"Hinter Magersucht steckt eine unglaubliche Seelennot"

Brigitte Lenhard-Backhaus vom Therapiezentrum "intakt" behandelt u.a. Magersucht-Betroffene.
Brigitte Lenhard-Backhaus vom Therapiezentrum "intakt" behandelt u.a. Magersucht-Betroffene.iStock/Lisa Leutner
Laut Studien leiden immer mehr Mädchen und Frauen an Essstörungen. Betroffene werden zudem jünger, warnt Expertin Brigitte Lenhard-Backhaus.

Laut einer kanadischen Übersichtsarbeit mit 53 berücksichtigten Studien hat sich die Häufigkeit von schweren Essstörungen während der Pandemie um fast die Hälfte erhöht. Doch das ist nicht die einzige Hiobs-Botschaft: Denn die Betroffenen werden auch immer jünger: "Wir haben jetzt schon 13- und 14-Jährige mit Magersucht in Behandlung, das nimmt überhand", erklärt auch Brigitte Lenhard-Backhaus (69) vom "intakt"-Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen in Wien.

Die letzten, konkreten Zahlen aus Österreich stammen aus dem Jahr 2015 – damals ergaben Aufzeichnungen des Österreichischen Frauengesundheitsberichtes und der Statistik Austria, dass es 7.500 an Essstörungen Erkrankte im Alter von 15 bis 20 Jahren gibt, 95 % davon Mädchen.

"Hinter dieser 'Selbstermächtigung', dass ich bestimmen kann, was ich esse, steckt eine unglaubliche Seelennot" - Brigitte Lenhard-Backhaus

"Wenn Kinder anfangen, Ausreden zu suchen und aus dem vertrauten Essverhalten ausbrechen, dann sollten Eltern wachsam sein. Schwenken Kinder etwa auf vegetarisches oder veganes Essen um – aus angeblichem Mitleid mit den Tieren – wollen sie vielleicht damit vermitteln, dass sie selbst arm sind", meint Lenhard-Backhaus, die mit der ehemals Betroffenen Sophie Matkovits gemeinsam das Buch "Hunger auf Leben" verfasst hat.

Die Kontrolle über etwas zu haben – und sei es nur über das eigene Essverhalten – ist, gerade zu Beginn der Pubertät, für viele Teenager wichtig: "Hinter dieser 'Selbstermächtigung', dass ich bestimmen kann, was ich esse, steckt aber eine unglaubliche Seelennot", zeigt Lenhard-Backhaus auf. 

Eltern sollten sich rasch Hilfe holen

Neben den psychischen Auswirkungen sind auch die physischen Aspekte von Bedeutung: "Gerade in der Pubertät, wo sich das Hirn neu strukturiert und neue Synapsen bildet, nichts zu essen und das Gehirn somit unterernährt ist, ist gefährlich. Hinzu kommt: Wenn Kinder schon zu Beginn dünn sind, geraten sie schnell in den Bereich, der kritisch ist", warnt die diplomierte Lebens- und Sozialberaterin. 

Wenn Eltern klar wird, dass ihr Kind kein normales Essverhalten hat, sollten sie rasch reagieren. Denn viele hoffen bis zuletzt, dass sie das Problem selbst lösen können: "Diese Krankheit hat so viel Macht, aber dahinter steckt ganz viel Ohnmacht. Klarheit ist das oberste Gebot. Man sollte sich schnell Hilfe holen. Sonst heißt es im Nachhinein: 'Wir haben zu lange gewartet. Wir haben geglaubt, wir kriegen das selber in den Griff'", meint Lenhard-Backhaus.

"Betroffene brauchen Grenzen, sonst nährt man die Essstörung" - Brigitte Lenhard-Backhaus

Ein weiterer wichtiger Punkt für die 69-Jährige: Wenn Kinder verunsichert sind, versuchen manche Eltern sofort Lösungen anzubieten: "Stattdessen sollten sie die Fragen zurückzugeben – 'Wie denkst du darüber?' oder 'Was brauchst du?' – damit die Kinder lernen, eigene Entscheidungen zu treffen." Auf der anderen Seite sei es auch wichtig, gewisse Regeln einzuhalten: "Betroffene brauchen Grenzen, sonst nährt man die Essstörung. So ist es etwa wichtig, Rituale beizubehalten, auch wenn Veränderungen eingefordert werden."

Eltern sollten sich zudem die Frage stellen: Wie stärke ich den gesunden Anteil des Kindes? "In jedem Betroffenen steckt ein gesunder und ein kranker Anteil. Der kranke Anteil ist lange gnadenlos – viele Betroffene sprechen dabei von einer 'Stimme', einem 'Monster' oder einem 'Teufelchen', die Sätze wie 'Das verdienst du nicht!' oder 'Wie kriegst du das wieder runter?' einflüstern", erläutert Lenhard-Backhaus. 

Soziale Medien werden immer wichtiger

Neben der Genetik – laut Andreas Karwautz, Leiter der Ambulanz für Essstörungen der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der MedUni Wien, ist sie bei Magersucht zu etwa 60 Prozent verantwortlich – spielen auch soziale Medien eine immer größere Rolle.

"Vor allem während der Lockdowns ist die Social-Media-Nutzung stark gestiegen. Influencer erklären, was man essen darf und was nicht. Aber Vergleich ist Gift in diesem Alter. Jugendliche müssen ihre eigene Sicht entwickeln und sich fragen: 'Wer bin ich?'. Früher hat dieser Prozess mit 15 Jahren begonnen, heute beginnt er mit 13", so Lenhard-Backhaus.

"Feinfühlige Kinder verlieren das Gespür für eigene Bedürfnisse, weil sie immer allen anderen entsprechen wollen" - Brigitte Lenhard-Backhaus

Laut der Expertin sind oft Kinder und Jugendliche von Magersucht betroffen, die sehr feinfühlig für die Bedürfnisse der anderen sind: "Aber sie verlieren dabei das Gespür für eigene Bedürfnisse, weil sie immer allen anderen entsprechen wollen. Oft steckt eine 'gute Absicht' dahinter, nach dem Motto: 'Lieber geht's mir nicht gut, als dir!'"

Erkrankt ein Kind während der Pubertät an einer Essstörung, stehen die Chancen auf Heilung gut: "Die meisten Betroffenen sind nach etwa zwei Jahren Therapie gut zu stabilisieren. Wichtig ist dabei die Unterstützung im Familiensystem. Ich halte mich da an ein Zitat der britischen Psychiaterin Janet Treasure: 'Nur du allein kannst es schaffen, aber du kannst es nicht allein schaffen.'"

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