Blindenhund eingezogen, weil er zu dick war

20Min/Leserreporter
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Shitstorm gegen eine Blindenhundeschule in der Schweiz: Diese hat den pensionierten Führhund Perseus seiner Halterin weggenommen – wegen Übergewichts.
"Er hatte es doch schön bei mir", sagt Nicole Reiber. Die 60-Jährige betreute Blindenhund Perseus (13) sein ganzes Berufsleben lang. Während seiner Aktivzeit unternahm die erfahrene Hundehalterin regelmäßig lange Spaziergänge mit dem Labrador. Nachdem er mit neun Jahren pensioniert wurde, übernahm sie ihn ganz. Seit vier Jahren lebte Perseus bei Reiber in der Stadt Zürich. Bis vergangenen Mittwoch (21.11.), als ein Angestellter der Stiftung Schweizerische Schule für Blindenführhunde den mittlerweile 13-jährigen Labrador abholte und wegbrachte. Ein Bekannter Reibers filmte die Szene.

Als Grund gibt die Blindenführhundeschule an, dass Perseus übergewichtig sei und gesundheitliche Probleme habe. Reiber ist untröstlich. Sie kann den Entscheid der Blindenführhundeschule Allschwil überhaupt nicht nachvollziehen und wirft der Institution Herzlosigkeit vor. Das Vorgehen grenze an Tierquälerei. In einem langen Facebook-Post, der über 1.700-mal geteilt und von Hunderten kommentiert wurde, schilderte sie ausführlich ihre Sicht der Dinge.

"Es war richtig, tut uns aber sehr leid"

Ständig habe sich die Schule nur nach seinem Gewicht erkundigt. "Etwas anderes hat sie gar nicht interessiert", so Reiber. Sie habe ihn auch monatlich beim Tierarzt gewogen und auf Diät gesetzt. Das Gewichtsziel der Blindenführhundeschule sei aber utopisch gewesen. "Sonst war er gesund, das attestierte auch der Tierarzt", sagt Reiber.

Mag das ein 13-jähriger Hund noch verkraften?

"Es kommt auf verschiedene Faktoren an, unter anderem auch auf das Wesen, das Alter, den Gesundheitszustand des Hundes und die Beziehung zwischen Hund und Halter", sagt die tierpsychologische Beraterin Jasmina Hugi. Je nach Beurteilung dieser Faktoren können Tiere auch im hohen Alter von einer Neuplatzierung profitieren. Für andere, die zum Beispiel stark auf ihren Menschen fixiert seien, wäre das vor allem im Alter psychisch schwieriger zu verkraften.

"Wenn die Halter das Tier behalten möchten, wäre es wünschenswert diese und andere Abklärungen vor einer Entscheidung zu treffen", so Hugi.
In Allschwil hatte man dennoch Bedenken. "Keine Diskussion, der Hund kommt zurück", beschied man Reiber am Telefon.

CommentCreated with Sketch.1 Zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Auf Facebook überschlagen sich die Kommentare auf Reibers Post. "So ein Sauerei, unbegreiflich, herzlos": Viele ergriffen Partei für Reiber. Die Blindenführhundeschule sah sich veranlasst, den veritablen Shitstorm, der über sie hereinprasselte, am Sonntag mit einer Stellungnahme auf Facebook zu kontern. Darin verteidigt sie den Entscheid. Nach Absprache mit den Beteiligten und Fachpersonen sei man überzeugt, in diesem Fall richtig gehandelt zu haben. "Wir verstehen auch, dass dieser Entscheid für die bisherige Halterin schmerzhaft ist, was uns sehr leid tut", schließt das Statement.

Hunde bleiben lebenslänglich im Besitz der Stiftung

Die Stiftung Schweizerische Schule für Blindenführhunde in Allschwil besitzt über 1.000 Hunde, die sie das ganze Leben lang begleitet. Eine Umplatzierung aus verschiedenen Gründen komme da immer wieder vor. "Umplatzierungen gegen den Willen des Halters sind aber sehr selten. Üblicherweise findet man eine einvernehmliche Lösung", sagt Geschäftsleiter Gèrard Guyer zu "20 Minuten". Man habe den Eindruck gewonnen, dass die Halterin mit Perseus überfordert gewesen sei. Guyer hat allerdings Verständnis, dass Reiber diese Sicht nicht teilt.

Dennoch ist er überzeugt, dass es Perseus nun besser gehen werde. Die Befürchtungen Reibers, dass der Labrador-Senior eingeschläfert würde, zerstreut er. "Er wird eine neue Familie oder einen neuen Halter bekommen."



(lha)

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