"Kalifat" am Ende

05. März 2019 06:33; Akt: 05.03.2019 08:04 Print

Letzte IS-Jihadisten leisten zugedröhnt Widerstand

von Ann Guenter, Baghus - Ausgehungert und zugedröhnt: In Ostsyrien kämpfen über 300 IS-Jihadisten ihren letzten Kampf. Der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi soll bereits geflohen sein.

Ein Video aus dem Jahr 2016: 20 Minuten begab sich in die verzweigten Tunnelsysteme der Terrormiliz im Irak. (Video: Ann Guenter)
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Es sind die letzten Zuckungen des stolzen "Kalifates", das die Welt über die letzten Jahre in Angst versetzte: Die von den Kurden angeführten Syrischen Demokratischen Streitkräfte ("Syrian Democratic Forces", SDF) setzen mit Unterstützung von US-Kampfjets ihre Offensive auf das Schrumpfgebiet der Extremisten des sogenannten "Islamischen Staates" (IS) fort. In der letzten Woche waren über 10.000 IS-Familien aus der Kleinstadt Baghus in der Provinz Deir ez-Zor geholt worden oder geflohen. Hunderte IS-Kämpfer ergaben sich.

In schmutzigen Lastwagen wurden die bärtigen Männer abtransportiert, verlumpt, hohlwangig, mit abgelöschten Blicken – ein jämmerliches Bild, das ganz im Gegensatz zu jenen Zeiten steht, als sie schwer bewaffnet mit ihren glänzenden Pickup-Konvois in die Städte und Dörfer Syriens und Iraks einfielen und Abertausende Männer, Frauen und Kinder ermordeten, versklavten und vergewaltigten.

Bis zu 1.000 IS-Kämpfer harren noch aus

Aber für einige Hardcore-Islamisten im Gebiet rund um Baghus ist Aufgeben keine Option. Ihre Zahl wird auf zwischen 300 und 1.000 Mann geschätzt, darunter wohl auch zahlreiche Ausländer und hohe IS-Kommandanten. "Sie liefern erbitterte Gegenwehr", berichtet ein Kommandant der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG von der Front.

"Sie beschießen uns mit Mörsergranaten und passiven Infrarot-Raketen und halten sechs, sieben Positionen. Noch sind wir nicht ins Zentrum von Baghus vorgerückt." Der Kommandant gab sich aber zuversichtlich: "Wir halten einen strategisch wichtigen Hügel und werden zügig vorankommen."

Das Tunnelsystem ist lebenswichtig

Dennoch wird dieser letzte SDF-Vormarsch nicht nur immer wieder durch schlechtes Wetter erschwert – die Militärfahrzeuge bleiben bei Regen im Schlamm stecken und die Sicht ist schlecht –, sondern auch durch die unzähligen Minen und Sprengfallen, die die Islamisten in tödlicher Anordnung auf Feldern, Straßen und in praktisch allen Häusern um sich herum legten.

Es kommen die Tunnelsysteme hinzu, die die Islamisten in dem Gebiet im Euphrattal über die Jahre angelegt haben. Sie sind mitunter so hoch und breit, dass Motorräder und selbst Lastwagen darin fahren können. "Die Tunnel und auch die dichte Vegetation des Euphrattales sind entscheidend in der Kampfstrategie des IS", sagt der YPG-Kommandant zu 20 Minuten.

So etwas wie Bewunderung schwingt in seiner Stimme mit. Er ist nicht der Einzige. Zahlreiche Kämpfer der arabisch-kurdischen SDF äußerten Respekt vor der Unbeugsamkeit der Terroristen: Es seien Gegner, die clever und auf Augenhöhe kämpften.

Drogenmissbrauch unter den IS-Leuten

Die verbleibenden IS-Jihadisten haben nichts mehr zu verlieren – nach ihrem Tod wartet ja angeblich das Paradies mit Jungfrauen auf sie. Diese Vorstellung dürfte durch den weitverbreiteten Drogenkonsum unter den IS-Extremisten zur wahnhaften Fixidee geworden sein. Haschisch, Heroin, Kokain und Aufputschpillen: Von dem Substanzenmissbrauch berichteten zahlreiche SDF-Soldaten sowie direkt aus Baghus geflohene Personen, die sich als IS-Gefangene ausgeben.

