Belfast – Eine Stadt rappelt sich wieder auf

Belfast gilt als trendige Reisedestination und ist bemüht, seine blutige Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch das gelingt nicht so ganz.
Laura Hüttenmoser, eine Kollegin unseres Schweizer Schwesternmediums "20 Minuten", besuchte die nordirische Hauptstadt Belfast. Wir teilen hier ihre lesenswerten Eindrücke zu jener Stadt, die sich nicht ganz von ihrer blutigen Vergangenheit lösen kann.

Samstagabend in Belfast, vor den Pubs bilden sich große Menschentrauben, jeder ist ausgelassen und aufgedreht, denn für einmal scheint die Sonne und es ist 22 Grad warm – Hochsommer in Nordirland! Meine Kollegin und ich sind ebenfalls in munterer Laune. Wir kommen vom Belfast Gin Festival, wo wir lokale Ginsorten degustiert haben. Der Event fand an einem Ort statt, an dem man für gewöhnlich keinen Alkohol ausgeschenkt bekommt, einer ehemaligen Kirche. "Gotta love the Irish" – ein Satz, den wir an diesem Wochenende noch einige Male sagen werden.

Warm ums Herz



Der Abend führt uns Richtung Cathedral Quarter, früher das ärmste Viertel der Stadt und eine No-go-Area, heute ein angesagtes Ausgehviertel mit vielen Pubs, fancy Bars und modernen Restaurants. Und doch wirkt es nicht so aufgeräumt und austauschbar wie andere hippe Viertel dieser Welt. Belfast besitzt den rauen Charme einer Industriestadt, Kopfsteinpflaster und Backsteinhäuser prägen das Straßenbild, Souvernirshops oder Restaurantketten fehlen.

CommentCreated with Sketch.0 Kommentar schreiben Arrow-RightCreated with Sketch. Wir kehren irgendwo ein und sind sofort hingerissen von der Wohligkeit, wie sie nur in britischen Kneipen herrscht. Die Wände sind lückenlos behangen mit Pub-Spiegeln und Vintage-Werbeschildern, altersmäßig steht vom Teenie zum Rentner alles am Tresen, lautes Gelächter, ein dummer Spruch jagt den nächsten. Es fühlt sich so gemütlich an wie ein Winterabend am Cheminée, die gängige Anrede lautet "love". Dieser aufrichtigen Wärme und Herzlichkeit der Menschen begegnet man überall auf der irischen Insel. Gepaart mit ihrem schwarzen Humor, kann man nicht anders, als jeden sofort ins Herz zu schließen.

Belfast und die "Troubles"



Belfast ist "up and coming" und hat sich zu einem der trendigsten Reiseziele Europas gemausert. Wer die Stadt besucht, kommt nicht umhin, sich mit ihrer bewegten Geschichte zu befassen. Der Nordirlandkonflikt ("The Troubles") beherrschte Nordirland fast bis zur Jahrtausendwende. Rund 3500 Menschen starben in den 30 Jahren infolge der Gewalt, Belfast war einer der Hauptschauplätze.

Noch heute erinnern die hohen "Friedensmauern" an den Konflikt und trennen die Wohngebiete katholischer und protestantischer Bewohner, auf beiden Seiten mit Propaganda bemalt. Viele Belfast-Touristen wollen sie sich ansehen, doch hat dieses Interesse auch einen bitteren Beigeschmack. Wo hört die wichtige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Stadt auf und wo beginnt ein oberflächlicher, sensationsgeiler Konflikttourismus?

"Wir wollen nicht, dass uns der Bürgerkrieg definiert"



Mit unserem Guide Tim schauen wir uns Wandmalereien an, allerdings nicht entlang der Friedensmauer, sondern im Cathedral Quarter. "Wir wollen nicht, dass uns der Bürgerkrieg derart definiert", sagt der Künstler. "Außerdem sind die Malereien auf den ‹Peace Walls› aus künstlerischer Sicht uninteressant. Es sind nur Männer mit Waffen." Auf seiner Tour erklärt er den Hintergrund vieler Murals, die technisch herausragend sind und nichts mit Politik zu tun haben; eine Straßenszene in Tokio, ein Hummer-Koch.

Wir kommen an der Sunflower Bar vorbei und müssen schmunzeln. "No Topless Bathing. Ulster has suffered enough" steht auf einem Schild an der Mauer. Sofort fällt jedoch auch ein Käfig beim Eingang des Pubs auf. Es handelt sich um ein Relikt aus den 80er-Jahren. Die Betreiber ließen ihn nach einer Schießerei bauen, um die Besucher vor dem Einlass zu kontrollieren.

Erinnerungen an jeder Ecke



An der selben Straßenkreuzung gedenkt ein Mural einer jungen Frau: Lyra McKee. Sie galt als Hoffnung für den nordirischen Journalismus und setzte sich für ein tolerantes und versöhntes Irland ein. Im April fiel sie dem Konflikt selbst zum Opfer. Bei Ausschreitungen in der nordirischen Stadt Londonderry erlitt sie einen tödlichen Kopfschuss von einem Mitglied der "Neuen IRA". Und so endet auch eine vermeintlich unpolitische Stadtführung mit dem Konflikt, auf den man nicht reduziert werden will.

Auseinandersetzen sollte man sich als Tourist mit der Geschichte der Stadt auf jeden Fall – man kommt auch gar nicht daran vorbei – aber man sollte respektieren, dass die Bewohner nicht dauernd zurückschauen wollen, sondern nach vorne. Und sich mit ihnen freuen, dass diese wunderbare Stadt noch viel mehr zu bieten hat.

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Tourism Northern Ireland.

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