Bürgermeister von Köthen

10. September 2018 20:55; Akt: 10.09.2018 20:57 Print

"Davor darf man nicht die Augen verschließen"

Die Bundesregierung kritisiert die "nationalsozialistischen Sprechchöre" in Köthen. Der Bürgermeister sieht sich machtlos.

Zu dem sogenannten Trauermarsch im deutschen Köthen für einen verstorbenen 22-Jährigen haben sich 2.500 Menschen versammelt. (Video: AFP/Tamedia)
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Er sei erleichtert, gab der Köthener Oberbürgermeister Bernd Hauschild am Montag im "ZDF-Morgenmagazin" zu Protokoll, dass es in seiner Stadt nicht zu Gewalttaten gekommen sei. Am Tag zuvor hatte man mit Ausschreitungen wie in Chemnitz gerechnet, als in Köthen eine Demonstration zum Tod eines 22-Jährigen angekündigt worden war. Als er erfahren habe, dass die Organisatoren der Veranstaltung aus rechtsradikalen Kreisen stammten, habe er seine Bürger aufgefordert, am Marsch nicht teilzunehmen, sagte Hauschild gegenüber 20 Minuten.

Dies sei von manchen leider als Maulkorb missverstanden worden, sagt Hauschild. Dabei sei es ihm einzig darum gegangen, sich "schützend vor seine Mitbürger zu stellen". Er selber habe am Demonstrationszug nicht teilgenommen, sondern sich auf die Gedenkveranstaltung in der örtlichen Kirche beschränkt und später mit Angehörigen Blumen niedergelegt.

"Es haben auch Familien teilgenommen"

Auch sei es ihm ein Anliegen, zu betonen, dass die Neonazis aus anderen Bundesländern angereist waren und nicht aus seinem Bezirk stammten: "Es haben auch Familien teilgenommen." Auf Nachfrage räumt er jedoch ein, dass auch der eine oder andere seiner Bürger bei den Hetzreden applaudiert habe – "davor darf man die Augen nicht verschließen". Mögliche Parallelen oder Abweichungen zu den Ereignissen in Chemnitz wollte der Oberbürgermeister indes nicht kommentieren.

Als Kommunalpolitiker seien ihm die Hände gebunden, schließlich gehe es bei der Demonstration ja um Themen von bundes- oder weltweiter Bedeutung. Gegenveranstaltungen seien in Köthen seines Wissens keine geplant, sagt er zu 20 Minuten, man wolle den Rechtsradikalen nicht noch mehr Aufmerksamkeit bieten.

Nationalsozialistische Sprechchöre

Die Bundesregierung hat sich derweil empört über die rechtsradikalen Auftritte in Köthen geäußert. Dass es dort "zu offen nationalsozialistischen Sprechchören gekommen ist, das muss uns betroffen machen und muss uns empören", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Zuvor hatte Seibert auch gesagt: "Zuallererst ist die Trauer und Betroffenheit auszudrücken über den Tod eines jungen Menschen."

In Köthen war in der Nacht zum Sonntag ein 22-jähriger Deutscher in Verbindung mit einer Streitigkeit mit zwei Afghanen gestorben. Zwei tatverdächtige Afghanen im Alter von 18 und 20 Jahren wurden kurz darauf festgenommen, am Sonntagabend erging gegen sie Haftbefehl wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge. Nach Angaben der Ermittler starb der junge Mann allerdings nicht durch Gewalteinwirkung, sondern an Herzversagen, offensichtlich aufgrund einer Vorerkrankung.

Drei große Herausforderungen

Seibert sprach von drei großen Herausforderungen in Deutschland. Dies sei zum einen "ein zunehmender Rechtsradikalismus", dann "ein besorgniserregender Antisemitismus", der jüdisches Leben in Deutschland bedrohe, und "die dritte Herausforderung sind natürlich auch Gewaltverbrechen, die durch einzelne Flüchtlinge begangen werden".

Allen drei Herausforderungen müsse und werde der Staat "mit den Mitteln des Rechtsstaats kompromisslos begegnen" und dabei das staatliche Gewaltmonopol verteidigen.

(mat/afp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • SockenRambo am 11.09.2018 04:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Augen auf

    Gehen besorgte Bürger auf die Straße bekommen die Gutis alle Schnappatmung.. wäre Mal an der Zeit das man vor den ganzen Messerstecher und Vergewaltiger nicht die Augen verschließt

  • Manfred am 10.09.2018 23:43 Report Diesen Beitrag melden

    Unpackbar

    Umkehrschluß??? "Kampf gegen rechts" ist also wichtiger; als Schutz der eigenen Bürger; und das aus den Munden von "Volksvertretern" - Na bravo; wenn des ned Rassismus in Reinkultur ist.

  • Robs am 10.09.2018 21:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausschreitungen

    kommen von links. Hört endlich auf, dass den besorgten Bürgern i die Schuhe zu schieben

Die neuesten Leser-Kommentare

  • Christian am 11.09.2018 08:55 Report Diesen Beitrag melden

    Herzversagen ???!!!

    Man regt sich über diejenigen mehr auf, als über diejenigen welche den Tod eines Unschuldigen zu verantworten haben. Oder glaubt tatsächlich jemand ernsthaft, dass der junge Mann gestorben wäre, wenn er bei einem Glas Prosecco unter den Linden gesessen hätte und nicht attackiert worden wäre ? Der Deckel, der so mühsam von der deutschen Politik auf den Topf gepresst wird, wird bald richtig mit einem riesen Krach wegfliegen !...und dann geht es Rund !

  • Gunti eli am 11.09.2018 08:39 Report Diesen Beitrag melden

    Gute Reihenfolge

    Die Reihenfolge der Herausforderungen finde ich lustig! Wenn man die umdreht könnte man 2 Punkte vergessen, die würde es dann nämlich nicht geben.

  • Perkele am 11.09.2018 08:17 Report Diesen Beitrag melden

    Zweierlei Maß

    Aber bei Mord und Totschlag durch Flüchtlinge soll man die Augen verschließen.

  • Schere im Kopf am 11.09.2018 07:22 Report Diesen Beitrag melden

    Es sind selbstproduzierte Zustände

    Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind die Ursache für den erstarkenden Rechtsradikalismus. Für die gesellschaftlichen Verhältnisse trägt die Regierung die Verantwortung. Deshalb ist sie in der Pflicht, die gesellschaftlichen Verhältnisse so zu ändern, daß der Rechtsradikalismus kein Nährboden hat. Das Bejammern der Zustände durch die Regierung reicht nicht aus. Über den Rassismus, den die Zuwanderer uns einheimischen Ungläubigen entgegen bringen, darf nicht geredet werden. Somit ist die weitere gesellschaftliche Entwicklung, Radikalisierug und Spaltung, vorprogrammiert.

    • SockenRambo am 11.09.2018 14:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Schere im Kopf

      Die Verantwortung für diese Zustände tragen die Vorgängerkanzler Faymann und Kern, bzw die Medien... auch finde ich es falsch ständig zu schreiben von Rechtsradikalen.. klar gibt es welche aber das ist ein kleiner Bodensatz der gerne verschwinden kann. Besorgte Menschen ständig ins rechte Eck zu stellen ist verantwortungslos und gefährlich.

    einklappen einklappen
  • Ernesto am 11.09.2018 07:06 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Wunder

    Man hat viel zu lange die Augen bei Migrantengewalt verschlossen.