Irak: "Jugendliche wurden mit Kopfschüssen getötet"

Heftige Proteste gegen die Regierung fordern im Irak 150 Tote. "20 Minuten"-Redakteurin Ann Guenter ist mitten in die Ausschreitungen geraten.
Ann, warum bist du in den Irak gereist?

Ich bin letzte Woche für eine Gerichtsreportage nach Bagdad geflogen. Am Tag meiner Ankunft brachen die ersten Unruhen aus, die angespannte Stimmung war selbst vom Taxi aus spürbar. Meine geplante Recherche musste ich vorerst auf Eis legen.

Was hast du von den Unruhen mitbekommen?

Es herrscht Ausgangssperre: Die Quartiere wurden von Sicherheitskräften abgeriegelt, und ich konnte das Viertel Karada, in dem mein Hotel lag, nicht verlassen. Ein beengendes Gefühl! Nachdem die Regierung den Versammlungsort der Demonstranten, den Tahrir-Platz, gesperrt hatte, eskalierte die Situation an verschiedenen Orten der Stadt. Meldungen über die ersten Toten gingen ein. Die Bilder der verletzten Jugendlichen, aber auch deren große Wut in den Nachrichten zu sehen, war angsteinflößend.

Wie war die Stimmung?

Die Regierung blockierte das Internet, die Ämter wurden geschlossen. Die Gerüchteküche brodelte: Niemand wusste, wer wirklich hinter diesen Protesten stand, ob die Jugendlichen vielleicht politisch instrumentalisiert wurden. Meine lokalen Kontaktpersonen rieten mir dringend dazu, das Hotel zu verlassen und mich in das stark gesicherte Gelände der französischen Botschaft zu begeben. Ich folgte ihrem Rat.

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Du bist eine hellhäutige, blonde Frau, Journalistin noch dazu. Hattest du Angst?

Ganz ehrlich: Im Hotel war ich die einzige westliche Frau. Die dicken Mauern, der Stacheldraht, die Stahltüren und die von Soldaten gesicherten Checkpoints auf dem Botschaftsgelände gaben mir ein Gefühl der Sicherheit. Auf dem Gelände liegt auch das Büro der französischen Nachrichtenagentur AFP, dort kam ich unter.

Es sind vor allem Jugendliche, die gegen die Regierung auf die Straße gehen. Was sind ihre Forderungen?

Der Irak ist durch seine Erdölvorkommen eigentlich reich, doch der Reichtum erreicht wegen der massiven Korruption die Bevölkerung nicht. Die Jugendlichen haben genug von der Korruption, der Armut und der Perspektivlosigkeit im Land: Die öffentliche Infrastruktur ist am Boden, die Jugendarbeitslosigkeit enorm hoch. Die Entlassung eines in der Bevölkerung sehr populären Generals brachte das Fass zum Überlaufen. Die Jugendlichen organisieren die Proteste über die sozialen Medien. Mit der Blockierung des Internets möchte die Regierung die Demonstrationen eindämmen. Das gelang offensichtlich nicht.

Die Proteste sollen anfangs friedlich gewesen sein.

Ja. Doch dann begann die Regierung, mit ungezielter Gewalt gegen die Demonstranten vorzugehen, Scharfschützen wurden eingesetzt, von denen niemand weiß, unter wessen Befehl sie stehen. Die AFP-Journalisten erzählten, wie unmittelbar neben ihnen Demonstranten in den Kopf geschossen worden sei. Sie zeigten mir die Gasmasken und schusssicheren Westen, die sie zur Berichterstattung über die Proteste tragen.

Gasmaske, Helm, schusssichere Weste: Die Arbeitsausrüstung der Journalisten während der Proteste.





Gegen Abend strömten die Jugendlichen zu den Protesten. Gemeinsam mit einem lokalen Journalisten schloss ich mich ihnen an: Hunderte junge Männer, viel Frustration, Wut und Testosteron, die Stimmung war sehr aufgeheizt. Dutzende Ambulanzen und Sanitäter mit Bahren standen bereit. Es war klar, dass mit Verletzten und Toten gerechnet wurde.

