Hinterseer: "Es wird ein neuer Star daherkommen"

Hansi Hinterseer ist Ur-Kitzbüheler – und Top-Experte, wenn es um das Thema Hahnenkammrennen geht. "Heute" traf die Ski-Legende zum bärigen Interview.
Kitzbühel, Cafe EcKing, Montag 15 Uhr. Die Tür geht auf. Das blühende Leben betritt die gemütliche Blockhütte am Ortsrand, blickt sich um, erspäht den "Heute"-Redakteur. "Grias di, do bisch eh scho richtig", teilt es mit. Ich hatte keine Zweifel.

Als ich zehn Minuten zuvor das Lokal betrat und meinen Gesprächspartner ankündigte, geleitete mich die charmante Kellnerin zu einem schmalen Holztisch mit drei gemütlichen Sitzgelegenheiten. Eine war mit weißem Fell überzogen. "Des isch sei Stammplatz", erfahre ich. Ein hölzernes "reserviert für HANSI"-Schild macht klar, dass der Gewinner von sechs Weltcup-Rennen hier tatsächlich sein zweites Wohnzimmer gefunden hat. "Do san a seine Spielkoarten", wird erklärt. Hier, fernab vom Trubel, fühlt sich Hansi Hinterseer also wohl, hier will er über einst und jetzt sprechen. Ein Glas Wasser, ein Kaffee und ein Marillenkuchen mit Schlag dienen ihm als Stärkung.

Das Wichtigste gehörte freilich gleich zu Beginn geklärt. Warum, Herr Hinterseer, tragen Sie bei unserem Interview keine Moonboots? "Die hatte ich am Vormittag an", beruhigt mich der ab 2. Februar 66-Jährige. "Später wurde es zu warm, da werden sie leicht schmutzig." Patziger Schnee und so, alles klar.

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"Der Druck war enorm"



Der Grund für unser Treffen ist klar. Die Hahnenkammrennen feiern am Wochenende ihr 80-jähriges Jubiläum. Hinterseer ist der letzte Einheimische, der eines davon gewinnen konnte. 1974 triumphierte er im Slalom.



"Das war schon etwas Besonderes", erinnert sich der Entertainer. "Ich habe hier das Skifahren gelernt, der Druck war enorm." Vor allem nach Durchgang eins, den er als Schnellster absolvierte. "Die Besichtigung der Läufe lief damals noch anders ab. Wir sind die Tore von unten nach oben durchgegangen. Jeder wünscht dir viel Glück, hat einen Ratschlag. Gut gemeint, jeder wollte helfen, aber eigentlich war ich mit mir selbst beschäftigt. Die Erleichterung war riesig, als ich es dann geschafft habe. Erneut mit Bestzeit."

Offizielles Preisgeld gab es für den Sieg keines. "Das war damals anders geregelt, wir hatten eine andere Aufteilung. Wir hatten ein gutes Fixum und verschiedene Firmen haben gut gezahlt."

46 Jahre später darf sich der Sieger über 100.000 Euro freuen. "Für den Ersten ein Haufen Geld, aber verglichen mit anderen Sportarten ein Klacks. Was bekommt der Zehnte, der vielleicht zwei Zehntel langsamer ist? Da bekommt man dann eine Ahnung davon, wo der Skisport im weltweiten Vergleich in etwa steht."

"… das kann es ja nicht sein"



Hinterseer geht ins Detail. "Schau nach Deutschland. Wenn ich im Norden auf Konzert-Tournee bin, ist es schon schwierig, die Rennen im Fernsehen zu sehen. Die werden oft gar nicht übertragen."

Nicht der einzige Kritikpunkt, den die Frohnatur auf Lager hat. Spricht man das Thema Materialentwicklung an, vergeht dem Ski-Idol das Lachen. "Wir haben derzeit locker 20 Verletzte im Weltcup-Zirkus, das kann es ja nicht sein. Oft brauchen die Athleten gar nicht mehr herkugeln, haben sie schon einen Bänderriss."

Hinterseer führt das in erster Linie auf die aggressiven Schuhe zurück. "Die sind so giftig, so dünn. Jede kleinste Bewegung überträgt sich auf den Ski. Es ist ein Wahnsinn, welche Dynamik da dahinter steckt. Der Zuschauer merkt das ja gar nicht. Mir gefällt nicht, was da passiert. Denn selbst im Nachwuchs haben sie schon Probleme mit der Patellasehnen."

"Vor Marcel gab es andere Stars"



Einer, der rechtzeitig den Absprung gewagt hat, ist Marcel Hirscher. "Er hat eine unglaubliche Karriere hingelegt, er hat Geschichte geschrieben", schwärmt Hinterseer. Um mit einem "Aber" fortzufahren. "Vor Marcel gab es andere Stars, wie den Hermann Maier, den Girardelli, den Stenmark. Es gibt viele Beispiele. Natürlich hat Hirscher die letzten Jahre geprägt, das ist eben in der jetzigen Generation frisch in Erinnerung. Den Fans wird er abgehen. Was vor 20 Jahren war, wissen viele halt nicht mehr. Ich bin mir sicher, es wird früher oder später ein neuer Superstar daherkommen."

Ein Comeback von Hirscher schließt Hinterseer jedenfalls aus. "Marcel hat eine tolle Entscheidung getroffen. Der Körper wird nicht jünger. Und hinten kommen die nächsten nach, die Dichte ist enorm. Schau dir Kristoffersen an. Der hat geglaubt, wenn Hirscher aufhört, ist er der Chef. Dabei ist er oft wieder nur Zweiter."

Zurück zu Kitzbühel. Hinterseer wuchs auf der Seidlalm auf, die Geschichte ist bekannt. Jeden Tag fuhr er auf Skiern talwärts in die Schule. "Wenn wenig Schnee gelegen ist, bin ich sogar über die Wiese gerutscht", grinst er. "Später fuhr ich mal an einem Tag 19 Mal die Streif runter. Das ist mein persönlicher Rekord."

"Ich war nie auf der Würschtelparty"



Doch warum wurde aus ihm im Weltcup ein Techniker? Damals war die Klammer-Zeit, jeder wollte Abfahrer werden. Es sind sicher 20 Leute in der Quali gefahren, die haben sich zerrissen. Diesen Stress wollte ich mir nicht antun. Vor allem war ich im Slalom und Riesentorlauf richtig gut, ich habe mich also auf meine Kerndisziplinen konzentriert."

Neben der Streif und dem Ganslernhang steht in den kommenden Tagen freilich auch das Nachtleben im Fokus. Zahlreiche Adabeis haben sich angekündigt, die Qual der Party-Wahl fällt schwer. Nicht Hinterseer. Der "Local Hero" schaut nämlich nur bei seinem Sponsor Audi und bei Arnold Schwarzenegger vorbei, um die anderen Events macht er einen feschen Carving-Schwung. "Ich war noch nie auf der Würschtelparty", lässt er aufhorchen. Gemeint ist freilich die legendäre Weißwurstparty beim Stanglwirt, wo Andreas Gabalier und Co. ihr traditionelles Gesichtsbad nehmen.

Hinterseer mag es weniger aufgeregt. So wie hier im Cafe EcKing. Eine Damenrunde am Nebentisch grüßt freundlich, Hansi lässt seinen Charme spielen, wechselt ein paar freundliche Worte. Zeit für mich, das Feld zu räumen.





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