder dass sich das Paar verkracht, dass die Mutter dem Vater beispielsweise vorwirft, er habe zu wenig gut auf den Kleinen geschaut. Aber soweit ich das beurteilen kann, ist das Geschehene hier ein tragischer Unfall, wie er leider immer wieder vorkommt.

Die Eltern haben 2017 schon einmal ein Kind durch einen Herzinfarkt verloren, nun ist Julen verschwunden. Reißen da nicht alte Wunden wieder auf?

Tatsächlich kommt es sehr darauf an, ob und wie die Eltern den Verlust des größeren Bruders verarbeitet haben oder ob sie ihn nur verdrängen. Dann kann es, auch wenn man ihnen im Alltag nichts anmerkt, innerhalb Kürze zu einer erneuten Traumatisierung kommen. Bis ein Trauma entsteht, geht es rund sechs Monate. Eine Retraumatisierung aber kann in fünf Minuten geschehen. Dafür reicht manchmal allein der Satz "Mit Ihrem Kind ist etwas geschehen".

Seit mehreren Tagen bangen die Eltern nun nahe der Unfallstelle auf Neuigkeiten. Sie kennen solche Situationen aus Ihrem Beruf. Wie stehen Sie Angehörigen bei in diesen langen Momenten?

Wir können ihnen den Schmerz nicht nehmen. Aber wir können ihnen helfen, damit sie der Schmerz im schlimmsten Fall nicht noch härter trifft, sondern dass sie lernen, ihn in den Griff zu bekommen. Das Kind ist seit mehr als vier Tagen in einem extrem engen, tiefen Schacht. Seine Chance, noch am Leben zu sein, ist nicht besonders hoch. Wir müssen die Eltern in ihrer Hoffnung unterstützen und gleichzeitig realistisch bleiben. Ihnen mit einfachen Fragen helfen, ihre eigenen Befürchtungen und Bilder hervorzuholen . Die Eltern sagen dann vielleicht, sie wollen an der Hoffnung festhalten. Und gleichzeitig sprechen sie aus, dass sie wissen, dass es ein Wettlauf gegen die Zeit ist.

Ein spanischer Politiker twitterte, er glaube fest daran, dass der Junge lebend geborgen wird. Hilft das den Eltern?

Nach dieser langen Zeit des Vermissens finde ich es etwas unfair. Es hilft den Eltern nicht dabei, realistisch zu denken. Aber Politiker sind immer im Wahlkampf. Verkünden sie schlechte Nachrichten, können sie Stimmen verlieren.

Die Eltern haben im Auto geschlafen, wollten nicht weg vom Ort des Geschehens, obwohl ihnen das Einsatzteam vor Ort dazu geraten hat.

Es überrascht mich nicht, dass sie nicht wegwollten. Und ich finde, das ist zu respektieren. Alles, was ihnen hilft in dieser Situation, hat Priorität. Wäre ich dort im Einsatz, würde ich versuchen, ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, ihnen beispielsweise einen Wohnwagen organisieren auf einem Platz, der nicht unmittelbar beim Unglücksloch liegt, um ihnen so auch Schutz zu sichern.

Dort nämlich könnte die Leiche des Kindes geborgen werden...

Genau. Hier wäre es möglich, dass ich das tote Kind noch vor den Eltern sehen würde. So kann ich ihnen schildern, was für ein Anblick sie erwartet. Falls es stark verwundet ist, können die Ärzte vor Ort vielleicht auch noch ein bisschen kaschieren. Darauf gehe ich zu den Eltern und sage ihnen, wo die schweren Verletzungen des Kindes sind. Danach beschreibe ich immer etwas Positives. Ich habe noch nie einen toten Menschen gesehen, an dem ich nichts Schönes fand. Ich teile den Eltern dann mit, dass ihr Kind eine rosige Gesichtsfarbe habe oder ein Lächeln auf den Lippen. Und danach weise ich nochmals darauf hin, dass man halt die Wunden sehe, an denen ihr Kind gestorben sei. Es ist wichtig, dass die Eltern zu ihren Kindern können. Vor allem die Mütter wollen ihre Söhne und Töchter unbedingt sehen. Väter sind manchmal etwas zurückhaltender.

Und wenn die Eltern dann vor ihrem toten Kind stehen?

Meistens dauert es nicht lange und die Eltern beginnen, mit ihrem Kind zu sprechen, es zu streicheln. Die Verletzungen treten in den Hintergrund. Manche meinen, sie hätten nicht die Zeit erhalten, von ihrem Kind Abschied zu nehmen, wichtige Dinge zu klären. Ich ermuntere sie, das in diesem Moment zu tun. Sie können auch etwas von ihrem Kind mitnehmen, ein Stück vom T-Shirt oder eine Haarsträhne zum Beispiel. Aus diesem Grund habe ich immer ein Taschenmesser mit Schere dabei. Die Eltern erzählen mir von ihrem Kind, was für ein liebes Kind es gewesen sei. Bei aller Trauer gibt es auch schöne Elemente in diesen Momenten.

