Corona könnte Österreich zwei Milliarden kosten

„Der Virus gilt als größtes Risiko für die Weltwirtschaft seit der Finanzkrise", so Unicredit-Chefökonom zu „Heute".

„Der Virus gilt als größtes Risiko für die Weltwirtschaft seit der Finanzkrise", so Stefan Bruckbauer (57), Unicredit-Chefökonom im Interview zu „Heute". Corona könnte für ein halbes Prozent Wirtschaftswachstums-Verlust sorgen. Für Österreich wären das „spekulativ" zwei Milliarden Euro.

Wie wird es mit der Wirtschaft weitergehen?

Stefan Bruckbauer: Wir können schon ein bisschen etwas abschätzen, vor allem für das erste Quartal. Wir haben schon Daten – speziell aus China. Wir können Annahmen treffen, wenn sich das ähnlich entwickelt, wie in China auch in Europa, in den USA. Wir können ein wenig abschätzen in welcher Bandbreite sich das entwickeln könnte. Natürlich Überraschungen in beide Richtungen, die von der Entwicklung des Virus kommen, die vielleicht stärker oder schwächer ist, würde die Berechnungen wieder zu Nichte machen. Aus heutiger Sicht ist klar, ein bisschen im ersten Quartal und vor allem im zweiten Quartal wird Europa auch Österreich sicher weniger wachsen können, als wir es vor ein paar Monaten erwartet haben.

Welche Veränderungen kann man sich vorstellen?

Stefan Bruckbauer: "Es gibt unterschiedliche Problemfelder. Das erste ist, dass Firmen Waren nicht mehr bekommen, die sie aus China brauchen. Die Industrie hat ungefähr sechs oder sieben Prozent ihrer Vorleistungen aus Asien, aus China. Dann steht es. Das heißt, sie können nicht mehr produzieren. Wenn sie nicht produzieren, dann hat es Effekte auf das Wirtschaftswachstum, das kann bis zur Kurzarbeit führen. Dann haben wir die andere Seite, China und Asien fehlt als Abnehmer für Waren. Die bestellen nichts und holen die Waren nicht ab. Das heißt es gibt einen Stau, also weniger Nachfrage."

Dazu kommt der Tourismus, allein chinesische Touristen sind weltweit für 0,35 Prozent des BIPs verantwortlich. Wenn die nicht kommen, dann hat es Effekte auf das Weltwirtschaft Wachstum. Die Reisetätigkeit insgesamt reduziert sich. Leute gehen weniger aus, in Restaurants, weniger Veranstaltungen. Am Ende sind wir bei 01-02 Prozent und wenn das länger dauert, dann ist schnell ein halbes Prozent Wirtschaftswachstum.

Könnte man das in Zahlen fassen?

Stefan Bruckbauer: "Das Österreichische Bruttoinlandsprodukt ist knapp unter 400 Milliarden. Ein Prozent sind 4 Milliarden und wenn wir von einem halben Prozent reden, sind es zwei Milliarden. Umsätze und Bruttoinlandsprodukt sind nicht dasselbe. Ein bisschen ist es schon 'Milchmädchen-Rechnen', weil wir nicht wissen, ob es in zwei Wochen relativiert oder schlimmer wird. Davon wird viel abhängen. Vieles ist sehr spekulativ. Wir kennen die Kanäle und wir kennen auch das, was wir aus China bekommen haben oder eben nicht bekommen haben, weil die Räder unterbrochen sind. Da kann man schon was abschätzen. Finanzmärkte übertreiben aber, sie sind nicht unbegründet so stark gefallen in den letzten Tagen."

Was sagen sie dazu, dass die Biermarke Corona große Verluste verzeichnet?

Stefan Bruckbauer: "Es ist ein gutes Beispiel, dass der Konsument in dieser Unsicherheit gewisse Dinge tut oder nicht mehr tut und das hat Effekte. Es muss uns bewusst sein, wenn wir von Wirtschaftswachstum sprechen, dann reden wir bei einem Quartal zum Beispiel von 0,3 oder 0,4 Prozent. Also nicht mal ein Prozent, das ist nicht sehr viel. Wenn 10 Prozent der Bevölkerung beschließen zehn Prozent auszugeben, dann ist das schon ein Prozent. Es muss uns immer bewusst sein, dass wenn wir hier von Einbußen sprechen, dann reden wir beim Wachstum das ist eine sehr kleine Zahl zum großen Ganzen. Wir reden nicht davon, dass sich die Produktion halbiert. Wir reden davon, dass sich das Wachstum der Produktion halbieren könnte und das ist ein Riesen -Unterschied.

