Ein Syrer über FKK-Strände, Bio-Hype und Semmelknödel

Omar Khir Alanam
Omar Khir AlanamA.Diry
Vor fast sechs Jahren kam Omar Khir Alanam aus Syrien nach Österreich. In seinem neuen Buch analysiert er als Araber die österreichische Seele.

Vom syrischen Flüchtling zum Bestsellerautor: Die Geschichte von Omar Khir Alanam liest sich beeindruckend. Geboren 1991 in einem Vorort von Damaskus flüchtete er 2012 vor dem Assad-Regime. Über den Libanon floh er zuerst in die Türkei und kam im November 2014, nach zwei Jahren auf der Flucht, schließlich in Österreich an.

In nur wenigen Monaten lernte Alanam Deutsch und absolvierte später eine Ausbildung zum Fachsozialbetreuer mit Schwerpunkt Kulturvermittlung. Er ist Buchautor, schreibt für verschiedene Magazine und nimmt an Poetry-Slam-Bewerben teil. Mit seiner österreichischen Frau lebt der 29-Jährige in einer kleinen Wohnung in Graz. Mittlerweile sind die beiden Eltern eines Sohnes.

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Sein erstes Buch "Danke! Wie Österreich meine Heimat wurde" erschien im April 2018 und wurde zum Bestseller. In seinem neuen Werk blickt er humorvoll in die österreichische Seele. Unter dem Titel "Sisi, Sex und Semmelknödel" hält der Syrer den Österreichern mit ihren Sitten und Gebräuchen den Spiegel vor. Dabei erzählt Alanam kuriose Geschichten vom FKK-Baden, rätselt über seltsame Sprichwörter und erklärt, warum er keine Semmelknödel mag. "Heute" traf den Autor zum Interview.

Wie entstand die Idee zu diesem Buch?

Seit zweieinhalb Jahren bin ich viel auf Bühnen unterwegs und da bin ich d‘rauf gekommen, dass ich auch lustig sein kann. Es ist eine Mischung aus Lesung, Erzählung, Performance und ein bisschen Kabarett. Die Idee zu dem Buch ist so entstanden: Am Anfang als ich in Österreich ankam, dachte ich mir oft: „Seid ihr verrückt?“ Das war nicht böse gemeint, aber für mich war vieles eher fremd und mittlerweile merke ich, dass ich mich daran gewöhnt habe.

Ich dachte mir, bevor ich dieses Auge des Fremden verliere, muss ich es niederschreiben. Seit ich in Österreich bin, erzählen mir die Österreicher wie die Araber sind und jetzt dachte ich mir, vertausche ich die Rollen auf humorvolle Art und Weise.

Wie konntest du so schnell Deutsch lernen?

Als ich im November 2014 ankam, sprach ich kein Wort Deutsch. Ich wusste nicht einmal, was "Danke" heißt. Als ich den Österreichern beim Sprechen zugehört habe, dachte ich immer, das ist eine Fantasiesprache. Ich lebte für ein Jahr in einem Flüchtlingsheim in Gratkorn. Da durfte ich nicht arbeiten und als Asylsuchender gab es auch keine Deutschkurse für mich. Ich lebte in einer Wohnung mit acht anderen. Alles war eng und von der Welt draußen ausgeschlossen. So habe ich angefangen Deutsch zu lernen, auf einem YouTube-Kanal.

Ich saß jeden Tag in meinem Stockbett mit den Kopfhörern. Wie ein Kind habe ich täglich 20-30 Wörter gelernt, dann niedergeschrieben. Oft habe ich sie mir nicht gemerkt, weil ich ja mit niemandem gesprochen habe. Dann kam mir die Idee, dass ich Leute auf der Straße ansprechen könnte. Es war oft lustig, weil ich falsche Adressen aufgeschrieben und nach dem Weg gefragt habe. Es hat gedauert, bis die Person am Handy danach gesucht hat und so sind wir ins Gespräch gekommen.

Oft war es peinlich und ich habe falsche Wörter verwendet. Einmal vor einer meiner Lesungen in Schärding wollte ich zwei Mädchen einladen und sie überreden zu der Vorstellung zu kommen. Ich sagte zu ihnen: "Wie kann ich euch verwöhnen?" Da haben sie schon gelacht. Dann wollte ich es ausbessern und habe gesagt: "Wie kann ich euch verführen?" Da haben sie noch mehr gelacht, erst später hab ich gewusst, was ich gesagt habe.

"In Syrien kannst du für so eine Frage eine Ohrfeige bekommen."

In dem Buch verwendest du viele Sprichwörter – welches ist dein Lieblingssprichwort?