Zu Ihrem Job gehört auch das Überbringen von Todesnachrichten.

Ja, und daran gewöhnt man sich nicht. Es ist wirklich hart, eine Todesnachricht zu überbringen. Die Polizei ist in der Regel froh, wenn ich das übernehme. Ich habe lange mit Fachpersonen darüber gesprochen, wie man das am besten macht. Wenn ich mit Polizeibeamten aufkreuze, ist den Angehörigen im ersten Moment klar, dass etwas geschehen sein muss. Ich rücke deshalb gleich damit heraus, sage gleich zu Beginn, dass ihr Kind gestorben ist. Dann ist das Schlimmste schon raus. Und natürlich sind wir da, solange es nötig ist. Wir arbeiten wenn nötig zu zweit im Schichtdienst und schauen, dass die Angehörigen am Anfang nie allein sind.

Wie gehen Sie selbst mit den Bildern und Eindrücken Ihrer Arbeit um?

Ich achte darauf, dass ich mit mir und meinen Nächsten im Einklang bin, und schaffe Ungeklärtes und Probleme möglichst sofort aus der Welt. Meine Frau und meine Tochter wissen das. Weil ich bei meiner Arbeit manchmal auch bedroht werde, haben wir ganz offen darüber gesprochen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter Bauer am 18.01.2019 07:18 Report Diesen Beitrag melden

    Die Hoffnung stirbt zuletzt

    Auch wenn die realen Chancen immer geringer werden, das Julen lebend geborgen wird, weigere ich mich die Hoffnung bis zur Gewissheit aufzugeben. Ich wünsche den Eltern viel Kraft, diese unvorstellbare Situation zu überstehen. Ich würde daran zerbrechen.

  • Tu Felix Austria am 18.01.2019 07:42 Report Diesen Beitrag melden

    Furchtbare Tragödie!

    Schlimm, vor allem, wenn sie schon ein Kind verloren haben. Ganz geht mir nicht ein, wie das Kind da reinfallen konnte, wenn die Eltern daneben waren? War das Loch nicht sichtbar?

  • angelina am 18.01.2019 10:26 Report Diesen Beitrag melden

    hoffnung

    die schuld ist bei den eltern zu suchen, das ist tragisch aber man muss bei der wahrheit bleiben. ich bin mir sicher, dass die retter alles versuchen werden den kleinen zu bergen... wir hoffen mit den eltern auf positive nachrichten.

    einklappen einklappen

Die neuesten Leser-Kommentare

  • angelina am 18.01.2019 10:26 Report Diesen Beitrag melden

    hoffnung

    die schuld ist bei den eltern zu suchen, das ist tragisch aber man muss bei der wahrheit bleiben. ich bin mir sicher, dass die retter alles versuchen werden den kleinen zu bergen... wir hoffen mit den eltern auf positive nachrichten.

    • manfred am 18.01.2019 13:02 Report Diesen Beitrag melden

      Heilige Geist !

      Das Loch ist ja nicht von alleine hingekommen ,muss ja wer gemacht haben ? Was ist mit Baustellen -Sicherung ? u.s.w. oder hat das Loch der Heilige Geist gemacht ?

    • Leni am 18.01.2019 13:34 Report Diesen Beitrag melden

      Eltern trifft keine Schuld

      Woher hätten die Eltern von dem ungesicherten Loch bzw. der nicht offiziell gestatteten Bohrung im Niergendwo wissen sollen?

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  • NiHuu am 18.01.2019 09:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viel Kraft

    Viel Kraft den Eltern in dieser schweren Zeit

  • xyxy am 18.01.2019 09:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    verantwortungslos

    Die Eltern sind selber schuld wenn sie besser aufgepasst hätten wäre das nicht passiert

    • Stodl am 18.01.2019 13:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @xyxy

      wogl selbst noch nie mit an Kind gespielt oder aufgepasst. sonst würden sie sowas nicht schreiben.

    einklappen einklappen
  • Tu Felix Austria am 18.01.2019 07:42 Report Diesen Beitrag melden

    Furchtbare Tragödie!

    Schlimm, vor allem, wenn sie schon ein Kind verloren haben. Ganz geht mir nicht ein, wie das Kind da reinfallen konnte, wenn die Eltern daneben waren? War das Loch nicht sichtbar?

  • Peter Bauer am 18.01.2019 07:18 Report Diesen Beitrag melden

    Die Hoffnung stirbt zuletzt

    Auch wenn die realen Chancen immer geringer werden, das Julen lebend geborgen wird, weigere ich mich die Hoffnung bis zur Gewissheit aufzugeben. Ich wünsche den Eltern viel Kraft, diese unvorstellbare Situation zu überstehen. Ich würde daran zerbrechen.