Ich nehme auch an, dass wir der Arbeitslosenquote nicht sehr viel sehen werden. Aus heutiger Sicht ist der Krisen-Modus nicht angesagt. Aber zu sagen, dieser Virus keinen Effekt haben auf Österreichs Wirtschaft haben wird, halte ich für zu optimistisch."


Welche Bereiche werden von einem Verlust betroffen sein

Stefan Bruckbauer: "Wir wissen aus Analysen, dass rund 40% der Textilien, die in Österreich sozusagen importiert werden aus Asien und vor allem aus China kommen. Es ist klar, dass das bemerkbar wird. Jetzt können Unternehmen Alternativen suchen, das tun sie auch.

Es ist unwahrscheinlich, dass es echte Engpässe in größerem Stil gibt. Aber es kann passieren, dass gewisse Dinge nicht da sind oder Alternativen gesucht werden müssen, die teuer sind. Das kann passieren, vor allem im Textil-bereich. Auch im IT-Bereich, Computer, Elektronik. Da haben wir ungefähr einen Anteil aus Asien von einem Drittel der Importe. Da wird es auch Engpässe geben, weil die Lager nicht so hoch sind. Es dauert sechs bis acht Wochen bis sie kommen zumindest mit dem Schiff. Und es wird jetzt schon langsam spürbar, dass Einzelteile fehlen.

Die Lieferketten sind schon sensibel. Darum wäre es wichtig, dass China stärker zurückkommt. Wir sehen in den Indikatoren, dass China wieder anläuft. Wir sind noch nicht auf den alten Stand. Je schneller das geht, umso weniger wird man es merken. Wenn es länger dauern würde, wie in den letzten zwei Wochen, dann wird man es in vielen Produktbereichen spüren.

Wir haben Tabellen die zeigen, wie viel, wer von wo kommt, nach Branchen. Diese Tabellen zeigen die Betroffenheit sehr stark im Bereich Optik, Computer, im Bereich KFZ, Textilien beim Import, natürlich Chemie, Pharma. Da ist ein größerer Teil, der Vorleistung aus Asien, speziell aus China kommen."


Ist Geld denn jetzt besonders schmutzig?

Stefan Bruckbauer: "Ich bin kein Virologe. Ich kann nur sagen, was die EZB gesagt hat, dass das Geld sicher ist. Mehr kann ich dazu nicht sagen."

Wird Geld an Wert verlieren? Ist Gold wieder attraktiv?

Stefan Bruckbauer: "Ich glaube, dass wir eine positive Entwicklung sehen, dass Leute mehr zur digitalen Zahlung übergehen, weil sie hier weniger Kontakt haben, was ganz gut wäre. Aber man muss trennen zwischen mechanisch-physischer Funktion das Geld damit zu bezahlen und den Geldwert bei der Veranlagung. Das sind unterschiedliche Dinge. Wenn Leute nicht gern zahlen wollen, hat es einen Effekt auf das Wirtschaftswachstum aber nicht auf den Wert des Geldes an und für sich.

Zum anderen stimmt es. Die Menschen sind verunsichert. Die Finanzmärkte haben stark reagiert. In so einer Situation tendieren Anleger in sogenannte sichere Häfen zu gehen. Dazu zählt speziell für den Privatanleger oft Gold, für den institutionellen eher Staatsanleihen. Wir haben es gesehen die letzten Tage es wurden massiv Staatsanleihen gekauft wurden – von Österreich, Deutschland, vor allem Amerika."


Gibt es Tipps, die sie geben können?

Stefan Bruckbauer: "Ich glaube, als Ökonom endet meine Möglichkeit der Empfehlung. Ich glaube, dass das Wohlbefinden des Einzelnen wichtiger ist, als das Wirtschaftswachstum. Wenn jemand, aus welchen Gründen auch immer, generell, von der Regierung oder von seinem Arzt empfohlen wird, wer immer auch etwas empfiehlt das und das zu tun, dann soll er das tun. Niemand soll, nur um das Wirtschaftswachstum zu stützen Dinge tun, mit denen er sich nicht wohl fühlt. Vielleicht ist es auch in drei bis vier Jahren gar nicht mehr messbar sein. Die Verantwortung liegt nicht beim einzelnen Menschen, schon gar nicht beim einzelnen Konsumenten, sondern bei Unternehmensführern, der Regierung oder anderen Institutionen, wie der Zentralbank die Rahmenbedingungen anpassen sollten. Falls es Stress gibt,dann sollte dieser durch die Rahmenbedingungen geringer sein. Aber es liegt sicher nicht an dem Einzelnen sein Verhalten anders zu gestalten, als er für sich subjektiv persönlich als richtig empfindet. "

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