„Iss, vergiss und geh nach Österreich.“ Das ist ein Reim aus meiner Kindheit (lacht).

Was war dein erstes skurriles Erlebnis in Österreich?

Ich habe sehr schlechte Erfahrungen mit der Polizei und dem Geheimdienst in Syrien gemacht. Ich wurde verhaftet, bevor ich geflohen bin. Da wurde ich geschlagen und man hat mir gesagt: "Ich werde sterben." Und dann steh ich hier in Österreich und mein Freund fragt den Polizisten an der Grenze einfach frech um eine Zigarette und er gab ihm eine. Das war für mich erstaunlich, weil in Syrien kannst du für so eine Frage eine Ohrfeige bekommen und das hier in Österreich war sehr berührend für mich.

In dem Buch gibt es eine sehr lustige Anekdote von einem FKK-Strand in Rovinj – wie kam es dazu? 

Ich war mit meiner Frau in Kroatien auf Urlaub und wir haben einen Strand gesucht, wo nicht viel los ist. Ich bin sehr spontan und mag nicht immer alles googeln. Und so sind wir in eine schöne Gegend gekommen und auf dem Parkplatz standen viele Autos mit steirischem Kennzeichen und ein Grazer hat mir aus dem Auto gewunken und ich dachte mir: „Wow so freundlich“. Und dann kamen wir dorthin und es war nicht das Paradies. Da waren nicht 70 junge Frauen, sondern 70 Penisse. Das war nicht nur ein FKK-Strand, die Leute haben sich dort auch vergnügt. Jeder mit jedem.

Ich wusste schon, dass es FKK Baden gibt und ich bewerte das gar nicht. Ich hab es auch schon ausprobiert, aber das war doch etwas völlig anderes. Wir sind dann gleich wieder gegangen. Im Appartement habe ich dann gegoogelt und der Strand ist sehr bekannt dafür. Wir sind nur aus Versehen dort gelandet.

Was sind die größten kulturellen Unterschiede zwischen Syrien und Österreich?

Es gibt viele Unterschiede, aber die Unterschiede verbinden uns auch irgendwie wieder, weil sie zeigen, dass wir nicht gleich sind. Es ist schön, ich ergründe die österreichische Seele, aber nicht alle Österreicher haben die gleiche Seele. Bei Bioprodukten etwa muss ich immer lachen. Dass es da so einen Hype in Österreich gibt. In Syrien ist alles bio. Wir haben bei unserem Nachbarn oder beim Bauern immer frisches Obst gekauft. Ich durfte nie am Nachmittag zum Markt gehen, weil dann die Ware nicht mehr frisch war. 

"Einige glauben, jeder Mann hat 70 Frauen und alle gehen mit Kamelen durch die Stadt."

Was hältst du von den Bräuchen hier in Österreich?

Weihnachten und Ostern gibt es in Syrien auch, weil ein Teil der Bevölkerung ja christlich ist. Es ist immer viel los in Damaskus zu Weihnachten. Hier feiere ich gerne dieses Fest und die Freude. Man beschenkt den anderen, das ist doch schön. Aber ich merke, dass es hier in Österreich auch mehr eine Verpflichtung und mit viel Stress verbunden ist. Das ist schade. Es wäre schöner, wenn man das locker nimmt und sich auf das Fest mit der Familie freut. Ich gehe auch gern auf Christkindlmärkte und stoße mit den Freunden immer mit Kinderpunsch an.

Welches Bild hat man von Syrien hier in Österreich?

Es gibt viele Vorurteile und Klischees. Oft haben sie mich gefragt: "Habt ihr Kühlschränke in Syrien?" oder einige glauben, jeder Mann hat 70 Frauen und alle gehen mit Kamelen durch die Stadt (lacht). In Damaskus ist das nicht so, in der Wüste vielleicht. Es gibt auch das Vorurteil, dass Männer ihre Frauen schlagen. Eine Freundin von der Mutter meines Sohnes glaubte, dass ich sie nun zwingen würde ein Kopftuch zu tragen. 

Wie reagierst du auf so etwas?

Ich versuche immer die Person zu verstehen. Das heißt nicht, dass ich zu dem stehe, was die Person sagt. Aber um etwas zu ändern, muss ich verstehen, wie dieses Vorurteil entstanden ist. Früher hat mich das verletzt, als ich neu in Österreich war, heute kann ich darüber lachen. Ich reflektiere es und überlege mir, wie ich die jeweilige Person dazu bringen kann, mehr nachzudenken. Es wird viel über Flüchtlinge geredet, aber wenig mit ihnen.

