Get Even im Test: Shooter, so innovativ wie irritierend

Der First-Person-Shooter Get Even spart nicht mit Atmosphäre und Inszenierung. Oft herrscht aber Verwirrung.
Schon die Anfangsszene von Get Even hat es in sich und ist der Grund, warum die Veröffentlichung des Titels für PC, PlayStation 4 und Xbox One im Angesicht des Bombenattentats von Manchester um einen Monat nach hinten verschoben wurde.

Ein Mädchen sitzt im Spiel in einem heruntergekommen Raum. Es ist an einen Stuhl gefesselt und vor dem Körper liegt eine Bombe. Leise flüstert das Mädchen Zahlen, doch kein Eintippen in die Vorrichtung hilft: Es kommt zu Explosion.

Was folgt, ist nicht nur eine Rekonstruktion der Ereignisse, die da gerade passiert sind, sondern auch eine psychologische Untersuchung der Motive dahinter. Der Hightech-Shooter von Bandai Namco und The Farm 51 ist für die Spieler am Anfang aber vor allem eines: äußerst verwirrend. Hier fallen Namen, die man weder kennt, noch sich merkt. Die Geschehnisse versteht man kaum und auch was zu tun ist, erschließt sich einem nicht ganz.

Wer Shooter-Mechaniken, wie "dort ist das Ziel, tue das und mache jenes" erwartet, der wird von Get Even überrascht. Der Titel zeigt schnell, dass er sich nicht als gewöhnlicher Shooter einordnen lässt, sondern auch Schleich-, Rollenspiel-, Rätsel-, Mystery-, Horror- und Adventure-Elementen einstreut. Eines ist Get Even ganz sicher: ein außergewöhnliches Erlebnis, auch wenn man damit erst einmal warm werden muss.

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Zahlreiche Wege

Get Even gibt dem Spieler die Freiheit, Missionen gänzlich unterschiedlich anzugehen. Wer will, kann sich mit einem Waffenarsenal – das sich allerdings optisch, wie spielerisch kaum zu unterscheiden scheint – durch die Gegner schießen. Findigere Spieler schalten Feinde dagegen mit der "Corner Gun", einer Pistole, die um die Ecke schießen kann, aus. Oder aber man schleicht einfach an den Kontrahenten vorbei und kann so gut wie jeder Konfrontation aus dem Weg gehen.

CommentCreated with Sketch.0 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Was Get Even dabei aber von ähnlichen Titeln unterscheidet, ist, dass der Spieler nicht weiß, welche Vorgangsweise gerade die richtige ist und was er eigentlich tun soll. Das klingt nun schwach, ist aber in Wahrheit genial. Erst langsam erschließen sich in einer Mission die jeweiligen Ziele – wie in der Realität muss man aus Puzzlestücken erst zusammensetzen, welche Aufgabe es zu meistern gilt. Irritierend auf jeden Fall, aber überaus interessant.

Psychische Untiefen

Bei der Story erschließt es sich dem Spieler nur langsam, dass er ein Auftragskiller namens Black ist, der in einem geheimnisvollen alten Sanatorium aufgewacht ist. Black kann sich nämlich an seine Vergangenheit nicht erinnern. Zu allem Überfluss scheint er in der Gewalt eines Geiselnehmers namens Red zu sein – und soll offenbar mit einem futuristischen Gerät auf seinem Kopf dazu gezwungen werden, den gescheiterter Rettungsversuch des Mädchens im Bomben-Szenario immer wieder zu durchleben.

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Dementsprechend stellt sich dem Spieler alsbald die Frage: Was ist real und was Fantasie? Träume ich? Oder erlebe ich Erinnerungen? Keine Frage, Get Even macht das atmosphärisch richtig gut. Schade ist allerdings, dass man die tollen Wendungen und Handlungs-Twists erst im zweiten Anlauf richtig verstehen können wird. Bis dahin gräbt man sich durch Tonnen an Hinweisen, setzt Erinnerungen zusammen und ist auf das eigene Handy angewiesen. Das zeigt uns nämlich nicht nur Wärmebilder und Laufwege der Gegner, sondern dient als Lampe, UV-Sichtgerät, für Telefongespräche und SMS, Analyse-Tool für Spuren und Sammelsurium für Beweisstücke.

Detailreiches Abenteuer

So gut wie alles in Get Even ist erforschbar - seien es Fingerabdrücke, Blut- und Fußspuren, die Wärme von Heizungsrohren oder menschliche DNA an Gegenständen. Das Handy im Anschlag warnt mit grünen Leuchten am Rand, dass ein Beweisstück in der Nähe ist und per Handykamera kann man es, wenn gefunden, sichern. Außerdem blendet das Handy auch Gegner und Sichtfelder ein.