Ein junger Iraker mit einem Rucksack sprach mich an. Er war sehr freundlich und meinte, ich solle in seiner Nähe bleiben, er habe eine Erste-Hilfe-Ausrüstung dabei und würde mir helfen, falls ich verletzt würde. Das berührte mich, gleichzeitig verstärkte sich mein mulmiges Gefühl.

Dir ist aber nichts passiert?

Immer mehr Männer sprachen mich an, wollten wissen, ob ich Amerikanerin sei. Als ich zu filmen begann, kamen immer mehr Jugendliche zu mir und zeigten mir auf ihren Handys die Aufnahmen, die sie am Vortag gemacht hatten. Darauf sah ich Demonstranten, die von Kugeln getroffen in sich zusammensackten. Junge Männer, die von Militärfahrzeugen überfahren wurden, auf ihren zerquetschten Oberkörpern die Abdrücke von Reifenprofilen. Viele Demonstranten zeigten mit Fotos von Leichen mit Kopfschüssen. Je länger ich filmte, umso mehr Männer drängten sich um mich herum. Einige begannen, mich zu betatschen. Mein Begleiter meinte, er könne mich nicht mehr schützen. Er hatte Angst, dass ich zusammengeschlagen und vergewaltigt werden könnte. Mit einem Tuktuk fuhren wir davon.

Zurück in das sichere Botschaftsgelände?

Ja. Von dort hörten wir wie schon an den Tagen zuvor Maschinengewehrsalven und sahen Blitze von Explosionen am Horizont. Ich fühlte mich zwar sicher, ganz ruhig war ich aber nicht. Draußen herrschte fast schon Krieg. Die Opferzahl stieg genauso wie die Wut der Jugendlichen.

Vergangenes Wochenende wurden verschiedenen Redaktionen im Irak bedroht, auch die AFP erhielt Drohungen. Die Journalisten der AFP wurden darauf in die französische Botschaft evakuiert, ich blieb alleine zurück. Ich stellte mir vor, wie ich mich hinter dem Schrank versteckte, falls meine Wohnung gestürmt wurde.

Die Regierung in Bagdad hat das Internet ausgeschaltet. Bestimmt haben sich zu Hause alle Sorgen um dich gemacht.

Frühmorgens gab es jeweils ein kurzes Zeitfenster, in dem die Regierung das Internet einschaltete, um ihre eigenen Mitteilungen zu verschicken. So konnte ich meiner besorgten Familie und den Kollegen auf der Redaktion mitteilen, dass es mir gut geht.

Wo bist du im Moment?

Am Sonntag entschlossen sich die Journalisten der AFP, in die Kurdenhauptstadt Erbil im Norden des Irak zu fliehen. Weil es rund um die Proteste zu gefährlich war und ich meine ursprünglich geplante Reportage ohnehin nicht umsetzen konnte, schloss ich mich ihnen an.

Unterdessen hat die irakische Regierung die Forderungen der Jugendlichen als berechtigt bezeichnet und will Maßnahmen in die Wege leiten. Was denkst du, wie geht es im Irak nun weiter?

Dieses Wochenende steht ein wichtiges schiitisches Fest an. Beobachter gehen davon aus, dass es währenddessen ruhiger sein wird, die Konflikte danach aber wieder aufflammen könnten. Die Jugendlichen schenken den Zugeständnissen der Regierung keinen Glauben. Die Gewalt der Sicherheitskräfte, die laut lokalen Quellen mehr als 150 jugendliche Todesopfer und über 6.000 Verletzte gefordert hat, scheint die Wut nur weiter zu entfachen. Den Mut der Jugendlichen, gegen die für sie unerträglichen Zustände auf die Straße zu gehen und dafür große Risiken in Kauf zu nehmen, finde ich enorm beeindruckend.

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