IS-Propaganda hat in der Türkei größtes Publikum

In keinem anderen Land der Welt klicken mehr Menschen auf IS-Propaganda als in der Türkei. In Europa ist Großbritannien Spitzenreiter.

Die Türkei steht an der Spitze, gefolgt von den USA: Die britische Denkfabrik Policy Exchange hat am Dienstag eine Studie veröffentlicht, in der sie Konsumenten von IS-Propaganda im Internet nach Klicks und Ländern aufschlüsselt.

Demzufolge wird solcher Inhalt am meisten in der Türkei geklickt, gefolgt von den USA, Saudiarabien, dem Irak und Großbritannien. Damit findet IS-Propaganda in keinem anderen Land Europas so viel Publikum wie im Vereinigten Königreich.

100 neue Beiträge – pro Woche

Erarbeitet hat den 130-seitigen Bericht mit dem Titel "The New Netwar" ein Team rund um den Historiker Martyn Frampton an der Queen-Mary-Universität in London. Nie zuvor habe die Terrormiliz mehr Propaganda-Material ins Netz geladen, heißt es. "Die Bewegung produziert in einer durchschnittlichen Woche rund 100 neue Beiträge (oft viel mehr). Das führt zu einem ständig wachsenden Archiv von Material über drei Jahrzehnte", heißt es.

Die Zahl der Nutzer sei vergleichsweise überschaubar und bewege sich in den Zehntausenden. Weiter seien die großen Internetfirmen in der Lage, entsprechend extremistischen Inhalt zu verhindern – oder sollten es zumindest sein.

Online-Extremismus ist "präsente Gefahr"

Das geschehe aber noch viel zu wenig, "online gewinnen wir den Krieg sicher nicht", resümieren die Wissenschaftler und sprechen sich für eine härtere Vorgehensweise aus. "Die Menge von Terroranschlägen, die Großbritannien im ersten Halbjahr 2017 erlitten hat, bestätigt, dass Online-Extremismus real und eine präsente Gefahr ist", schreiben sie.

In allen Fällen habe das Internet im Radikalisierungsprozess der Täter eine große Rolle gespielt. Es sei offensichtlich, dass die aktuellen Maßnahmen im Kampf gegen extremistischen Inhalt im Netz "nicht funktionieren". Auch David Petraeus, der ehemalige CIA-Direktor, schreibt in seinem Vorwort, Online-Extremismus werde "unzureichend bekämpft".

Inhalte immer erst auf Telegram

Der Bericht stellt weiter fest, dass das Material zunächst meist über die Nachrichten-App Telegram an Follower weitergegeben wird, "bevor es in die Kanäle der führenden sozialen Medien (Twitter, Facebook, Google) gespielt wird". Danach erfolgen 40 Prozent der Klicks auf IS-Propaganda über Twitter, wie die Autoren herausgefunden haben.

Politiker weltweit fordern die großen Internetanbieter und die sozialen Medien immer wieder auf, rigoroser gegen extremistische Inhalte vorzugehen. Die britische Premierministerin Theresa May und der französische Präsident Emmanuel Macron haben gar vorgeschlagen, Unternehmen zu strafen, auf deren Plattform solche verfügbar bleiben.

"Schwierige Herausforderung für uns alle"

Die Internet-Riesen sagen, sie bemühen sich, extremistischen Inhalt zu verhindern, Google beschreibt Online-Extremismus gegenüber der BBC aber als "schwierige Herausforderung für uns alle". Facebook gibt an, "offensiv" gegen solchen vorzugehen und hat etwa eine Datenbank erarbeitet, in der extremistische Videos und Bilder katalogisiert werden. Bei Twitter heißt es, terroristische Inhalte hätten auf der Plattform keinen Platz.

Was in der Studie nicht erörtert wird: Wer die Propaganda anklickt und warum. Zwar dürften viele der Konsumenten mit den verbreiteten Ideen übereinstimmen, eine große Zahl der Nutzer könnten aber auch Journalisten, Sicherheitsbeauftragte, Akademiker oder just Neugierige sein. (kko)

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