Get Even
Get Even


Schade ist auch, dass die Gegner-Intelligenz nicht ganz ausgereift wirkt. Mehrmals kommt es vor, dass Feinde uns entdecken und dann einfach an uns vorbeirennen oder in einer Mauer steckenbleiben. Zudem endet eine Feindbegegnung meist in einem Feuergefecht mit allen umstehenden Gegnern. Ein lautloses Ausschalten von einzelnen Feinden ist nur äußerst schwer möglich. Hier hätte eine bessere Kampfbalance einiges ausgemacht. Cool aber ist, dass die jeweilige Vorgangsweise auch den späteren Spielverlauf ändert. Man sollte also nie nur mit der Brechstange, respektive dem Sturmgewehr, vorgehen.

In den Tiefen des Geistes

Wer tiefer in den Titel vordringt, der wird herausfinden, dass der Protagonist Teile seiner Erinnerung wiederherstellen soll, indem er sie so exakt wie möglich durchlebt. Daran scheint auch der Geiselnehmer extrem interessiert zu sein, der zwischen Wut bei Nichteinhaltung seiner Regeln und einem versöhnlichen Ton schwankt. Sind alle Erinnerungen zusammengesetzt, soll sich auch die ganze Geschichte von Get Even enthüllen. Bis dahin verschwimmt aber die Grenze zwischen Erinnerung, Realität und Traum zeitweise komplett. Beispiel: Über eine Erinnerung geht man durch eine Tür, findet sich in einem skurrilen Traum wieder, erwacht scheinbar in der Realität und befindet sich doch wieder in einem Erinnerungsfetzen – und alles in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem man nur durch eine Tür gegangen ist.

Vor allem im ersten Drittel des Spiels ist zudem das Horror-Szenario extrem stark. Wir sind nicht allein in dem unheimlichen Sanatorium, sondern treffen auf andere "Patienten", bei denen der Wahnsinn offensichtlich ist und bei denen man nie weiß, ob sie uns angreifen, ignorieren oder helfen wollen. Einige Kandidaten kann man ausschalten, ob sie einem später helfen oder angreifen könnten weiß man dabei aber nie. Auch Rätselpassagen finden sich, bei denen man zu Punkten "warpen", Gegenstände in Erinnerungen entfernen oder hinzufügen, Schlösser knacken oder Beweise richtig anordnen muss. Das wirkt alles herrlich frisch und unverbraucht.

Sound und Grafik

Ob Bandai Namco noch eine deutsche Sprachausgabe nachliefern wird, ist unklar. Bisher gibt es die nur auf Englisch, Texte sind dafür auf Deutsch übersetzt. Die Sprachausgabe selbst ist richtig gut gemacht und wirkt authentisch. Und die eingestreuten Musikstücke Richtung Orchester und Electro sind zum Teil ganz großes Kino. Ganz klar, beim Sound liefert Get Even Außergewöhnliches ab. Respekt! Grafisch ist dagegen nicht so Spektakuläres angesagt: Get Even sieht man eine etwas veraltete Umsetzung an.

Vor allem die Objekte im Spiel wirken etwas verstaubt und die Lichteffekte sind auch nicht am neuesten Stand der Technik. Auffällig ist die Grafik vor allem, wenn man durch die Landschaft geht und entfernte Objekte – statt langsam größer zu werden – einfach überraschend im Bild auftauchen. Außerdem kommt es in manchen Passagen sogar vor, dass die Spielfigur im Boden oder in einem Baum einfach festhängt und nicht befreit werden kann, und man vom letzten Checkpoint neu beginnen muss. Keine große Sache, aber auf jeden Fall sehr ärgerlich, wenn es passiert.

Fazit: Grandios mit kleinen Schwächen

Gut zwölf Stunden dauert ein Durchlauf von Get Even, das nach dem erwarteten Ende etwa zur Halbzeit offenbart, dass es einen extrem überraschenden zweiten Spielteil gibt. Zu dem möchten wir allerdings nichts weiter verraten, denn damit wäre ein großes Story-Element zunichte gemacht. Was aber gesagt werden kann: In einem Raum in Blacks Erinnerung werden auf Tafeln die gefundenen Hinweise der jeweiligen Geistesfetzen gesammelt. Nicht nur, dass man motiviert ist, die jeweilige Erinnerung zu 100 Prozent zu vervollständigen, kann man hier auch alternative Wege in den einzelnen Szenarien ausprobieren. Das erhöht die Spieldauer gewaltig.

Get Even ist eines der außergewöhnlichsten Spiele, das uns seit langer Zeit untergekommen ist. Es ist ein gelungener Mix aus verschiedenen Genres und lebt von einer tollen Atmosphäre und einer grandiosen Musikuntermalung. Dass Grafik und Gegnerverhalten nicht so begeistern können, ist ein kleines Manko. Dass Get Even aber ein ebenso überragendes wie bei der Story verstörendes Erlebnis ist, ist unbestritten. Und bei den vielen Wendungen und Handlungssträngen innerhalb der Story ist es bewundernswert, dass Get Even am Ende diese solide vereinen und zu einem großen Spektakel verstricken kann, ohne dass es chaotisch wird.

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