Biotech-Firma lässt Millionen Gen-Mücken frei

Die Biotechfirma Oxitec hat im Sunshine State einen Feldversuch gestartet, der auf Skepsis stößt. Sie hat gentechnisch veränderte Mücken losgelassen.

Spätestens seitdem sich die Tigermücke in Europa immer weiter ausbreitet, ist sie auch hierzulande ein Begriff. In Florida kennt man die ursprünglich aus den Tropen und Subtropen stammende Stechmückenart schon lange. Zwar handelt es sich dort nicht um die Asiatische (Aedes albopictus), sondern um die Ägyptische Tigermücke (Aedes aegypti). Doch wie diese kann sie Krankheiten wie Zika- oder Dengue-Fieber, Chikungunya und Gelbfieber auf den Menschen übertragen. Entsprechend gefürchtet ist sie.

Ähnliche Projekte gibts bereits

Nach jahrelangem Ringen um Zulassung und Akzeptanz in der Bevölkerung des Sunshine States hat die britische Biotechfirma Oxitec im Rahmen des sogenannten "Florida Projects" nun erstmals auf den Florida Keys, der Inselkette an der Südspitze Floridas, gentechnisch veränderte Moskitos freigelassen. Zunächst nur einige 10.000. Am Ende sollen es mehr als 20 Millionen sein (siehe Box).

Bei den Gen-Mücken handelt es sich um biotechnisch veränderte Tigermücken-Männchen. Diese stechen nicht, paaren sich aber mit den wilden Weibchen, die für die Mückenstiche und die Übertragung von Krankheiten verantwortlich sind. Der gemeinsame Nachwuchs bekommt dafür von ihnen ein Gen übertragen, das alle weiblichen Nachkommen im frühen Larvenstadium tötet. Die männlichen Nachkommen sterben dagegen nicht, sondern werden ebenfalls Träger des Gens, das sie dann an ihre Nachkommen weitergeben. Auf diese Weise soll Floridas Tigermücken-Population allmählich schrumpfen.

In anderen US-Bundesstaaten gibt es bereits ähnliche Versuche von Oxitec: In New York etwa kommen gentechnisch veränderte Kohlmotten (Plutella xylostella) zum Einsatz. In Arizona ist es der gentechnisch veränderte Rote Baumwollkapselwurm (Pectinophora gossypiella). Mit den nun in Florida eingesetzten Gen-Mücken hat die Firma ebenfalls schon Erfahrungen gesammelt. Sie kamen bereits in Brasilien, Panama, Malaysia und auf den Caymaninseln zum Einsatz. Australien dagegen setzt auf mit dem Wolbachia-Bakterium infizierte Mückenweibchen.

Ängste der Anwohner unbegründet

Obwohl Aedes aegypti auf den Florida Keys bereits vier Prozent aller Stechmücken ausmacht und laut dem Florida Keys Mosquito Control District (FKMCD) für praktisch alle durch Mücken übertragenen Krankheiten in der Region verantwortlich ist, regt sich im Testgebiet reger Widerstand gegen das Vorhaben. Während einige Anwohner sich grundsätzlich nicht wohl damit fühlen, dass ausgerechnet ihre Region für das Experiment ausgesucht wurde, sorgen sich andere vor mehr Stichen oder vor negativen Auswirkungen auf das Ökosystem im Sunshine State. Andere könnten an dieselben Verschwörungstheorien glauben, die schon den Kampf gegen das Zika-Virus in Brasilien gefährdet haben.

Laut Molekularbiologin Natalie Kofler von der Harvard Medical School in Cambridge im Bundesstaat Massachusetts, die nicht am Projekt beteiligt ist, aber mit ihrer Organisation Editing Nature für einen verantwortungsvollen und streng regulierten Einsatz von Gene-Editing-Techniken wirbt, sind die Ängste unbegründet. Nachvollziehen könne sie diese aber. "Ich kann mir vorstellen, dass es sehr beunruhigend ist, wenn man nicht damit einverstanden ist, dass Moskitos in seiner Nachbarschaft freigesetzt werden", zitiert Nature.com sie. "Vor allem, wenn eine private Firma dahintersteckt."

Die Versuche auf den Florida Keys sind von großer Bedeutung. Dies nicht nur für die Region, sondern für das ganze Land. Denn die bisherige Strategie gegen die Stechmücken – das großflächige Versprühen von Insektiziden – wird zunehmend unwirksamer, weil manche der Tiere bereits resistent gegenüber den Mitteln geworden sind. "Unser Werkzeugkasten wird wegen der Resistenzen leider immer kleiner", so FKMCD-Direktorin Andrea Leal an einer Medienkonferenz.

So läuft das Experiment ab

Ende April 2021 haben am Projekt beteiligte Forscher an sechs Orten Boxen mit von Oxitec präparierten Tigermücken-Eiern aufgestellt, aus denen im Mai die ersten Männchen schlüpfen sollen. Während drei Monaten sollen wöchentlich jeweils rund 12.000 weitere Gen-Mücken hinzukommen. In einer zweiten Phase sollen sich noch einmal rund 20 Millionen Exemplare peu à peu dazugesellen. Die Verantwortlichen haben angekündigt, während des gesamten Zeitraums regelmäßig Stechmücken einzusammeln und zu untersuchen. Die gentechnisch veränderten Tiere sind zusätzlich mit einem fluoreszierenden Markergen ausgestattet, welches das Identifizieren einfacher macht. Die gewonnenen Daten wollen sie am Ende der US-Umweltschutzbehörde EPA vorlegen, die dann entscheiden soll, ob die Gen-Mücken auch in anderen Gebieten der USA freigesetzt werden dürfen.

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