"Sie können nicht so tun, als ob nichts passiert ist"

Die türkische Verlobte des getöteten Jamal Khashoggi findet die Erkenntnisse der UNO zum Mordfall "einen großen Skandal" - und fordert eine internationale Untersuchung.
Die Verlobte des ermordeten saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi hat eine internationale Untersuchung in dem Fall gefordert. Die von Saudi-Arabien geführten Ermittlungen seien nicht rechtens, sagte die Türkin Hatice Cengiz am Rande der Sitzung des UN-Menschenrechtsrats am Dienstag in Genf.

Sie forderte die Vereinten Nationen dazu auf, den Empfehlungen der UN-Sonderberichterstatterin für außergerichtliche Exekutionen zu folgen und die Verantwortung von Angehörigen des saudi-arabischen Königshauses für Khashoggis Ermordung unabhängig aufzuklären.

"Sie können nicht so tun, als ob nichts passiert ist", sagte Hatice Cengiz der Nachrichtenagentur dpa. "Die Institution würde sich selber schaden, wenn sie den Bericht ignoriert", ergänzte sie. "Um solche Dinge in der Zukunft zu vermeiden, müssen die Täter bestraft werden. Wenn nichts geschieht, würde das nur einmal mehr die Macht des Geldes beweisen." Das wäre eine "große Enttäuschung".

CommentCreated with Sketch.4 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. "Er hat ihnen vertraut"

Hatice Cengiz hatte am 2. Oktober 2018 vor dem saudi-arabischen Konsulat in Istanbul auf ihren Verlobten gewartet, während dieser Dokumente für die anstehende Hochzeit des Paares besorgen wollte. Stattdessen wurde er in dem Konsulat jedoch von einem saudi-arabischen Einsatzkommando ermordet.



Die von Saudi-Arabien geführten Ermittlungen seien nicht rechtens, sagte Khashoggis Verlobte Hatice Cengiz am Rande der Sitzung des UN-Menschenrechtsrats am 25. Juni 2019 in Genf. (Bild: picturedesk.com)

Im Interview mit "Paris Match" hatte Cengiz vor wenigen Tagen erzählt, wie sie an jenem Tag sofort ahnte, dass etwas nicht stimmte. Sie habe Khashoggi noch davon abhalten wollen, zum Konsulat zu gehen. "Er hat ihnen vertraut", sagt sie. Sie selbst dagegen sei unruhig gewesen, "er aber war gut gelaunt." Schlimmstenfalls habe er damit gerechnet, dass sein Pass konfisziert werden könnte. Auch an eine mögliche Auslieferung nach Saudi-Arabien habe er nicht geglaubt, sondern sich in dieser Hinsicht ausreichend von den türkischen Behörden geschützt gefühlt.

Seit seinem Tod fühle sie sich nicht mehr sicher, so Cengiz. Deshalb werde sie von Leibwächtern beschützt. Khashoggi, sagt sie, sei ihre "einzige Liebe" gewesen.

Ein Land, das des Mordes beschuldigt wird

Cengiz erklärte in Genf, sie sei "Zeugin eines abscheulichen Mordes, eines politischen Mordes" geworden. Sie müsse den Tod ihres Verlobten noch verarbeiten. Zugleich betonte Cengiz, dass es sich dabei nicht um eine persönliche Angelegenheit handele, sondern "um ein Massaker" und einen "vorsätzlichen Mord" internationaler Tragweite.



Den Bericht der UN-Sonderberichterstatterin Agnés Callamard zu dem Mordfall bezeichnete Cengiz als "sehr wichtig." Ein Land werde darin eines Mordes beschuldigt. "Das ist wirklich ein großer Skandal", sagte Cengiz.

Beweise, dass Saudi-Arabien das Konsulat reinigen ließ

Vor knapp einer Woche hatte Callamard ihren Bericht zum Mordfall Khashoggi vorgelegt, in dem von "glaubwürdigen Hinweisen" für eine Verantwortung des saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman an der Ermordung Khashoggis die Rede ist. Die Schuldfrage könne der Bericht jedoch nicht klären, hatte Callamard betont. UN-Generalsekretär Antonio Guterres forderte die Berichterstatterin dazu auf, eine unabhängige Untersuchung einzuleiten.

Laut Callamard gibt es etwa Belege dafür, dass Saudi-Arabien das konsularische Immunitätsprinzip ausgenutzt hat, um eine Untersuchung des Tatorts durch türkische Ermittler solange zu verhindern, bis dieser gründlich gereinigt war.

Viele Fragen in dem Fall sind weiter ungeklärt, etwa die Rolle von Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed. Der US-Senat machte den Thronfolger auf Grundlage von Geheimdiensterkenntnissen für Khashoggis Tod verantwortlich, US-Präsident Donald Trump wollte ihn hingegen nicht verurteilen.

Riad hatte nach wochenlangen Dementis unter internationalem Druck zugegeben, dass der Regierungskritiker von saudi-arabischen Agenten getötet worden war. Die Führung des Königreichs spricht aber von einem aus dem Ruder gelaufenen Einsatz zur Festnahme des Journalisten.

Der Fall Jamal Khashoggi

(kle/sda)

(red)

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