"Bürokratie ist etwas typisch österreichisches. Da brauchst du für alles Papiere, auch auf der Toilette."

Wo fiel es dir besonders schwer, dich einzugewöhnen?

Bürokratie ist etwas typisch österreichisches. Du brauchst für alles Papiere, auch auf der Toilette (lacht). Das ist manchmal mühsam, das macht alles irgendwie komplizierter. In Syrien kennen wir das nicht.

Was magst du an Österreich besonders?

Viel. Ich schätze das Leben hier, die Freiheit, dass auf das Individuum geachtet wird. Es gibt weniger Druck von der Gruppe oder der Familie. In Syrien ist das anders. Auch die Pressefreiheit ist nicht selbstverständlich, es gibt mehr Rechte für Kinder, und für Frauen. Und der Staat kann nicht einfach eine Person verhaften, nur weil sie etwas Politisches gesagt hat, das einem Politiker nicht gefallen hat.

Wie siehst du die derzeitige Situation in der Flüchtlingskrise? 

Ich will nie über Politik jammern, das ist nicht mein Stil, das bringt auch nix. Aber es war sehr interessant, die Wahl 2017 und die letzte zu beobachten. 2017 gab es nur das Flüchtlingsthema, bei der letzten Wahl war es auf einmal weg. Da ging es plötzlich um den Klimawandel. Ich denke, die Flüchtlingsdebatte wird ausgenutzt, um Politik zu machen. Das wurde in diesen Wahlkämpfen sichtbar.

Manchmal hab ich das Gefühl, dass es in der Politik nicht um Integration geht, sondern nur darum, Wahlstimmen zu gewinnen. Ich setze mich für Integration ein. In meinem ersten Buch "Danke. Wie Österreich meine Heimat wurde" nenne ich viele Personen, die für mich Helden der Integration sind und dafür etwas geleistet haben, aber die kommen nicht aus der Politik.

War die Stimmung 2017 anders?

Unter Schwarz-Blau hat man mehr darüber geredet, weil es das Thema der Politik war, aber meine Erfahrungen waren durchwegs positiv. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich hier aufgenommen werde. Ich stelle mir immer die umgekehrte Situation vor, wenn Österreicher nach Syrien flüchten würden.

Es gebe sicher Hilfsbereitschaft, aber auch Angst vor den Fremden. Das hab ich 2003 nach dem Irakkrieg erlebt, viele Iraker sind nach Damaskus geflüchtet. Meine Tante hat viel gespendet, aber sie hätte nie einen Iraker daheim aufgenommen. Ein Studienkollege von mir war in eine Irakerin verliebt und der Vater war total dagegen. Es ist überall gleich, wo es Fluchtbewegungen gibt.

"Heimat ist eine Möglichkeit, die du erhältst."

Auf deiner Website steht das Zitat: "Ich bin der, den jeder Politiker kennt" – was hat es damit auf sich?

Ich habe in den letzten Jahren mit vielen Politikern gesprochen, ich saß sogar einmal neben Herbert Kickl in einer Diskussion. Aber der Satz stammt aus einem Text, den ich erstmals auf Deutsch geschrieben und auch beim Poetry Slam performt habe: "Kennst du mich nicht? Ich bin Flüchtling, ich bin sehr berühmt, alle paar Tage komme ich in die Zeitung. Ein Flüchtling hat etwas gestohlen, ein Flüchtling ist in ein Geschäft eingebrochen. Ich bin der, den jeder Politiker kennt. Hast du noch nie einen Politiker sprechen hören? Ich bin in seiner Rede: Die Einleitung, der Hauptteil, der Schluss." Das bezieht sich auf die Zeit 2017.

Was können die Österreicher noch von Syrern lernen?

Wir können immer voneinander lernen, z.B. spontan sein. Es muss nicht alles geplant sein, man muss nicht alles so streng sehen. Ich kann schon behaupten, dass die Syrer lockerer sind, glaube ich. 

Was bedeutet Heimat für dich?

Heimat ist viel für mich. Sie ist nicht nur dort, wo ich aufgewachsen bin. Ich bin natürlich für immer mit dem Ort verbunden, durch alles was ich dort erlebt habe: Meine erste Liebe, der erste Kuss, die ersten Freundschaften. Aber man gewinnt auch Heimat. Heimat ist eine Möglichkeit, die du erhältst. Eine Liebe, eine Frau aber auch die Bühne bedeuten Heimat für mich.

Abschließende Frage: Warum magst du keine Semmelknödel?

Ich weiß nicht. Sie schmecken mir nicht, ich mag Spinatknödel viel lieber (lacht).

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