Linzer Suchtforscher sagt: "Facebook ist eine Seuche"

Bis zu 19 Stunden täglich und auch nachts online: Ein Suchtmediziner erklärt, weshalb die sozialen Medien Gift für das echte Leben sind.

Herr Yazdi, haben Sie einen Facebook-Account?

Habe ich nicht und noch nie gehabt. Auch andere soziale Medien nutze ich nicht. Ich bin kein Mensch, der gerne viel online kommuniziert. E-Mails und SMS schreibe ich für kurze organisatorische Dinge. Um mit Menschen in Kontakt zu treten, sitze ich lieber im Café.

Sie gehören demnach nicht zu den über zwei Milliarden Menschen weltweit, die 2017 Facebook nutzten. Gewissermaßen existieren Sie nicht.

Nein, ganz im Gegenteil: Sehr wohl existiere ich! Meine eigentliche Existenz findet ja in der Familie und im engen Freundeskreis statt. Dort befindet sich das Rudel, das mir Sicherheit gibt und dem ich Sicherheit geben kann. Facebook diente ursprünglich dazu, dass man mit Menschen, die man sowieso kennt, zusätzlich in Kontakt bleiben kann. Auch sollte man sich mit Leuten austauschen können, die man aufgrund der Distanz nicht regelmäßig sieht. Viele Jugendliche sind zwar gleichzeitig auf vielen Kanälen aktiv wie Facebook, Instagram, Snapchat, Twitter und YouTube. Dabei sind sie aber einsam – sie sind in den sozialen Medien komplett gefangen.

Welche Auswirkungen hat das?

Facebook und alle sozialen Medien sind eine Seuche. Seit acht Jahren behandeln wir am Kepler Universitätsklinikum in Linz jedes Jahr 30 Prozent mehr onlinesüchtige Jugendliche. Letztes Jahr registrierten wir 400 Patienten wegen Social-Media-Sucht. Besonders gravierend ist, dass die Patienten immer jünger werden. Als wir unsere Ambulanz 2010 eröffneten, waren die Patienten noch zwischen 20 und 25 Jahre alt. Mittlerweile melden sich aber schon Eltern von 9-Jährigen, die süchtig nach sozialen Medien sind. Vor allem junge Frauen sind davon betroffen. Männer sind eher süchtig nach Onlinegames.

Können diese Patienten noch zur Schule gehen oder arbeiten?

Nein. Gemeinsam ist ihnen, dass sie aus dem sozialen System gefallen sind. Da sie sich nur noch in der virtuellen Welt aufhalten, sind sie psychosozial nicht mehr funktionsfähig. Sie versagen in der Schule, gehen ihrer Ausbildung nicht mehr nach und haben keine echten Freunde mehr.

So widerstehen Sie sozialen Medien

Zur Entschleunigung empfehlen die Experten, mit einer simplen Übung zu starten: Sich auf eine Parkbank setzen und einfach blöd gucken. Ungefähr zehn Minuten lang. Das habe die halbe Welt nämlich vergessen.

Für den Fall, dass man urplötzlich ein unwiderstehliches Verlangen nach sozialen Medien verspürt, empfehlen sie, einen imaginären Notfallkoffer zu packen. Einpacken solle man:
- wenn man Sport mag: die Joggingschuhe, weil 15 Minuten joggen davon abhalten, rückfällig zu werden.
- wenn man Filme mag: Das aktuelle Kinoprogramm, weil man im Kino nicht so leicht rückfällig werden kann.
-wenn man Sex mag: Die Notrufnummer der Freundin oder des Freundes.
- den Namen eines Menschen, dem man vertraut und der darauf vorbereitet ist, dass man ihn in einem schwachen Moment anrufen wird.

Wie verhalten sich Menschen, die süchtig nach Social Media sind?

Am Tag verbringen sie 18 bis 19 Stunden online. Auch während der Hausaufgaben sind sie auf Facebook, Instagram, Twitter und YouTube aktiv. Und nachts stellen sie stündlich den Wecker, um die sozialen Medien zu checken. Es geht ihnen nicht um den Inhalt. Stattdessen haben sie Angst, nicht erreichbar zu sein und etwas zu verpassen. Gleichzeitig trauen sich die Betroffenen aber fast nicht mehr aus dem Haus.