Ein Ägypter, der angab, während einer Geschäftsreise von den IS-Schergen gefangen genommen worden zu sein, hatte selbst einen großen Sack Haschisch dabei. So stürzen sich die Extremisten zugedröhnt und ausgehungert in ihren letzten Kampf um ihr Minigebiet.

Ist Baghdadi schon weg?

Längst sind ihnen die Nahrungsmittel ausgegangen, Geflohene haben "Brot" dabei, das sie für ein Heidengeld in Baghus gekauft haben: Es sind Klumpen aus Dreck, Gras, Mehl und Sesam. Die Versorgungslage der IS-Kämpfer und ihren Familien war in den letzten Wochen derart prekär geworden, dass es zu pragmatischen Deals gekommen sein soll: Vom IS gefangene SDF-Soldaten gegen Essen.

Offiziell bestätigt sind derlei Abkommen nicht. Ebenso wenig wie das Gerücht, das derzeit an der Front umgeht: Ein Tunnel der Jihadisten soll von Baghus bis zur nahen irakischen Grenze in die Provinz Anbar reichen. Durch dieses soll der selbsternannte Kalif und notorisch ungreifbare IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi schon seit geraumer Zeit geflohen sein. In Anbar sind zwar Amerikaner stationiert, dennoch erscheint eine Flucht Baghdadis dorthin insofern plausibel, als dass er selbst Iraker ist und die Provinz als Wiege des IS gilt, wo auch heute IS-Schläferzellen tätig sind.

Es dürfte nur noch wenige Tage dauern, bevor die SDF ihren Sieg über das letzte Gebiet des IS in Syrien verkünden. Symbolisch natürlich von hoher Bedeutung, heißt das noch lange nicht das Aus für den IS. Das machen die Entführungen, Raubzüge und Morde deutlich, die IS-Schläferzellen in den "befreiten" Dörfern und Städten Syriens und Iraks fast täglich verüben.

Angst vor Terror, sollte der IS besiegt sein

Nicht wenige gehen davon aus, dass der Sieg über das "IS-Kalifat" die Welle der Gewalt erst recht lostreten werde. "Wenn die SDF ihren Sieg verkünden, meide bitte die Suhks, Cafés und Plätze auch in den vermeintlich sicheren, kurdisch dominierten Städten wie Qasmishli", warnte ein syrisch-kurdischer Freund. "Es würde mich nicht wundern, antwortete der IS auf den Triumph der SDF mit Autobomben und Selbstmordanschlägen, um seine wahre Stärke zu demonstrieren."

Von ihrem "Kalifat", das die Jihadistenmiliz im Sommer 2014 in Teilen des Iraks und Syriens ausgerufen hatte, ist fast nichts mehr übriggeblieben. In den vergangenen zwei Jahren befanden sich die IS-Kämpfer angesichts verschiedener Offensiven ständig auf dem Rückzug. Spuren ihrer grausamen Gewaltherrschaft tauchen wiederholt auf, auch in solchen Gegenden, wo die Extremisten vor langer Zeit militärisch besiegt wurden.

Die SDF gaben diese Woche die Entdeckung eines weiteren Massengrabs von IS-Opfern bekannt – diesmal in der Nähe von Baghus. Dort seien auch abgetrennte Köpfe von Frauen gefunden worden, hieß es. Vieles spricht dafür, dass sie wegen ihrer Zugehörigkeit zur religiösen Minderheit der Jesiden ermordet wurden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Benno Pabusch am 05.03.2019 08:25 Report Diesen Beitrag melden

    Drogen und Religion

    Wie kann es sein das diese streng religiösen Menschen Drogen nehmen ? Alkohol und Drogen sind ihnen in ihrer Religion strikt untersagt . Oder gilt das Motto "Wasser predigen und Wein trinken" ?

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  • Ina am 05.03.2019 08:19 Report Diesen Beitrag melden

    Hoffentlich wird es nicht zu uns getragen

    Dort ist das Kalifat vielleicht zu Ende. Ich hoffe, es wird jetzt nicht zu uns getragen!!!