So erkennen Sie, ob Sie süchtig sind

- Gilt Ihr erster Blick am Morgen und Ihr letzter Blick am Abend Ihrem Smartphone?
- Werden Sie unruhig oder ängstlich und bekommen Sie das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn Sie über einen Zeitraum von mehreren Stunden ohne Ihr Smartphone und damit ohne Facebook sind?
- Fotografieren Sie Ihr Essen und vieles andere mit Ihrem Smartphone, um es auf Facebook zu posten?
- Haben Sie den Drang, alles, was Sie erleben, bei Facebook und Co. zu posten und zu teilen?
- Lassen Sie Ihr Smartphone manchmal über Nacht an, um ja nichts zu verpassen?
- Haben Sie Angst davor, nicht genügend Likes zu bekommen?
- Ziehen Sie Facebook und Ihr Smartphone Ihrem Partner und der Kommunikation mit echten Freunden vor?
- Nehmen Sie Ihre reale Umgebung kaum noch wahr, weil Sie ständig auf Ihr Smartphone starren, ob im Bus, in der U-Bahn, beim Spazierengehen oder beim Essen?
- Brauchen Sie Likes, um sich geliked zu fühlen, weil Sie vergessen haben, wie es sich anfühlt, echt gemocht und echt geliebt zu werden?

Warum?

Weil ihre virtuelle Erscheinung eine ganz andere ist als ihre echte. In ihren Profilen präsentieren sie sich als extrovertierte, abenteuerlustige und attraktive Personen. Es ist möglich, dass eine Jugendliche 95 Kilo wiegt, aber Fotos postet, auf denen sie spindeldürr erscheint. Manche junge Frauen leiden unter massiven sozialen Ängsten, weil sie in der Realität nicht dem entsprechen, was sie posten. Obwohl sie sich online wie Stars in Szene setzen, trauen sie sich zum Beispiel in der Gruppentherapie kaum, ein Wort zu sagen.

Wie behandeln Sie solche Menschen?

Sie wieder zurück in das echte Leben zu bringen, ist eine besondere Herausforderung. Denn solange sie online sein können, ist für sie die Welt in Ordnung. Wir müssen ihnen beibringen, die Qualitäten des echten Lebens wieder zu entdecken: einem Freund gegenübersitzen, einfach aus dem Fenster schauen, im Zug sitzen, ohne auf dem Handy herumzuspielen, tanzen gehen, sich verlieben. Wir müssen ihnen wieder beibringen, dass sie Beziehungswesen sind.

Sie haben ein "Facebook-Aufhörbuch" geschrieben. Unter anderem fordern Sie die Leser sogar dazu auf, zu erkennen, dass "diese Droge" den Menschen und ihrem Leben nicht guttue. Ist Aussteigen wirklich die Lösung?

Ich habe natürlich nichts dagegen, wenn man Facebook in gesundem Maße nutzt. Aber das ist nicht einfach. Facebook manipuliert unsere Psyche mit ständigen kleinen Belohnungen und verpasst uns so Kicks und Glücksgefühle.

Facebook soll die Daten von Millionen von Nutzern missbraucht haben. Trotz des Datenskandals wird wahrscheinlich niemand einfach aussteigen.

Ja. Facebook pflanzt uns auch bedrohliche Verlustängste ein. Diese machen es richtig schwer, auszusteigen. Viele solche soziale Netzwerke sind digitale Drogendealer. Dieser Industrie geht es nicht darum, der Menschheit zu helfen, leichter zu kommunizieren, wie es Mark Zuckerberg immer wieder propagiert.

Sondern?

Facebook lebt von Werbung und möglichst vielen Klicks – wie jedes andere Unternehmen auch. Das Netzwerk will uns online binden. Die User sollten auf keinen Fall nur kurz reinschauen, sondern immer viel mehr Zeit darauf verbringen, als sie vorhatten.

Löschen Ihre Patienten den Account nach der Behandlung?

Nicht alle. Sie nutzen die sozialen Medien aber dann zum Beispiel nur noch zu bestimmten Zeiten. Viele berichten, dass sich ihre Lebensqualität deutlich verbessert hat.

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