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  • PeterSil am 05.03.2019 08:34 Report Diesen Beitrag melden

    moderne waffen

    woher haben diese verbrecher all die waffen? da sollte man jetzt ansetzen, diese händler gehören auch bestraft

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Die neuesten Leser-Kommentare

  • Franz Josef am 06.03.2019 15:28 Report Diesen Beitrag melden

    Eine Staffel B-52 drüber und abladen

    Kolateralschaden gibts eh keinen, weil Teil der Maschinerie.

  • Wie war das mit dem Islam? am 05.03.2019 14:39 Report Diesen Beitrag melden

    Religion des Friedens?

    Was die uns alles erzählt haben.

  • PeterSil am 05.03.2019 08:34 Report Diesen Beitrag melden

    moderne waffen

    woher haben diese verbrecher all die waffen? da sollte man jetzt ansetzen, diese händler gehören auch bestraft

    • Kritischer Geist am 05.03.2019 13:04 Report Diesen Beitrag melden

      @PeterSil

      Wenn ich meinem Nachbarn ein Messer in den Bauch renne, wer gehört dann bestraft? Ich oder derjenige, der mir das Messer verkauft hat? Wir sind es gewohnt, die Verantwortung für die islamischen Religionskriege kramphaft in anderen Kulturkreisen zu suchen und dabei die Schuld den Amerikaner, Europäer, Juden usw. in die Schuhe zu schieben. Aber mit der Realität hat das alles nur wenig zu tun.

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  • Benno Pabusch am 05.03.2019 08:25 Report Diesen Beitrag melden

    Drogen und Religion

    Wie kann es sein das diese streng religiösen Menschen Drogen nehmen ? Alkohol und Drogen sind ihnen in ihrer Religion strikt untersagt . Oder gilt das Motto "Wasser predigen und Wein trinken" ?

    • Kritische rGeist am 05.03.2019 08:41 Report Diesen Beitrag melden

      @Benno Pabusch

      Im "Heiligen Krieg" gelten viele muslimische Gebote nicht. Sie dürfen außer Acht gelassen werden, so lange man damit effektiver gegen "Ungläubige" kämpfen kann.

    • helmar am 05.03.2019 09:24 Report Diesen Beitrag melden

      Angeblich hat man

      In der deutschen Wehrmacht auch einige auf putschende Medikamente aus gegeben. Und Schnaps gab es da auch....erzählte auch mein Vater, bevor es wie er sagte, los ging.

    • Laka am 05.03.2019 14:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kritische rGeist

      liegt viel mehr daran dass das keine richtigen muslime sind. das sind leute die im leben versagt haben und irgendeinen sinn im leben suchten, wie sinnlos er auch sein möge.

    • Selin am 06.03.2019 22:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kritische rGeist

      Das ist falsch! Es ist nicht erlaubt einen Menschen zu töten nur weil er anders gläubig ist.

    • Censorship am 15.03.2019 13:19 Report Diesen Beitrag melden

      Religion vergibt alles in ihrem Namen.

      Betrachtet es man genau, ist auch Kaffee und Tee eine Droge und der findet reißenden Absatz in den moslemischen Gebieten... ;) @helmar Das stimmt und die Alliierten mussten lange forschen, bis sie das chemische Geheimnis geknackt haben, welche Drogen die Wehrmacht nimmt, um diese dann an die eigenen Truppen auszugeben... ;) @Selin interessant, die Fatwa gegen einen Konvertiten, widerspricht demnach islamischen Recht? Der Koran ist demnach nicht islamisch, da ja dort zum Töten aufgerufen wird?

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  • Ina am 05.03.2019 08:19 Report Diesen Beitrag melden

    Hoffentlich wird es nicht zu uns getragen

    Dort ist das Kalifat vielleicht zu Ende. Ich hoffe, es wird jetzt nicht zu uns getragen!!!

    • Kritischer GEist am 05.03.2019 08:40 Report Diesen Beitrag melden

      @Ina

      Der IS ist vielleicht am Ende, aber was ist mit all den anderen muslimischen Terrororganisationen (Boko Haram, Hamas, Hisbollah, Al Kaida usw.)? Wenn wir so tun, als wäre der islamische Terror ohne IS unmöglich, dann lügen wir uns selbst an.

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